05. Wirtschaftlicher Kontext
- 01. Einführung
- 02. Forschungsstand
- 03. Geschichte der Anlage vor dem 18. Jahrhundert
- 04. Überblick zur Gesamtanlage
- 05. Wirtschaftlicher Kontext
- 06. Besitzverhältnisse im 18. Jahrhundert
- 07. Herrenhaus: Baugeschichte und Architektur
- 08. Innenräume im 18. Jahrhundert
- 09. Garten und Park im 18. Jahrhundert
- 10. Wirtschaftsanlage
- 11. Kirche und Dorfstrukturen
- 12. Geschichte der Anlage nach dem 18. Jahrhundert
- 13. Quellen- und Literaturverzeichnis
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Das Gebiet um Christinehof war bereits in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts von dem dänischen Adeligen Jochum Beck für die Alaungewinnung erschlossen worden. Der Erzeugung des Mineralsalzes Alaun kam im 18. Jahrhundert im gesamten europäischen Raum eine weitreichende Bedeutung zu. In Schweden existierten mehrere Alaunhütten, die auch über die Landesgrenzen hinaus exportierten.[1] In Andrarum befanden sich große Vorkommen an Alaunschiefer, einem mit Schwefeleisen und Kohle durchsetzten Schieferton, der die Rohstoffbasis für die Alaunerzeugung bildete. Der Schiefer wurde bergmännisch abgebaut und zunächst in bis zu sieben Meter hohen Türmen geschichtet, wo er über mehrere Wochen im Feuer geröstet bzw. „still“ verbrannt wurde. Anschließend wurde das Alaun in mehreren Arbeitsschritten in großen Becken unter freiem Himmel herausgelaugt. In einem Siedeprozess wurde die Lauge danach eingedampft und das Alaun kristallisierte aus. In dieser Form war Alaun ein begehrtes Handelsgut, das vielseitig verwendet wurde, etwa als Beizmittel in der Färberei und der Gerberei, bei der Papier- und Leimherstellung oder in Pharmazie und Medizin. Die Arbeitsschritte blieben von der Gründung bis zur Schließung der Hütte in Andrarum weitgehend dieselben (Abb. 9, 10, 37, 38). Im 19. Jahrhundert gelang die chemische und damit kostengünstigere Alaunherstellung, womit die Alaunhütten nach und nach stillgelegt wurden.[2] Jochum Beck war nach Auslandsaufenthalten u.a. in Flandern und England Ende der 1620er Jahre an den Hof von Christian IV. gekommen. Er wurde mit zahlreichen Grafschaften belehnt (u. a. Kopenhagen 1632–1634, Stavanger 1634 und Kristianstad 1639–1642), besaß zudem durch Erbschaft, Heirat und weitere Ankäufe zeitweise 14 Höfe in Schonen sowie weitere sieben in Dänemark. Beck galt als einer der vermögendsten Männer seiner Zeit.[3] Er erkannte das hohe Potenzial der Schieferaufkommen in Andrarum und erhielt 1637 das königliche Privileg zur Alaungewinnung.[4] Zunächst konzentrierte er sich auf territoriale Erweiterungen, experimentierte vermutlich mit Produktionstechniken und besuchte Alaunhütten in England und Lüttich, von denen er Experten nach Schweden brachte.[5] Seine Bemühungen wurden durch den Torstenssonskrieg zwischen Schweden und Dänemark-Norwegen 1643–1645 unterbrochen: In Schonen kam es zu weitreichenden Zerstörungen und Plünderungen und die Alaunhütte verlor ihre teuren Bleikessel an den Gouverneur von Kristiansstad Ebbe Uhlfeldt.[6] Nach Kriegsende folgte bis etwa 1650 eine zweite Gründungphase, in der Jochum Beck hohe Summen lieh, um die Produktion zu stabilisieren. 1657 wurde Schonen während des Zweiten Nordischen Krieges erneut zum Kriegsschauplatz und fiel 1658 im Frieden von Roskilde endgültig an Schweden. Die Wirtschaftlichkeit der Alaunhütte stabilisierte sich indes auch in den folgenden Jahren nicht. Beck kämpfte mit hohen Schulden und den Ansprüchen seiner Gläubiger, denen er zeitweise mehrere Kessel abtreten musste. Nach Becks Tod 1682 versuchte sein Sohn Lave Beck, die Alaunhütte durch ein erneutes Darlehen zu retten. im Jahr 1686 erging der für die Produktion essentielle königliche Erlass der Verkalinjen, der den Holzbesitz zugunsten der Alaunhütte in einem Umkreis von etwa zwei Meilen regelte. 1730 wurde eine großformatige Karte erstellt, die den Verlauf der Linie wiedergibt. 21 große Steinen markierten den kreisförmigen Umfang in der Landschaft.[7] Der Gouverneur von Schonen, Rutger von Ascheberg, beschrieb die Hütte in Andrarum 1693 als einen der wichtigsten Orte der Region, wies jedoch zugleich auf die Schwierigkeiten der Familie Beck, sie rentabel zu machen.[8] Trotz einer steigenden Arbeiterzahl, dem Ausbau von Infrastruktur und der Erweiterung der Produktionsstätten blieb die Alaunhütte wirtschaftlich instabil, was neben den Auswirkungen der kriegerischen Auseinandersetzung in Schonen wohl auch auf eine ungeschickte Geschäftsführung der Becks zurückzuführen war.[9] Obwohl ab 1706 mit einer Produktion von durchschnittlich mehr als 5000 Barrel im Jahr eine Blütezeit einsetzte, starb Lave Beck 1710 mittellos. Die Riksbank versuchte anschließend, die Alaunhütte durch Treuhänder führen zu lassen.[10] Zur selben Zeit richtete sich Christina Pipers Interesse auf die Anlage, deren Erwerb sich jedoch als kompliziert und langwierig erwies. Sie beglich nach und nach die Forderungen der Gläubiger, bis der größte Teil der Anlage 1725 in ihren Händen war.[11] In den 1730er Jahren behaupteten eine Reihe an ehemaligen Besitzern, sei seien übervorteilt worden. Der Fall ging vor Gericht und durchlief verschiedene Instanzen, bis er 1736 zugunsten von Christina Piper abgeschlossen wurde.[12] Unter ihrer Führung erlebte die Alaunhütte in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts einen enormen Aufschwung, der sich unter ihrem Sohn Carl Piper bis etwa 1762 fortsetzte.[13] Bereits drei Jahre nach der Übernahme 1728 erreichte die Produktion mit 5800 Fässern Alaun einen Höchstwert und betrug etwa 30 % mehr als während des Großen Nordischen Krieges.[14] Zwischen etwa 1730 und 1820 exportierte Andrarum insbesondere von den Häfen in Ystad, Kivik, Ahus und Simrishamn[15] in zahlreiche Ostseehäfen und weitere europäische Länder, darunter Holland, Belgien, Frankreich, Dänemark, Norwegen und Russland.[16] Zeitweise waren mehrere Hundert Menschen beschäftigt, die entweder in Arbeitersiedlungen auf dem Gelände selbst lebten oder aus den umliegenden Gemeinden kamen.[17] Verwaltungsapparat, technische Infrastruktur und soziale Versorgung wurden entsprechend ausgebaut – so gab es in der zweiten Jahrhunderthälfte beispielsweise ein Krankenhaus, eine Schule, eine eigene Gerichtsbarkeit, eine Schmiede, ein Krankenhaus, zwei Wirtshäuser und ein Altersheim für Frauen. Zudem konnten sich Apotheker, Hutmacher, Schneider und weitere[18] ansiedeln (Abb. 40–42, 11, 13). Im Jahr 1741 wurde ein großes Lagerhaus fertiggestellt (Abb. 43, 44); noch 1758 wurde ein neues Verwaltungsgebäude, und 1761 ein Inspektorenhaus errichtet.[19] Manche Familien sind über mehrere Generationen in der Region nachweisbar.[20] Ab 1766 existierte eine eigene Währung, die ausschließlich auf dem Gelände der Alaunhütte gültig war. Insgesamt entwickelte sich eine eigenständige und abgeschlossene Gemeinde. Christina Piper unterstrich auch auf diesem Weg ihre Machtposition in der Region und erreichte – die Gewinnmaximierung ohne Zweifel im Blick – eine weitreichende Kontrolle über die Alaunhütte.[21] Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang auch das bereits ab 1686 praktizierte System des teilweisen Lohnerhalts in Naturalien, die in dem erhaltenen Lagerhaus ausgegeben wurden. Die Arbeiter hatten zudem die Möglichkeit, sich zu verschulden, was in schwedischen Eisen- oder Alaunhütten im 18. Jahrhundert weit verbreitet war und wohl hauptsächlich der Schaffung eines Abhängigkeitsverhältnisses diente.[22] Für Christina Piper wurde der Aufbau der Alaunhütte zu einer erfolgreichen Exportindustrie auf europäischem Niveau zum Kern ihres Geschäftslebens. Ihre wirtschaftlichen Tätigkeiten erstreckten sich auch auf den teils risikofreudigen Erwerb von Aktien, Investitionen in Expeditionen der schwedischen Ostindien-Kompagnie und die Unterstützung verschiedener Gesellschaften, darunter 1738 die langfristig erfolglose Levantiska kompaniet, die in den Handel mit der Türkei und dem Nahen Osten investierte.[23] Für ihr Geschäftsimperium baute Christina Piper einen großen Verwaltungsapparat auf und umgab sich mit Buchhaltern und Inspektoren, die teils über viele Jahre hinweg für sie arbeiteten. In Christinehof fungierte Ivar Ryting[24] 35 Jahre als Leiter der Alaunhütte.[25] In der Christinehof umgebenden Landschaft (Abb. 45, 20, 21) hinterließ die Alaun-Produktion weiträumige Spuren, insbesondere durch den enormen Holzbedarf, der im 17. und 18. Jahrhundert zu einer nachhaltigen Reduzierung und Veränderung der Bewaldung führte. Holz wurde in großen Mengen als Brennmaterial für den Alaunschiefer sowie als Baumaterial für Gebäude, Fässer, Wagen und anderes benötigt. Besonders zwischen 1684 und 1704 ging der Wald stark zurück und wandelte sich in einen lichten Buchenwald. Im Laufe des 18. Jahrhundert wurde der Holzmangel zu einem wesentlichen Problem, das auch durch diverse Maßnahmen, darunter Wiederaufforstungen oder Weide- und Holzschlagverbote, nicht gelöst werden konnte. Es entstand eine offene, weitgehend waldlose Landschaft mit vereinzelten Waldinseln, die sich erst im beginnenden 20. Jahrhunderts langsam zurück zu einem Mischwald erholte.[26] Die Prozesse der Alaungewinnung brachten zudem gravierende Umwelt- und Gesundheitsprobleme mit sich: Aufgrund der monatelang schwelenden Brände litten die Arbeiter:innen unter Hitze, Gestank und Schwefeldünsten; hinzu kamen giftige Dämpfe aus den Siedelaugen und giftige Abwässer. Torf- und Holzverbrennungen fanden in großem Stil statt. Nicht nur die Luftverschmutzung war erheblich, auch der Fluss war betroffen, da Schwermetalle und Schieferreste ungefiltert eingeleitet wurden, was zu Fischsterben und einer Versauerung des Bodens führte. Der Einfluss auf die Vegetation und die umliegenden Felder sowie auf die Gesundheit der hier lebenden und arbeitenden Menschen war erheblich.[27] Die Halden der Produktionsrückstände und des Schieferabbaus überformten die Landschaft nachhaltig und sind bis heute sichtbar. Die inzwischen meist grasbewachsenen Schlackenhalden bestehen überwiegend aus rötlichem rödfyr, den Überresten des verbrannten und mit Wasser gespülten Alaunschiefers.[28] Auch die ehemaligen Siedebecken sind teils heute noch erkennbar und konnten über das Bodenradar 2023 in ihren genauen Aufteilungen nachgewiesen werden. Um 1763 setzte in Andrarum ein kontinuierlicher Niedergang ein, der durch den zunehmend verschärften Holzmangel sowie Handelskrisen und Rezession weiter beschleunigt wurde. Insbesondere zwischen 1770 und 1790 ging die Produktion stark zurück.[29] Umstrukturierungen der Produktionsabläufe führten im ausgehenden 18. Jahrhundert zwar zu einem vorübergehenden Aufschwung, doch war der Niedergang der herkömmlichen Alaunindustrie nicht mehr aufzuhalten. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts besiegelten die neuen kostengünstigeren Möglichkeiten der chemischen Alaunerzeugung das Ende der Alaunverhüttung. Andrarum produzierte bis ins Jahr 1905 und wurde als letzte Hütte Schwedens 1912 stillgelegt.[30]
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Datei:20. Christinehof, Gebiet der ehemaligen Alaunproduktion im Jahr 2023.webp Abb. 20 Andrarum, Gebiet der ehemaligen Alaunproduktion im Jahr 2023 |