03. Geschichte der Anlage vor dem 18. Jahrhundert

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Die Gegend um Elingaard war bereits früh besiedelt, vermutlich um 300 bis 600 n. Chr., wie archäologische Funde und Grabhügel belegen (Abb. 7).[1] Es ist von einer frühen und weit entwickelten gesellschaftlichen Struktur in der Region auszugehen, was ein willkommenes Umfeld für die später entstehenden Gutsanlagen schuf. Mit fruchtbarem Land, ausgedehnten Wäldern, der Nähe zum Meer und einer gut ausgebauten Infrastruktur bot die Region ideale Voraussetzungen für wirtschaftliche Vielfalt und weitreichende Vernetzung.

Elingaard (Abb. 8) zählte bereits im Mittelalter zu den bedeutendsten Anwesen in Østfold.[2] Die ersten Zeugnisse eines hier gelegenen Gutshofs reichen bis in das 14. Jahrhundert zurück. Mit Elingaard verbindet sich eine Besitzgeschichte, die sich bis in die höchsten Kreise des norwegischen Adels verzweigt: Bis zum Verkauf im Jahr 1778 befand sich das Anwesen im Besitz miteinander verbundener einflussreicher Adelsfamilien, jener der Haftores, Gyllenhorn, Brockenhuus, Bjelke und Huitfeldt.[3]

Jon Haftoreson

Erster bekannter Besitzer von Elingaard war Jon Haftoreson[4], ein norwegischer Ritter, königlicher Berater und einer der größten Landbesitzer Norwegens. Seine Herkunft machte ihn – zusammen mit seinem Bruder Sigurd – zu einer der einflussreichsten Persönlichkeiten seiner Zeit: Er war der Sohn des Ritters Havtore Jonsson (eventuell bereits vorheriger Besitzer von Elingaard) und der Prinzessin Agnes Håkonsdatter, einer unehelichen Tochter von König Håkon V. Magnusson. Väterlicherseits entstammte er der mächtigen Familie Sudreimsætten (Abb. 9). Jon erhielt nach dem Tod seines Vaters zahlreiche Güter in Skea, Østfold und Onsøy, besaß zudem über seine Heirat mit Birgitta Knutsdatter weitere Ländereien in Schweden. Während der Regierungszeit von Magnus VII. und Håkon VI. spielte Jon eine zentrale Rolle in der norwegischen Politik und Verwaltung, wenn auch sein Verhältnis zum Königshaus vermutlich nicht reibungslos war.[5] In Elingaard ist unter Jon Haftoreson ein sogenanntes „Skurdøl“-Fest nach der Getreideernte überliefert, bei dem ein Mann namens Helge Olverson von einem der anderen Gäste erstochen wurde.[6]

Familie Gyldenhorn

Jons Enkelin Åsa Ulfsdatter besaß Elingaard bis zu ihrem Tod 1433. In ihrem Nachlassinventar 1433 wird eines der wenigen Objekte aus Elingaard erwähnt, die sich erhalten haben: Ein reich verziertes Trinkhorn, das sich heute im Historischen Museum in Oslo befindet (Abb. 10).[7] Danach ging das Anwesen in den Besitz ihres Mannes über, den norwegischen Adeligen Olav Torsteinson Gyldenhorn. Es folgte ihr Sohn Erik Olafson Gyldenhorn, gemeinsam mit seiner Frau Gudrun, und anschließend Erik Erikson mit seiner Frau Ingeborg. In der folgenden Generation vergrößerte sich der Besitz von Elingaard erheblich, insbesondere durch eine vorteilhafte Heirat: Erik Erikson, geb. um 1470, nahm Eline Pedersdatter Griis zur Frau, wodurch das Gut Kanestrøm auf Nordmøre sowie Hovinsholm auf Helgøya hinzukamen.

Vermutlich war Elingaard bereits um 1450 ein herregård mit adeligen Privilegien geworden. Elingaard entwickelte sich zu einem der wichtigsten Güter Norwegens und Onsøy zu einem Zentrum für den norwegischen Adel. Dieser war in jener Zeit – seit 1536 war Norwegen eine provins unter Dänemark – aufgrund des starken dänischen Einflusses nicht sehr zahlreich und verlor einflussreiche Positionen zunehmend an dänische Adelige. Es entstand eine exklusive, landbesitzende Aristokratie. Neben Elingaard war in der Region insbesondere das Gut Kjølberg (Abb. 11) von Bedeutung.[8] Erik Erikson war ein einflussreicher, wohlhabender Mann und von 1524 bis 1533 Mitglied des norwegischen riksråd. Seine Tochter Kirsten Gyldenhorn erbte Elingaard und heiratete um 1540 (oder 1541) den dänischen Adeligen Eiler Brockenhuus. Die angesehene und mächtige Adelsfamilie der Brockenhuus stammte ursprünglich aus Fünen. Indes war gerade das 16. Jahrhundert von großer Mobilität geprägt und zahlreiche dänische Adelige wanderten auch nach Onsøy ein, da die Region ideale Bedingungen für große landwirtschaftliche Betriebe bot.[9]

In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurde auch Østfold zum Kriegsschauplatz zwischen Schweden und Dänemark-Norwegen: Viele Herrenhäuser wurden insbesondere während des Nordischen Siebenjährigen Krieges (1563–1570) niedergebrannt, verwüstet oder geplündert. Bis zum Zeitalter des Absolutismus ab 1660 war die Macht zwischen dem König und dem dänischen Hochadel aufgeteilt. Im Jahr 1582 erhielt Henrik Brockenhuus[10] Elingaard und vererbte es später an seine jüngste Tochter Sophie.[11]

Abb. 7 Grabhügel bei Elingaard
Abb. 8 Luftaufnahme von Elingaard 1956
Abb. 9 Hallvard Trætteberg, Wappen von Sudreimsætten, um 1930, Riksarkivet
Abb. 10 Trinkhorn aus Elingård, um 1400, Historisk museum Oslo
Abb. 11 Kjølberg, Luftaufnahme um 1635–1640

Familie Bjelke

Sophie Brockenhuus heiratete den norwegischen Adeligen und Staatsmann Jens Bjelke, wodurch Elingaard den wohl bekanntesten und einflussreichsten Besitzer seiner Geschichte erhielt. Bjelke entstammte einem einflussreichen hochadeligen Milieu und war Erbe des reichen Gutes Austrått. Er war Rechtsgelehrter und bereits mit diversen militärischen und staatlichen Verantwortlichkeiten betraut worden, als er 1614 zum Kanzler des Königreichs Norwegen aufstieg. Er stand an der Spitze der Justizverwaltung, verwahrte das Reichssiegel und war Mitglied zahlreicher Kommissionen. Nach dem König und dem Statthalter galt er als mächtigster Mann des Landes, was sich auch in seinen Lehen und seinem Landbesitz spiegelte. Elingaard fungierte als einer seiner hauptsächlichen Wohnsitze und wurde damit auch zu einem politisch relevanten Ort, an dem zahlreiche Dokumente unterzeichnet und König Christian IV. zwei Mal empfangen wurde (1616 und 1625). Im Jahr 1616 verbrachte der König acht Tage in Elingaard, wo er mit Bjelke auf die Jagd ging. Seine Dienste und anhaltende Gunst des Königs brachten ihn in den Besitz einer Reihe an Lehen, darunter – neben Onsøy – auch größere wie beispielsweise Bergenhus und Stavanger. Jens Bjelke war der führende Vertreter des Adels gegenüber dem König und dem Reichsrat, wenn er auch aufgrund zahlreicher Reformbemühungen vorübergehend an Ansehen verlor.[12] Zeitweise war Bjelke Norwegens größter adeliger Landbesitzer. Neben dem ererbten Gut Austrått besaß er zahlreiche große Gutshöfe mit zugehörigen Unterhöfen[13], hierbei der allgemeinen Tendenz des Adels folgend, Ländereien um die Haupthöfe zu konzentrieren um eine funktionierende wirtschaftliche Einheit zu schaffen. In Onsøy besaß die Familie Bjelke mit Elingaard und dem 1624 erworbenen Kjølberg die beiden größten Anwesen; um die Mitte des 17. Jahrhunderts kontrollierte Bjelke etwas mehr als die Hälfte (56 %) des gesamten Grundbesitzes in der Gemeinde.[14]

Elingaard unter Jens Bjelke

Zur architektonischen Entwicklung von Elingaard unter Jens Bjelke existieren nur wenige Hinweise. Vermutlich entstand die charakteristische Wallanlage mit Bastionen unter Bjelkes Verantwortung (siehe auch Kap. 06: https://wb.manorhouses.tibwiki.io/wiki/Elingaard/06._Herrenhaus:_Baugeschichte_und_Architektur). Aus Bjelkes Zeit stammt zudem eine wichtige Quelle hinsichtlich des alltäglichen Lebens auf Elingaard, nämlich die Autobiographie von Otto Sperling, einem jungen deutschen Arzt, den Bjelke in Bergen kennengelernt und nach Elingaard eingeladen hatte. Sperling verbrachte dort 1622 als Gast mehrere Monate und beschrieb den Haushalt und hier herrschende alltägliche Gewohnheiten. Zu diesem Zeitpunkt lebten auf Elingaard der Kanzler und seine Frau Sophie Brockenhuus sowie ihre neun Kinder und ihre Mütter. Sperling beschrieb Bjelke als sehr gelehrt mit einem universalen Wissen in diversen Themengebieten, darunter Theologie, Recht, Philologie oder Botanik. Allerdings empfand er seinen Lebensstil als äußerst merkwürdig: Der Gastgeber blieb nach seinen Aufzeichnungen einen Großteil des Vormittags im Bett und erledigte seine Korrespondenz von dort aus. Gegen zwei bis drei Uhr nachmittags stand er auf und nahm eine Mahlzeit ein. Die nächste Mahlzeit folgte um Mitternacht. Zwei Tage in der Woche nahm er sich frei und ging auf Jagd – einem typisch adeligen Vergnügen, dem sich Bjelke offenbar mit großer Leidenschaft widmete. In Bergen hatte Bjelke ein Clavecin erworben: Während er selbst offenbar kaum Fortschritte machte, unterrichtete Sperling relativ erfolgreich Bjelkes Tochter Dorothea, die ihm im Gegenzug dänischen Sprachunterricht gab.[15] Jens Bjelke starb 1659 und wurde in der Grabkapelle beigesetzt, die er an der ehemaligen Kirche von Onsøy hatte erbauen lassen. Auch Sophie Brockenhuus und mehrere seiner Kinder wurden dort beerdigt.[16]

Henrik Bjelke, Sophies und Jens‘ Sohn, übernahm Elingaard vermutlich bereits vor dem Tod seines Vaters. Er hatte in seiner Jugend eine Grand Tour unternommen und war 1633 an der Universität von Padua immatrikuliert. Anschließend schlug er eine militärische Laufbahn ein und stieg, nach mehreren Jahren im Ausland, zu einem der einflussreichsten Militärs von Dänemark-Norwegen auf. Von 1657 bis 1679 befehligte er die gesamte dänisch-norwegische Flotte und spielte eine wichtige Rolle als oberster Verwalter der Marine während des Nordischen Krieges (1675–1679). Er erhielt zahlreiche wichtige militärische und staatspolitische Titel und Ämter, wurde sogar für das Amt des førsteminister gehandelt, doch war er durch seine Heirat mit Edel Christoffersdatter Ulfeldt eng mit Corfitz Ulfeldt verwandt, der in scharfer Opposition zum Königshaus stand. Persönlich behielt er jedoch das Vertrauen sowohl von Friedrich III. als auch von Christian V.[17] Eine angemessene Repräsentation seiner hohen Stellung war Henrik Bjelke zweifelsohne auch auf baulicher Ebene wichtig. In den 1670er Jahren ließ sich das Paar einen Stadtpalast in Kopenhagen errichten und wählte dafür den unter Christian V. neu angelegten Kongens Nytorv (N° 13).[18] In Elingaard, wo sich Henrik Bjelke vermutlich nur wenig aufhielt, wurde nach einem verheerenden Brand im Jahr 1645 der Wiederaufbau des Herrenhauses und der Wirtschaftsgebäude veranlasst.[19]

Neben Henrik Bjelke hatte auch seine Schwester Sophie einen Teil von Elingaard geerbt. Nach Henriks Tod ging das Anwesen zunächst an seine Tochter Sophie und ihren Mann Hans Kaas über; ab 1687 übernahm deren Tochter Birgitte Christine. Anschließend ging Elingaard in den Besitz von Mette Sophie Schade, eine Tochter von Sophie Bjelke, und ihren Mann Henrik von Pultz über. Ihre Tochter Sophie wiederum – die nächste in der Erbfolge – heiratete Henrik Jørgen Huitfeldt, womit am beginnenden 18. Jahrhundert auch architektonisch eine wichtige Epoche für die Herrenhausanlage einsetzte.[20]

  1. Vgl. https://ostfoldmuseene.no/elingaard/om (12.11.2024); Borges 2007a, S. 24–25; https://snl.no/Jens_Bjelke (12.11.2024).
  2. Bjelke besaß zeitweise die Gutshöfe Storfosen in Ørland, Tønnøl in Bjugn, Holla in Hemne, Hovinsholm und Skredshol in Ringsaker, Kanestrøm in Møre og Romsdal, Veden und Herrebrøden in Halden, Kjølberg in Onsøy, Evje in Rygge und Sande in Tune sowie Stadthäuser in Fredrikstad und Christiania. Vgl. https://snl.no/Jens_Bjelke (12.11.2024).
  3. Vgl. Thøgersen 2016, S. 1–2; Borges 2007a, S. 28–29.
  4. Vgl. Sperling 1885, S. 8–9, https://www.kildeskriftselskabet.dk/images/Pdf-filer/1885_Sperling_130020353059-1.pdf; Borges 2007a, S. 26.
  5. Die Grabkapelle wurde in den 1820er Jahren in eine Sakristei umgewandelt. Die Sarkophage der Familie Bjelke galten als verloren, bis sie 1994 wiedergefunden wurden. Im Jahr 1996 errichtete der Geschichtsverein von Onsøy einen Gedenkstein für Jens Bjelke und eine Gedenktafel für die anderen einst in der Grabkapelle beigesetzten Familienmitglieder. Vgl. https://lokalhistoriewiki.no/Jens_Bjelkes_gravkapell (19.09.2025); https://ostfoldmuseene.no/elingaard/om (12.11.2024).
  6. Zu den Stationen seines Werdegangs siehe überblickend https://lokalhistoriewiki.no/Henrik_Bjelke (30.06.2025) sowie den Beitrag von Knut Mykland im Norsk Biografisk Leksikon, https://nbl.snl.no/Henrik_Bjelke (30.06.2025).
  7. Das Trinkhorn wurde Anfang des 19. Jahrhunderts durch Christian Sorly der „Universitets Oldsaksamling“ geschenkt. Wie er es erhielt, ist unbekannt. Eventuell befand es sich beim Verkauf von Elingaard 1805 im Haus, wo es dann über drei Generationen hinweg gewesen wäre. Unmöglich erscheint dies nicht, angesichts der Tatsache, dass mittelalterliche Objekte bis in das 19. Jahrhundert hinein generell einen niedrigen Stellenwert hatten. Vgl. https://www.historiskmuseum.no/english/exhibitions/exhibitions-archive/medieval-gallery/ (19.09.2025); siehe auch Borges 1997, S. 18–19; Eliassen 1997, S. 76.
  8. Das Gebäude wurde abgerissen, nachdem es 1888 von Theodor Wessel und Emil Vett erworben worden war. Vgl. Smits, Britta: Stormagasin efter fransk inspiration, https://bibliotek.kk.dk/artikler/historie/kobenhavns-historie/stormagasin-efter-fransk-inspiration (12.05.2025).
  9. Vgl. Borges 2007a, S. 32.
  10. Vgl. Borges 2007a, S. 36.
  11. Vgl. Borges 2007a, S. 21.
  12. Vgl. https://ostfoldmuseene.no/elingaard/om (12.11.2024); Borges 2007a, S. 24–25; https://snl.no/Jens_Bjelke (12.11.2024).
  13. Bjelke besaß zeitweise die Gutshöfe Storfosen in Ørland, Tønnøl in Bjugn, Holla in Hemne, Hovinsholm und Skredshol in Ringsaker, Kanestrøm in Møre og Romsdal, Veden und Herrebrøden in Halden, Kjølberg in Onsøy, Evje in Rygge und Sande in Tune sowie Stadthäuser in Fredrikstad und Christiania. Vgl. https://snl.no/Jens_Bjelke (12.11.2024).
  14. Vgl. Thøgersen 2016, S. 1–2, Borges 2007a, S. 28–29.
  15. Vgl. Sperling 1885, S. 8–9, https://www.kildeskriftselskabet.dk/images/Pdf-filer/1885_Sperling_130020353059-1.pdf; Borges 2007a, S. 26.
  16. Die Grabkapelle wurde in den 1820er Jahren in eine Sakristei umgewandelt. Die Sarkophage der Familie Bjelke galten als verloren, bis sie 1994 wiedergefunden wurden. Im Jahr 1996 errichtete der Geschichtsverein von Onsøy einen Gedenkstein für Jens Bjelke und eine Gedenktafel für die anderen einst in der Grabkapelle beigesetzten Familienmitglieder. Vgl https://lokalhistoriewiki.no/Jens_Bjelkes_gravkapell (19.09.2025), https://ostfoldmuseene.no/elingaard/om (12.11.2024).
  17. Zu den Stationen seines Werdegangs siehe überblickend https://lokalhistoriewiki.no/Henrik_Bjelke (30.06.2025) sowie den Beitrag von Knut Mykland im Norsk Biografisk Leksikon, https://nbl.snl.no/Henrik_Bjelke (30.06.2025).
  18. Das Gebäude wurde abgerissen, nachdem es 1888 von Theodor Wessel und Emil Vett erworben worden war. Vgl. https://bibliotek.kk.dk/artikler/historie/kobenhavns-historie/stormagasin-efter-fransk-inspiration (12.05.2025).
  19. Vgl. Borges 2007a, S. 32.
  20. Vgl. Borges 2007a, S. 36.
Abb. 14 Henrik Bjelke, Nationalhistorisk Museum Fredriksborg