Einführung

From Herrenhäuser
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Herrenhäuser im Ostseeraum

Versuch einer Definition

Zeitlicher Rahmen

Untersuchungsregion

Forschungsansatz

Herrenhäuser in der Gegenwart

Herrenhäuser im Ostseeraum

Herrenhäuser und ihre Gutsanlagen gehören zum wichtigsten kulturellen Erbe der Kulturlandschaft des Ostseeraums. Als kunsthistorischer Untersuchungsgegenstand sind sie äußerst aufschlussreich, denn das Herrenhaus ist ein Ort, an dem sich architektonische, bildkünstlerische und gartenhistorische Formungen gleichermaßen ablesen lassen.

Herrenhäuser waren überdies als Zentren der den gesamten Ostseeraum prägenden Gutswirtschaft und vorindustrieller Produktionsstätten in ein umfassendes Netzwerk von Handelsbeziehungen im Ostseeraum eingebunden, was – neben Einkommensquellen aus Diensten für den Landesherrn – überhaupt erst die finanzielle Voraussetzung für ihre repräsentative Ausgestaltung schuf.

Ihre Erforschung verspricht folglich insbesondere in einer transnationalen und interdisziplinären Perspektive einen großen Erkenntniswert: Die Forschungsplattform des Herrenhauszentrums möchte in diesem Sinne zu einer Vernetzung bestehender und künftiger Forschungen sowie der Erhaltung und Dokumentation der Herrenhauslandschaft des Ostseeraums beitragen.

Bothmer, Ansicht, 2022
Fossesholm, Tapete mit Sägewerk, 1763
Ostseeraum

Das Herrenhaus im Ostseeraum: Versuch einer Definition

Ein Herrenhaus bildete das zentrale Gebäude einer zugehörigen Guts- und Wirtschaftsanlage, ist jedoch zu unterscheiden vom Begriff des Gutshauses, der terminologisch nicht klar definiert ist und beispielsweise auch größere Bauernhäuser umfasst. Eine Gutsanlage umfasst – neben dem Herrenhaus mit Garten und Park – Wirtschaftsbauten wie Ställe oder Scheunen und weitere Nebengebäude unterschiedlichster Funktion, beispielsweise Remisen, Verwaltungsbauten oder Eiskeller.

Ebenso muss das Herrenhaus von fürstlichen Residenzen regierender Häuser oder Land- und Sommerhäusern ohne Priviliegien abgegrenzt werden. Vielmehr definiert sich der Begriff des Herrenhauses in Bezug auf den landsässigen und landständisch organisierten Adel oder eine nichtadelige Elite: Es fungierte als Wohn- und Arbeitsort von Gutsbesitzern und Gutsbesitzerinnen mit speziellen Privilegien, etwa der Ausübung der Niederen Gerichtsbarkeit und häufig steuerlichen Vorteilen. Nicht-regierender Adel bildete die Ritterschaft und war landtagsfähig mit zum Teil erheblichen Machtbefugnissen. Seit dem 18. Jahrhundert vergrößerte sich der Einfluss vermögender bürgerlicher Eliten, die nun häufig Herrenhäuser mit Gutsanlagen besaßen. Die Erforschung der Herrenhäuser nimmt somit die Sitze unterschiedlicher Eliten in den Blick, die mittels der künstlerischen Formung der Anlage Standesbewusstsein, geteilte Werte, aber mitunter auch gegenseitige Konkurrenzverhältnisse zum Ausdruck bringen wollten.

Gut Emkendorf, Gesamtanlage, 2023
Gut Emkendorf, Ehrenhof und Wirtschaftshof, 2023
Hafslund, Luftbild 1974

Zeitlicher Rahmen

Die Forschungsplattform und das zu Grunde liegende Forschungsprojekt legen einen Schwerpunkt auf die Erforschung von Herrenhäusern im 18. Jahrhundert, hiermit einen Zeitraum wählend, der von einer intensiven Bauaktivität geprägt war. Mit dem Ende des Großen Nordischen Krieges 1721 setzte eine langjährige Friedensphase ein, welche die Entstehung zahlreicher neuer Anlagen besonders begünstigte. Die tiefgreifenden Umwälzungen am Ende des 18. Jahrhunderts (Französische Revolution, Napoleonische Kriege, Ende der Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation u.v.a.m.) übten auch einen nachhaltigen Einfluss auf die Herrenhauslandschaft im Ostseeraum aus, wodurch sich die Randbedingungen für Herrenhäuser nachdrücklich veränderten und das Ende des Forschungszeitraums um 1800 begründen. Aus diesem Zeitraum sind die Fallstudien gewählt.

Erik Palmstedt, Entwurf für Österbybruk, 1776

Untersuchungsregion

Mit Herrenhäusern rückt explizit ein ländlicher Kulturraum in den Fokus. Vor dem Hintergrund der Annahme einer gemeinsamen historischen Kulturlandschaft des Ostseeraums bezieht die Forschungsplattform des Herrenhauszentrums alle heutigen Anrainerstaaten der Ostsee (Deutschland, Polen, Litauen, Lettland, Estland, Finnland, Schweden, Dänemark sowie auch Norwegen) mit in die Untersuchung ein. Russland mit den russischen Oblasten Kaliningrad, Leningrad, Pskow und Nowgorod sowie die Republik Karelien wird aktuell nicht berücksichtigt. Die dortigen Objekte machen lediglich etwa 3–5% der Gesamtzahl der Herrenhäuser im Ostseeraum aus.

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Forschungsansatz

Das Herrenhaus und die umgebende Gutsanlage werden als Ensemble betrachtet, inklusive Gärten und Parks, landwirtschaftlichen Flächen und zugehörigen Wirtschaftsgebäuden. In den Anlagen verdichten sich Informationen zu Architektur und Ausstattung, Garten und Landwirtschaft, Besitzverhältnissen sowie Technik- und Wissenschaftsgeschichte des 18. Jahrhunderts. In einer transnationalen Perspektive stehen die komplexen, länderübergreifend wirksamen Beziehungen sowie damit einhergehende Austauschprozesse und Modellrezeptionen in ihren Einflüssen auf Herrenhäuser und ihre Gutsanlagen im Fokus.

Aus kunsthistorischer Perspektive werden insbesondere Architektur, Ausstattung und Garten der Herrenhäuser untersucht, um in vergleichender Betrachtung Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der Herrenhauslandschaft des Ostseeraums herauszuarbeiten. Herrenhäuser und ihre Gutsanlagen sind jedoch für viele Fachrichtungen der Geistes- und Kulturwissenschaften ein wichtiges Forschungsobjekt, sodass das Projekt die Basis für weitergehende Forschungen in der eigenen sowie benachbarten Disziplinen schafft.

Mehr zu den Untersuchungsmethoden.

Hafslund, Gutsanlage, 3D-Model, Aufsicht, 2022, © Immo Trinks / VIAS
Carl Hårleman, Entwurf, Österbybruk, um 1735–1753

Herrenhäuser in der Gegenwart

Herrenhäuser und ihre Gutsanlagen im Ostseeraum sind derzeit vielfältigen Transformationsprozessen ausgesetzt. Der Klimawandel, anhaltende Landflucht sowie der demographische Wandel haben tiefgreifende Auswirkungen auf die Nutzung, Pflege und Erhaltung dieser Kulturlandschaften. Hinzu kommt eine zunehmend prekäre geopolitische Lage, die etwa in in den baltischen Staaten und im östlichen Polen zu einer wachsenden Unsicherheit hinsichtlich des langfristigen Erhalts dieser baulichen Zeugnisse führt. Die Anlagen sind vielfach von baulichen Veränderungen, strukturellem Verfall oder sogar von vollständiger Zerstörung bedroht (Kulturgutverlust).

Weiterführende Informationen in der Literaturliste


Gerade angesichts aktuell bestehender und zunehmend aggressiver Nationalismen in einigen Staaten des Ostseeraums ist es besonders wichtig, die Zusammengehörigkeit der Kulturlandschaft Ostseeraum und ihren Bezug zur Kultur Mittel- und Westeuropas zu betonen. Die großräumige Kulturlandschaft des Ostseeraums wird im Projekt in den Fokus gerückt und im Bewusstsein ihrer Bewohner und Bewohnerinnen als herausragendes europäisches Erbe gestärkt.

Stola, Zufahrtsallee, 2022
Stargordt, Herrenhaus, Ruine, 2023