05. Herrenhaus: Baugeschichte und Architektur
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Das ehemalige Gut Biržuvėnai liegt heute mit mehreren erhaltenen Gebäuden im Tal des Flusses Virvyčia (Abb. 1).[1] In der Feldflur – und sicherlich zum Schutz dieser dienend – steht eine 1754 errichtete Säule mit der Funktion einer kleinen Kapelle (Abb. 2).[2] Dalė Puodžiukienė (Technischen Universität Kaunas), Spezialistin für Herrschaftliche Holzarchitektur in Litauen (Wooden Manor Architecture), gibt in ihrem 2008 erschienenen Aufsatz über Biržuvėnai zwei historische Karten des Gutes wieder: eine aus dem Jahr 1824 (Abb. 3)[3] und eine von 1861 (Abb. 4, 4a)[4]. Ein Lageplan[5] von 2001 (Abb. 5) zeigt die Gebäudedisposition. Der Gartenentwurfsplan (Abb. 6)[6] des Architekten A. Zaleski von 1907 – A. Zaleski war um 1901 Städtischer Obergärtner in Warschau und Mitglied im VdG (Verein deutscher Gartenkünstler)[7] – im traditionellen Stil der Lenné-Meyerschen Schule in Preußen während des 19. Jahrhunderts, ergänzt die siedlungsplanerischen Aussagen.[8] Die Arbeit Zaleskis im Russischen Kaiserreich und in der Zweiten Polnischen Republik (ab 1918) stellt ein Forschungsdesiderat dar. Der bei Puodžiukienė abgebildete Ausschnitt der historischen Karte des Gutes Biržuvėnai von 1824 (Abb. 3) ist aufgrund seiner Graphik nicht leicht zu lesen. Man erkennt das dunkel gefärbte vermutliche Herrenhaus links einer Straße und eines wohl künstlich angestauten Sees des Flüsschens Virvyčia, welches sich durch die Landschaft schlängelt. In der rechten unteren Ecke des Kartenausschnittes angedeutete Erhebungen stimmen mit der heutigen Situation, ersichtlich bei google earth nicht überein. Dort ist die Feldflur flach. Das heute existierende große Waldgebiet nördlich und nordwestlich des Ortes ist auf der Karte nicht zu erkennen. Auch eine Einteilung der historischen Feldflur fehlt. Das vermutete Herrenhaus und weitere 13 größere Gebäude liegen im Bereich eines Weges ohne erkennbaren siedlungsplanerischen Zusammenhang.[9] Der Plan könnte allerdings gesüdet und nicht nach Norden ausgerichtet sein (Abb. 7). Dann allerdings wäre die Lage des Gutes in einer Flußschlaufe vor einem Waldgebiet und inmitten einer Garten- und Feldflur der historischen Genese des Ortes entsprechend. Der Kartenausschnitt von 1861 (Abb. 4, 4a) zeigt deutliche Besitzgrenzen und annähernd die Form des heutigen Seeumrisses mit dem Gut auf dessen rechter Seite. Der Besitz Biržuvėnai liegt vor allem unterhalb des Flusses Virvyčia und erstreckt sich, jenseits dieses, keilförmig in die nun deutlich erkennbare, jedoch lichte Waldfläche hinein. Der Weg oder die Straße vom Gut durch den Wald führt zur Überlandstraße nach Telšiai. In der dunkel markierte Gutsfläche liegen hell die Gebäude des Gutes. Ein gestalterischer Bezug der Häuser aufeinander ist nicht leicht auszumachen. Unterschiedliche Grau- bzw. Gelb-Grüntöne zeigen unterschiedliche Nutzung der Feldflur an - wahrscheinlich Gartenbau und Wiesennutzung im Bereich des Flusses und vor dem Wald sowie Feldnutzung auf höher liegendem Gelände, welches von nässeren Bereichen durchzogen scheint.[10] Laut dem Plan des Gutes von 2001 (Abb. 5, 5a siehe auch Abb. 9) liegen das historische Herrenhaus und zwei flankierende Wirtschaftsgebäude zur Unterbringung der Bediensteten zentral innerhalb der Wirtschaftseinheit Gut; rechts Stallungen, Korn- und Strohscheunen, links Wohn- und Wirtschaftsgebäude der Gutsarbeiter. Am Ausfluss des Sees befindet sich die nach 1900 betriebene elektrische Papiermühle[11] sowie die Administration der Kartonagenherstellung. Der Parkentwurf Zaleskis von 1907 zeigt die Planung für ein Gelände am Rande des Waldes und sollte sicherlich Bezug zu diesem aufnehmen. Mindestens ein Ostgarten könnte im Bereich des Apfelhauses verortet gewesen sein, ein Gemüsegarten wohl im näheren Bereich des zentralen Gutshofes und des Herrenhauses.[12] Mit der Hochzeit Mykolas Jonas Gorskys/Michał Jan Gorskis mit seiner zweiten Frau Marijona Regina Vainaite/Marianna Regina Wojna 1753 wurde Biržuvėnai Hauptgut der Familie und erweitert bzw. umgebaut. Die Gebäude des Haupthofes wurden deutlicher axialsymmetrisch ausgerichtet und hinter dem Herrenhaus, in Richtung des Flusses Virvyčia, ein formaler Garten angelegt.[13] Wie dieser aussah, ist nicht überliefert. Hier könnte eine Feldforschung angestrebt werden. Das Herrenhaus in Holzarchitektur wurde in der Mitte des 18. Jahrhunderts umgestaltet und während des letzten Viertels des 19. Jahrhunderts überformt.[14] 2004 erlitt das Gebäude einen schweren Brandschaden, konnte jedoch 2011–2012 restauriert werden.[15] Das einstöckige/ebenerdige Herrenhaus mit zwei gegenüberliegenden Kaminen sowie Schornsteinen und einem mächtigen Satteldach (mit auskragendem Giebel)[16] (Abb. 10) wurde über einem symmetrischen Grundriss (Abb. 11, 12) errichtet[17]. Die Hauptfassade zum Hof ist durch einen avant-corps mit Holzveranda betont. Durch diese betrat man den durch die Kamine wärmsten Raum des Hauses. Links und rechts von diesem lagen zwei nahezu quadratische und indirekt durch die Kamine erwärmte Räume. Alle drei Räume bildeten eine kurze Enfilade mit neun Achsen, ersichtlich an der Fassade. Im zentralen Raum befand sich wohl auch die Treppe, die das obere Geschoss erschloss. Hinter dem Doppelkaminraum, in Richtung des rückwärtig liegenden Gartens, – der an den zentralen, ebenfalls mit einem Doppelkamin ausgestatteten Raum im Fachwerkherrenhaus Galenbeck in Mecklenburg-Strelitz (erbaut um 1710) denken lässt, lag ein quergelagerter, vierachsiger Raum oder Saal, gleichfalls indirekt erwärmt durch die Doppelkamine. Links und rechts des Saales schlossen zwei große Räume an, die sich leicht flügelartig als heraustretende Gebäudeteile in den Gartenraum erstreckten und so an der Gartenfassade des Herrenhauses eine vor- und rückspringende Linienführung zeichneten.[18] Die Räume der Holzarchitektur waren mit figürlicher Malerei verziert.[19] Eine dieser Malereien kann ikonographisch als „Theater des menschlichen Daseins“ identifiziert und in das Jahr 1764 datiert werden.[20] Ein Deckengemälde zeigte „Susanna im Bade“.[21] Im Innern des Herrenhauses hat sich mindestens eine Holztür aus dem 18. Jahrhundert (Abb. 13) erhalten sowie Fragmente eines Ofens (die Jahreszahl 1759 wiedergebend). Jene zeigen Wappen der Familien Gorsky/Gorski und Vainos.[22] Weitere Öfen im Haus stammen aus dem 19. Jahrhundert.[23] Erhaltene Teile des Dielenfußbodens präsentieren ein aufgemaltes, sternförmiges Parquet (Abb. 14).[24] Mit Wahrscheinlichkeit stammt auch dieses aus dem 18. Jahrhundert. Auf einen formalen Garten des 18. Jahrhunderts folgte in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein Garten oder gar Park landschaftlicher Gestaltung.[25] An diesen knüpfte wiederum der Parkentwurf Zaleskis von 1907 nach wohl preußischem Vorbild an (Abb. 6).[26] Ein ebenfalls ebenerdiges aus Holz konstruiertes Verwalterhaus wurde um einen steinernen Mantelschornstein errichtet (Abb. 15, 16). Dieses besitzt ein mächtiges Walmdach.[27] Ein hölzerner, lichtarmer Stallbau (Walmdach mit Fledermausgauben, Abb. 17) zeigt eine vierfache innere Raumeinteilung mit vier Toren (Abb. 18). Das nebenan liegende hölzerne Haus des Stallmeisters (Walmdach mit Schleppgauben) entspricht dem Raumvolumen einer Einheit des Stalls (Abb. 18).[28] In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde zudem ein nahezu quadratisches Saunagebäude mit zentralem Schornstein (Walmdach) in Blockbauweise (und aus massiven geschichteten Baumstämmen) errichtet (Abb. 19), welches Ende des 19. Jahrhunderts zu einem Waschhaus und zu einer Wohnung umgebaut wurde.[29] Alle erhaltenen Gebäude aus dem 18. Jahrhundert sind in jüngerer Zeit mit Holzschindeln gedeckt.[30] Laut Puodžiukienės Nachforschungen war Mykolas Jonas Gorsky/Michał Jan Gorski das Aussehen der Wirtschaftsgebäude seines Gutes nicht wichtig. Sie wurden von den Arbeitern (den Abhängigen) des Gutes errichtet, wenn keine andere Arbeit anfiel und der örtliche Zimmermann betreute den Bau.[31] Es könnte sein, dass diese Gebäude auch mehrfach an gleicher Stelle erneuert wurden.[32] Auf dem Friedhof des Gutes steht u.a. ein Grabkreuz für Adam Gorski (1787-1850), vermutlich der Enkel Mykolas Jonas Gorskys/Michał Jan Gorskis. Eine neogotische Kapelle (vermutlich aus verputztem Backstein, Abb. 20) wurde während des Ersten Weltkrieges zerstört.[33] Weitere Gutsgebäude, wie das Eishaus (Satteldach), der Kuhstall (Satteldach) und das Apfelhaus (Satteldach, vermutlich zum Lagern der Apfelernte) sind zu Beginn des 20. Jahrhunderts im „Backstein-Stil“[34] erbaut worden.[35] Vielleicht wollte man hier bewusst an die im benachbarten nördlichen Ostpreußen verbreitete Bauweise anknüpfen. Eine Holzscheune sowie eine hölzerne Getreidescheune (beide mit Krüppelwalmdach) ergänzen diese Anlage.[36] Nach 1900 wurde das Spektrum auf dem Hof produzierter landwirtschaftlicher Güter um Kartonagen erweitert und dafür eine elektrische Papiermühle, ebenfalls im Backstein-Stil (Satteldach) gebaut.[37] Die dort beschäftigten Arbeiter lebten in einem Holzhaus (für vier Familien, mit jeweils separatem Eingang), das sich an die traditionelle Blockbauweise (Krüppelwalmdach) anlehnte.[38] Eine Schmiede aus Holz mit innen liegender Esse aus Feldsteinen ist unbekannten Alters (vermutlich jedoch aus dem frühen 20. Jahrhundert stammend)[39].[40] Ihr mächtiges Walmdach wird von einer Schleppgaube unterbrochen.[41] Herrenhaus und Gut Biržuvėnai bilden ein herausragendes Ensemble in der Herrenhauslandschaft Litauens und zeugen von der bau- sowie sozialhistorischen Entwicklung dieser Region über mehrere Jahrhunderte. Laut Einschätzung Puodžiukienės zeigt Biržuvėnai die einzig erhaltene Siedlungs-Gutsstruktur des 17. Jahrhunderts sowie die einzig erhaltenen Fragmente eines barocken, in Holz erbauten Gutshofes in Litauen aus der Mitte des 18. Jahrhunderts.[42] Die deutsche Bauhistorikerin Sabine Bock unterscheidet „Herrschaftliche Fachwerkhäuser“[43], wie sie in Holstein (Deutschland)[44], Mecklenburg (Deutschland)[45], Lolland (Dänemark)[46], Jütland/Jutland (Dänemark)[47] oder Seeland/Zealand (Dänemark)[48] vorkommen von „Herrschaftliche[n] Blockbauten“[49] in Schweden (Darlana[50], Södermanland[51] und Östergötland[52]) oder in Estland[53]. Während im Westen und Süden des Ostseeraums Skelettbauten (Fachwerk) verbreitet war, war im Norden und Osten der Ostsee die massive Blockbauweise gebräuchlich.[54] Die estnische Wissenschaftlerin Elis Pärn unterstreicht den weiteren Forschungsbedarf, den sie auf dem Feld der Wooden Manor Houses in Estland und dem Baltikum, ausmacht.[55] Viele Herrenhäuser im Baltikum waren mindestens in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus Holz gebaut. Das Baumaterial war als natürliche Resource in großem Umfang vorhanden und einfach zu beschaffen. Wald gehörte zu vielen Gütern. Hinzu kam, dass eine Holzkonstruktion innerhalb der kurzen Sommer im Baltikum aufgerichtet und bezogen werden konnte. Ein warmes Gebäude mit einem gesunden Raumklima zu schaffen und zu bewohnen, war das Ziel vieler deutsch-baltischer [56]wohl aber auch polnisch/litauischer Familien. Das typische Herrenhaus aus Holz in Estland war während des 17. Jahrhunderts klein und rechteckig mit einem Mantelschornstein in der Mitte. Die beheizbaren Räume lagen um diesen herum; weitere unbeheizbare, nur im Sommer zu nutzende Räume, konnten sich in größeren Häusern daran anschließen. An den Schmalseiten des Hauses befanden sich kleine Eingänge.[57] Diese Häuser waren Wohn- und Wirtschaftsgebäuden von Esten vergleichbar.[58] Das neunachsige Herrenhaus Biržuvėnai zeigt eine Symmetrie in der Anordnung der Fenster, wie sie Pärn als Weiterentwicklung bzw. Genese in der baltischen Holzherrenhausarchitektur des 18. Jahrhunderts insgesamt beschreibt.[59] In der Mitte der Fassade zeigt es einen avant-corps mit Veranda und Balkon, was ein gesteigertes Bedürfnis nach Repräsentation[60] verdeutlichen könnte.
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