05. Besitzverhältnisse im 18. Jahrhundert
- 01. Einführung
- 02. Forschungsstand
- 03. Geschichte der Anlage vor dem 18. Jahrhundert
- 04. Überblick zur Gesamtanlage
- 05. Besitzverhältnisse im 18. Jahrhundert
- 06. Herrenhaus: Baugeschichte und Architektur
- 07. Innenräume im 18. Jahrhundert
- 08. Garten und Park im 18. Jahrhundert
- 09. Wirtschaftsanlage
- 10. Geschichte der Anlage nach dem 18. Jahrhundert
- 11. Quellen- und Literaturverzeichnis
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Im Jahr 1707 heiratete Sophie von Pultz, eine Enkelin von Sophie Bjelke, Henrik Jørgen Huitfeldt (Abb. 19). Sie war Haupterbin von Elingaard (mit einem Anteil von zwei Dritteln) sowie von Kjølberg. Henrik J. Huitfeldt entstammte dem dänisch-norwegischen Adel und stand selbst in verwandtschaftlicher Beziehung zur Familie Bjelke – seine Mutter Sofie Amalie Rosenkrantz war eine Enkelin von Jens Bjelke gewesen. Bjelke war folglich der Urgroßvater beider Ehepartner.[1] Für Elingaards Geschichte brach damit eine wichtige Epoche an, die von ambitionierten Bauprojekten und dem finanziellen Niedergang der Familie Huitfeldt gleichermaßen charakterisiert war. Huitfeldt hatte eine militärische Laufbahn eingeschlagen und zeichnete sich während des Großen Nordischen Krieges aus. Zusammen mit seinem Bruder Hartvig diente Henrik Jørgen eine Zeit lang in der französischen Armee, bevor er verwundet wurde und in den norwegischen Dienst zurückkehrte. Im Jahr 1719 erlangte er den Rang eines Obersts. Es folgten Auszeichnungen und Rangerhöhungen zum Leutnant, Major und ab 1746 zum Generalleutnant. Im Jahr 1747 wurde er zum Weißen Ritter (Hvid Ridder) des Dannebrogordens geschlagen.[2] Huitfeldt sollte seinen Besitz weiter vergrößern, als er nach dem Tod seiner Mutter Sanne in Sarpsborg übernahm. Allein in Onsøy gehörten zu den beiden setegården Elingaard und Kjølberg fast 90 Höfe; dazu kamen Mühlen und weitere industrielle Betriebe.[3] Henrik Jørgen Huitfeldt lebte mit Sophie von Pultz ständig auf Elingaard, doch verstarb sie bereits 1711. Im Jahr 1713 heiratete er Brigitte Christine Kaas (Abb. 20), auch sie eine Urenkelin von Jens Bjelke. Sie brachte das letzte Drittel von Elingaard in die Ehe ein.[4] Die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts war in Norwegen von zahlreichen Wirtschaftskrisen und Instabilität geprägt, welche die Landwirtschaft in hohem Maße betrafen. Zugleich entwickelte sich das vermögende Bürgertum zu einer einflussreichen und machtbewussten Schicht, was den alten Adel vor neue Herausforderungen stellte.[5] Auch in Elingaard war die wirtschaftliche Lage im frühen 18. Jahrhundert schwierig, doch wurde offenbar dessen ungeachtet auf ein repräsentatives und standesgemäß geführtes Anwesen wert gelegt. Dies lag in erster Linie an Brigitte Christine Kaas, die als eigenständige und schillernde Persönlichkeit überliefert ist. Bedingt durch die wiederholten Abwesenheiten und militärischen Verpflichtungen ihres Mannes, scheint sie in Elingaard, Kjølberg und Sanne die Gutsverwaltung weitgehend selbstständig geführt zu haben. Offenbar achtete sie auf eine angemessene Etikette und war – in Anlehnung an ihr resolutes Auftreten – unter dem Beinamen „General Birte“ bekannt.[6] Dass sie eine für die Zeit tatsächlich ungewöhnlich selbstbestimmte Rolle als Frau spielte, zeigt sich auch darin, dass Birgitte Kaas offen als Übersetzerin und Verfasserin von Hymnen, Kirchenliedern und Psalmen in Erscheinung trat. Eine Anekdote besagt, sie sei von der Schwiegermutter König Christians VI., der Markgräfin Sophie Christiane von Wolfstein, angesichts ihres Talents für die Poesie ermutigt worden, sich der geistlichen Dichtung zu widmen.[7] Als Ausnahme muss ebenso gelten, dass ihre Werke – anders als jene der meisten schreibenden Frauen ihrer Zeit – in die offiziellen Gesangbücher aufgenommen und im Gottesdienst verwendet wurden. Sie veröffentlichte unter dem Titel Nogle Aandelige Psalmer, Oversatte udaf det Tydske Sprog paa Dansk af den, Som inderlig begiærer at have udi sit Hierte Bestandig Christi Kierlighed 28 Übersetzungen von Hymnen. Noch zu ihren Lebzeiten wurden 18 dieser Hymnen in das Pontoppidans Psalmbok oder Den nye Psalme–Bog (1740), den sogenannten „Slotssalmebog“, aufgenommen.[8] Von Birgittes eigenen Werken hat sich kaum etwas erhalten. Sie fielen dem Brand in Elingaard im Jahr 1746 zum Opfer.[9] Birgitte Kaas Huitfeldt wird mit einigen Seiten in dem 1753 erschienen Werk von Frederik Christian Schønau (1728–1772) der Samling af Danske Lærde Fruentimmer berücksichtigt, worin der Autor über 100 dänische Frauen vorstellt. Hier zitiert wird ein Brief von Birgitte, in dem sie ihre eigenen literarischen Werke zu diversen Themen und deren Verlust aufgrund des Brandes erwähnt.[10] Im Jahr 1751 starb Henrik J. Huitfeldt, seine Frau Birgitte folgte ihm zehn Jahre später. Elingaard war zu diesem Zeitpunkt hoch verschuldet, vermutlich aufgrund der mit den Krisenzeiten einhergehenden Belastungen der Landwirtschaft und des zweifelsohne kostspieligen Wiederaufbaus des Hauptgebäudes. Henriks und Birgittes Sohn Valentin Vilhelm Hartvig Huitfeldt erbte das Anwesen und stand vor der Aufgabe, Elingaard wieder rentabel zu machen. |
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Valentin Huitfeldt hatte, gleich seinem Vater, eine militärische Laufbahn eingeschlagen, diente in mehreren Regimentern und stieg bis zum Oberstleutnant auf. Zudem wurde er Kammerherr, erhielt 1777 den Rang eines Generalmajors und wurde 1782 zum Ritter geschlagen. Er heiratete 1755 Ingeborg Kirstine Reichwein, mit der er acht Kinder bekam. Als Militär brachte es Valentin Huitfeldt zu einigem Ansehen und Erfolg; in geschäftlichen Belangen hingegen bezeugen bereits zeitgenössische Berichte seine fehlende Kompetenz: So hebt der Oberstleutnant Claus Jørgen Schnell 1764 lobend seine militärische Eignung hervor, stellt jedoch fest: „Die UmsVinde seiner Haushaltungs Geschifte aber sind in einiger Unordnung, und mit Schulden behaftet.“[11] Bereits in jungen Jahren hatte man ihm eine ausschweifende Lebensführung nachgesagt[12] und auch später scheint er einen an hochadeligen Standards orientierten Lebensstil beibehalten zu haben. Letztlich gelang es Valentin Huitfeldt nicht, Elingaard von den finanziellen Schwierigkeiten zu befreien. Hohe Schulden scheinen ihn nicht von einer Reihe an Investitionen abgehalten zu haben: So erhielt Elingaard im Jahr 1768 eine Ziegelei und Töpferei, deren Gebäude in Vallestrand am Ende des Elingårdskilen standen. Neben dem Herrenhaus in Kjølberg war bereits 1746 eine Ziegelei errichtet worden – dies vermutlich in Antwort auf den gestiegenen Bedarf an Ziegeln im Rahmen der Neubauten im nahe gelegenen Fredrikstad. Die Ziegelei in Vallestrand produzierte vermutlich hauptsächlich für den Eigenbedarf und existierte bis ins 19. Jahrhundert. In den 1770er Jahren investierte Valentin Huitfeldt weiterhin in einen neuen Stall, einen Seeschuppen, ein Mühlenhaus (kvernhus) und ein Sägewerk. Bereits 1759 war das Gut Kjølberg von seinem im selben Jahr verstorbenen Bruder Christopher Christian Huitfeldt in seinen Besitz übergegangen, doch gelang es Valentin Huitfeldt nicht, den Hof zu halten: Kjølberg wurde zunächst verpfändet und bereits 1763 wieder verkauft. Wenig später, in den 1760er Jahren, begann Valentin Huitfeldt aufgrund der finanziell angespannten Lage mit dem Verkauf weiterer, zu Elingaard gehöriger Höfe. Zunächst waren die in weiterer Entfernung gelegenen Höfe betroffen, darunter Saltnes, Husløs, Kallerød und Kjenne. Die Elingaard umgebende Landschaft veränderte sich dadurch zunächst kaum. Jedoch folgten bald weitere Verkäufe und der Landbesitz verkleinerte sich zusehends, bis im Jahr 1775 schließlich Elingaard selbst verpfändet und auf einen Wert von 24.960 riksdaler festgesetzt wurde.[13] Der endgültige Verkauf fand im März 1778 im Zuge einer Versteigerung statt: Für 18.000 riksdaler erwarb Dr. med. Hans Nielsen Møller (1736–1796) das Anwesen. Valentin Huitfeldt versuchte im folgenden Jahr erfolglos, den Hof zurückzukaufen.[14] Zehn Jahre später verlor er auch seine militärische Stellung und damit verbundenes Ansehen: Mit dem Vorwurf der Bestechlichkeit und des Missbrauchs seiner Position wurde er 1788 vor ein Kriegsgericht gestellt und schuldig gesprochen.[15] In Elingaard endeten mit dem Verkauf 1778 die jahrhundertelang aristokratisch bestimmten Besitzverhältnisse: Mit Hans Møller zog erstmals ein Bürgerlicher auf dem Anwesen ein. Møller war dänischer Herkunft und promovierter Mediziner. Nach seinem Studium in Kopenhagen war er kurz davorgestanden, Leibarzt der dänischen Königin Mathilde zu werden – als dies nicht gelang, eröffnete er im norwegischen Skien eine Arztpraxis, promovierte zwischenzeitlich in Kopenhagen und wurde 1773 zum Landarzt (landphysicus) in Bratsberg ernannt, wo er ab 1776 die Leitung des Bezirkskrankenhauses (Radesykehuset in Osebakken) übernahm.[16] Anlässlich des Verkaufs von Elingaard fand eine Versteigerung der beweglichen Gegenstände statt, darunter Mobiliar, Werkzeuge und Tiere. Die erhaltenen Dokumente stellen eine der wenigen heute erhaltenen schriftlichen Quellen zu Alltag und Ausstattung von Elingaard im späten 18. Jahrhundert dar. Teuerstes Objekt war ein Spiegel mit vergoldetem Rahmen für 10 riksdaler.[17] Anlässlich des Besitzerwechsels liegt zudem eine aufschlussreiche Beschreibung von Elingaard vor[18], die insgesamt einen relativ schlechten Zustand sowohl des Gartens als auch der Gebäude bezeugt. Angesichts von Møllers Herkunft und sozialem Status erstaunt seine Investition in ein so großes Anwesen. In den zehn Jahren, die er Elingaard behielt, nahm er einige Verbesserungen vor, was sich auch in der Wertsteigerung auf 32.000 riksdaler bei dem erneuten Verkauf 1788 spiegelt.[19] Møller hatte bereits im Jahr 1774 das Herrenhaus von Aakre erworben und dort ein neues Hauptgebäude errichtet, wohin er sich nun zurückzog und am 19. Februar 1796 im Alter von 60 Jahren starb.[20] Der folgende Besitzer von Elingaard, Hans Chrystie (circa 1759–1808), entstammte einer aus Schottland eingewanderten Kaufmanns-Familie. Über ihn ist wenig überliefert; er wird als Kriegsassessor benannt und besaß von 1783 bis 1789 ebenso den Hof Gipsund in Rygge.[21] In Elingaard blieb er insgesamt 17 Jahre und führte offenbar ein ruhiges, von der Landwirtschaft geprägtes Leben.[22] Beim Verkauf von Elingaard 1805 war der Preis erneut – nun auf 50.000 riksdaler – gestiegen. Zu diesem Zeitpunkt zählten 16 hussmannsplasser, eine Getreidemühle, eine Ziegelei, eine Töpferei, ein kleines Sägewerk, mehrere Viehzuchtbetriebe (avlsgårder) und 14 selbstständige gårdsbruk zu Elingaard.[23]
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