01. Einführung
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Das aus Holz gefertigte litauische Herrenhaus (Abb. 10) und ehemalige Gut Biržuvėnai (Abb. 1) liegt in der historischen Region Žemaitija/Schemaitien[1]/Schamaiten[2]/Samogitien/Niederlitauen mit der wichtigsten Stadt Telšiai und gehört heute zur gleichnamigen Rajongemeinde. Im Nordwesten des Landes gelegen, befindet sich die heutige Ortschaft am Rande eines größeren Waldgebietes und an einem See (Biržuvėnų tvenkinys) sowie am Fluss Virvyčia. Biržuvėnai ist Teil des Varniai Regional Parks.[3] Die Topografie ist leicht hügelig (bis zu 180 m) und vorwiegend arm an Seen.[4] Zum Ende des Großen Nordischen Krieges 1721 lag Biržuvėnai in Litauen und gehörte zum Königreich Polen. Nach der 3. Teilung Polens 1795 fiel die Region Schemaitien/Schamaiten an das Kaiserreich Rußland und zählte ab dann zum Gouvernement Litauen.[5] Der Adel in Polen-Litauen stemmte sich während des 17. Jahrhunderts erfolgreich gegen absolutistische Gebaren der Monarchen. Die auf die Geschichte der baltischen Länder spezialisierten deutschen Historiker Norbert Angermann und Karsten Brüggemann betonen, dass zudem die Schaffung eines stehenden Heeres, dass den Herrschern zu mehr Potenz verholfen hätte, jenseits des Möglichen gewesen war. „Die Rechte jedes Adligen galten so viel, dass eine einzige (vielleicht gekaufte) Stimme einen Reichstagsbeschluss zu Fall bringen konnte.“[6] Während des Großen Nordischen Krieges (1700–1721) gelang es Polen-Litauen (Rzeczpospolita) nur schlecht sich zu verteidigen und wurde von schwedischen und russischen Truppen besetzt. Peter I. (1682–1721 Zar und Großfürst von Russland, 1721–1725 erster Kaiser des Russischen Reiches) schlug 1709 die Schweden bei Poltawa (Ukraine) und inthronisierte den sächsischen Kurfürsten August den Starken erneut als polnischen König und Großfürsten von Litauen (erste Regierungszeit 1697–1706, zweite Regierungszeit 1709–1733). In der Folge verlor Polen-Litauen jedoch seine Souveränität und unterlag der Kontrolle durch den russischen Zaren.[7] Die erste Teilung Polen-Litauens erfolgte 1772. Russland, Preußen und Österreich erhielten Gebiete der Rzeczpospolita. Auf dem durch Stanisław August Poniatowski einberufenen „Großen Sejm“ in Warschau (1788–1792) wurde 1791 eine neue Verfassung Polen-Litauens verabschiedet, die grundlegende Reformen, z. B. die Einführung der Erbmonarchie der sächsischen Wettiner beinhaltete. Die Dominanz des Adelsstandes in Polen-Litauen wurde jedoch erneut bestätigt. Unter Katharina II. (ab 1762 Kaiserin von Russland) wurde nach Einigung mit dem preußischen König Friedrich Wilhelm II. (Regierungszeit 1786–1797) 1793 die zweite Teilung Polen-Litauens beschlossen. Der im Frühjahr und Frühsommer 1794 zunächst erfolgreiche Kościuszko-Aufstand (benannt nach Tadeusz Kościuszko), der für die Wiedererlangung der Grenzen Polens vor 1772 kämpfte, wurde durch russische Truppen niedergeschlagen. Im August 1795 hörte Polen-Litauen auf als eigenständiger Staat zu existieren und seine Völker wurden fremder Herrschaft unterworfen.[8] Der Große Nordische Krieg und die Pest (Epidemie 1708–1714) forderten ein Drittel der litauischen Bevölkerung als Opfer.[9] Während der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden, nach einem Rückgang während des 17. Jahrhunderts, erneut Erzeugnisse der ostmitteleuropäischen Landwirtschaft nachgefragt. 1790 hatte Litauen eine Bevölkerungszahl von circa 1,3 Millionen Menschen (davon 80% Bauern, 6,5% Adlige und 12,5% nichtadlige Städter). Mit Ausnahme der Region Schemaiten, in der Biržuvėnai lag, war für Litauen die auf Fronarbeit beruhende Gutswirtschaft charakteristisch. In Schemaiten gab es kaum Gutshöfe und die Bauern zahlten für die Nutzung ihres Hofes einen Geldzins an die Grundherren. Bei guten Absatzchancen für agrarische Produkte wie Getreide erweiterten die Adligen in Litauen ihr Gutsland, bei schlechtem Absatz verkleinerten sie die Felder oder gaben sie auf. Nicht benötigte Arbeitsleistung der Bauern musste mit Geldzahlungen aufgewogen werden, was die bäuerliche Bevölkerung belastete. Im späten 18. Jahrhundert gelang es einigen Bauern sich freizukaufen und Pacht an den Grundherren zu zahlen.[10] Die Bauern Schemaitens verkauften vornehmlich Flachs an Kaufleute in Riga (bis 1721 schwedisch, anschließend zum Russischen Kaiserreich gehörend), Libau (Herzogtum Kurland, ab 1795 zum Russischen Kaiserreich gehörend), Memel (ab 1701 zum Königreich Preußen gehörend) und Königsberg (Provinzhauptstadt ebenda) und finanzierten so ihre Geldabgaben an die Grundherren.[11] Neben den großen Städten wie Wilna/Vilnius oder Kowno/Kaunas, die mit dem Memelverkehr und Memelhandel (Flussverkehr bzw. -handel) verbunden waren, entstanden in Litauen seit dem 16. Jahrhundert viele Kleinstädte auf adligem oder großfürstlichen Boden und bildeten lokale Zentren des Handwerks und Handels. Besonders im 18. Jahrhundert stieg in diesen Städten die Zahl der Bevölkerung jüdischen Glaubens. Das Wirtschaftsleben Litauens lag während des 18. Jahrhunderts abseits merkantilistischer Bestrebungen hinsichtlich der Förderung gewerblicher Entwicklung und Export, die in den absolutistischen Staaten Europas fociert wurden.[12] Im 16. und 17. Jahrhundert übernahm der litauische Adel die polnische Sprache und die Verhaltensweisen der polnischen Szlachta (Gesamtheit des polnischen Adels).[13] Das aus Holz gefertigte litauische Herrenhaus und ehemalige Gut Biržuvėnai bilden, laut Einschätzung der Bau- und Architekturhistorikerin Dalė Puodžiukienė ein herausragendes Ensemble in der Herrenhauslandschaft Litauens und zeugen von der bau- sowie sozialhistorischen Entwicklung dieser Region über mehrere Jahrhunderte. Biržuvėnai zeigt die einzig erhaltene Siedlungs-Gutsstruktur des 17. Jahrhunderts sowie die einzig erhaltenen Fragmente eines barocken, in Holz erbauten Gutshofes aus der Mitte des 18. Jahrhunderts.[14]
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