06. Herrenhaus: Baugeschichte und Architektur
- 01. Einführung
- 02. Forschungsstand
- 03. Geschichte der Anlage vor dem 18. Jahrhundert
- 04. Überblick zur Gesamtanlage
- 05. Besitzverhältnisse im 18. Jahrhundert
- 06. Herrenhaus: Baugeschichte und Architektur
- 07. Innenräume im 18. Jahrhundert
- 08. Garten und Park im 18. Jahrhundert
- 09. Wirtschaftsanlage
- 10. Geschichte der Anlage nach dem 18. Jahrhundert
- 11. Quellen- und Literaturverzeichnis
Baugeschichte vor dem 18. JahrhundertZu Architektur und baulicher Entwicklung von Elingaard vor dem 18. Jahrhundert liegen kaum verwertbare Quellen vor, dies wohl insbesondere aufgrund eines Brandes am 3. Juli 1645, dem große Teile der Herrenhausanlage – das Archiv eingeschlossen – zum Opfer fielen. Indes ist seitens eines Zeugen dieses Brands ein Bericht überliefert, dem sich einige aufschlussreiche Details zu Elingaard zur Zeit von Jens Bjelke entnehmen lassen: Demnach existieren die Wallanlagen bereits, innerhalb derer sich ein zweistöckiges Hauptgebäude befand. Der borggård („Burghof“) und der ladegård – also jener wirtschaftliche Teil des Anwesens, welcher der Lagerung landwirtschaftlicher Erzeugnisse und Gerätschaften sowie der Tierhaltung vorbehalten war – befanden sich innerhalb der Wälle. Baulich waren diese beiden Bereiche offenbar deutlich voneinander abgegrenzt, da man zunächst davon ausging, den ladegård vor den Flammen retten zu können. Auch lassen die Versuche, einzelne Bauten zu retten, darauf schließen, dass die Gebäude weitgehend frei standen.[1] Bastionen und WallanlageAls charakteristisches und in Norwegen außergewöhnliches Merkmal fallen in Elingaard zuerst die Bastionen mit umgebendem Burggraben in den Blick (Abb. 17, 25, 26). Mit großer Wahrscheinlichkeit lässt sich ihre Entstehung in die Zeit von Jens Bjelke datieren. Die polygonale Befestigungsanlage und ihre Funktionen wurden wiederholt kontrovers diskutiert. Während etwa Schnitler eine Entstehung im frühen 17. Jahrhundert in zeitlicher Nähe zu dem Besuch von König Christian IV. auf Elingaard 1615 vermutete, datierte Sørensen die Bastionen überzeugend etwas später um 1630 bis 1640.[2] Heute noch erkennbar ist ein trapezförmiger Wall mit vier Bastionen, wobei die nördliche und südliche Seite nicht parallel verlaufen. Die Ostseite ist sichtbar länger (insgesamt 160 m) und – so scheint es – um diese schwächere Flanke zu decken wurden in etwa 40 m Entfernung zwei Vorwerke in einem Abstand von 100 m platziert.[3] Diese Vorwerke haben auf der gegenüberliegenden Seite keine Entsprechung, was eine 2022 durchgeführte Bodenradaruntersuchung bestätigte. Die Befestigungsanlage beherbergte neben Haupthaus und Wirtschaftsgebäuden wahrscheinlich auch Teile des Gartens, der jedoch vermutlich bereits vor seiner deutlichen Erweiterung im 18. Jahrhundert über den Burggraben hinausging. Auf den bekannten Karten von Onsøy aus der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts ist Elingaard mit einem offenkundig fiktiven Hauptgebäude dargestellt, während die umgebenden Bastionen üblicherweise relativ detailliert abgebildet wurden (Abb. 27, 38). Die tatsächliche Funktion der Wallanlage mit den Bastionen wurde in der Forschung wiederholt thematisiert. Die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts war auch in Norwegen von zahlreichen kriegerischen Auseinandersetzungen geprägt, doch hätte die Anlage von Elingaard einem tatsächlichen Ansturm kaum standhalten können. Die Intention der Anlage ist folglich eher nicht in einem praktischen Verteidigungsinteresse zu suchen – vielmehr scheinen die Bastionen und Wassergräben in hohem Maße ästhetisch motiviert zu sein.[4] Seitdem sich die polygonale Bastionsform ausgehend vom mitteleuropäischen Raum im 16. Jahrhundert zunehmend verbreitete, war ihr – neben der tatsächlichen Wehrhaftigkeit – auch immer eine symbolische Dimension inhärent. Der Planungsprozess und das Ergebnis des Festungsbaus entwickelten sich zunehmend auch zu einem medialen Phänomen, das in Ansichten, Plänen und Modellen stolz zur Schau gestellt wurde. Unabhängig ihrer oftmals zunächst unbekannten – da nicht unmittelbar verifizierbaren – praktischen Effizienz, standen entsprechende Anlagen seit der Mitte des 16. Jahrhunderts für landesherrliche Souveränität, Stärke und Wehrhaftigkeit.[5] Es liegt nahe, dass sich Jens Bjelke auch in Elingaard dieser Form mit Blick auf die Unterstreichung seiner herausgehobenen Position im Staatsapparat bediente und seinen Einfluss mittels eines Symbols baulich-militärischer Überlegenheit zu demonstrieren gedachte. Für eine Realisierung unter Jens Bjelke spricht auch, dass es nach 1660 dem Adel nicht mehr erlaubt war, seine Höfe zu befestigen. Unter Bjelke kann die gestalterische Wahl des Wehrmotivs auch im Kontext der von ihm verfolgten Stärkung des norwegischen Adels gelesen werden, der sich gegen die Dänen verteidigen musste.[6] Wer in Elingaard für die Errichtung der Bastionsanlage verpflichtet wurde, ist nicht bekannt. Als Hypothese ins Spiel gebracht wurde der Ingenieur Willem Coucheron, der ab 1663 die Fortifikationen der Festung Fredrikstad ausführte, wo auch Jens und sein Sohn Jørgen Bjelke involviert waren. Ebenso in Frage käme der Niederländer Isaac von Geelkercken, ein Kartograph und Festungsplaner, der 1644 bis 1657 in dänisch-norwegischen Diensten stand.[7] Die Bastionen haben sich im Laufe der Jahrhunderte verändert: Die Erd- und Steinmassen sind insbesondere im Süden zusammengesunken. Im Zuge einer archäologischen Untersuchung 1998 wurden in einem Wall Überreste einer starken Palisadenkonstruktion gefunden, die offenbar einst auf den Bastionen stand.[8] |
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Der Neubau des Herrenhauses nach 1645Nach einem verheerenden Brand im Jahr 1645 wurde das Hauptgebäude von Elingaard neu errichtet. Vermutlich zeichnete dafür Henrik Bjelke verantwortlich, obwohl er selbst wenig Zeit in Norwegen verbrachte. Dennoch muss er eine standesgemäße Erscheinung seines Familiensitzes für grundsätzlich notwendig erachtet haben. Im Jahr 1651 schrieb Henrik Bjelke einen Brief aus Elingaard, wo zu diesem Zeitpunkt mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits ein neues Hauptgebäude stand.[9] Es handelte sich um eine regelmäßige Dreiflügelanlage, wie sie vor 1660 oftmals in adeligen Kreisen gebaut wurde und sich als Bauform bereits zu Beginn des 17. Jahrhundert etabliert hatte.[10] Über die Gestaltung ist im Detail wenig überliefert. Mit großer Sicherheit handelte es sich um ein zweigeschossiges Holzgebäude mit einem Ziegeldach, das zahlreiche Funktionen vereinte. Überliefert ist die Existenz einer brevkammeret im Erdgeschoss – einem Raum, in dem Dokumente und wichtige Papiere aufbewahrt wurden – und ein großer repräsentativer Saal im Obergeschoss. Bis heute hat sich das Kellergeschoss des einstigen Gebäudes erhalten (Abb. 28, 29), auf dem später der Neubau des 18. Jahrhundert entstand: Im Untergeschoss liegen vier gleich große Räume, je zwei auf Seiten eines Mittelgangs, von dem eine breite Doppeltür – heute unterhalb der Treppe zum Haupteingang – in den Hof führt (Abb. 30). Die Türen der Kellerräume sind auf derselben Achse angelegt. Die Räume besitzen eine Kombination aus Kreuz- und Tonnengewölbe und wurden aus gelbem holländischem Backstein erbaut. Die Fenster waren einst niedriger als heute. Diese verhältnismäßig imposanten Kellerräume wurden vermutlich in erster Linie für Lagerungszwecke genutzt; Gerüchte lokalisieren im östlichen Teil ein ehemaliges Gefängnis, wofür jedoch keine überzeugenden Quellen vorliegen. Bei einer archäologischen Ausgrabung wurde im Jahr 1998 ein Holzfundament freigelegt, auf dem das Kellergeschoss ruht.[11] In einer (nicht näher benannten) Quelle werden die Keller als die prächtigsten des Landes bezeichnet, „de prektigste gårdskjellere i landet“[12]. Ein 10 x 9 m großes Backsteinfundament im westlichen Teil des Gebäudes brachte die Möglichkeit eines einst hier stehenden Treppenturms auf, was jedoch ebenfalls unsicher ist.[13] Baugeschichte im 18. JahrhundertIm Jahr 1746 brannte das Hauptgebäude erneut vollständig nieder. Trotz einer von Wirtschaftskrisen und finanziellen Schwierigkeiten geprägten Zeit, entschieden sich Henrik und Birgitte Huitfeldt umgehend für den Wiederaufbau des Gebäudes – die standesgemäße Repräsentation der Familie hatte offenbar trotz der in der ersten Jahrhunderthälfte prekären wirtschaftlichen Lage hohe Priorität. Bis 1749 wurde das Hauptgebäude neu errichtet (Abb. 31, 32). Der namentlich nicht überlieferte Baumeister soll aus Dänemark gekommen sein, wofür jedoch keine Quellen vorliegen.[14] Das neue Herrenhaus entstand auf den Kellern des Vorgängerbaus als zweigeschossiges Holzgebäude mit einem ziegelgedeckten Walmdach, das mit etwa 1000 m2 zu den größten des Landes zählte. Mit zwei Seitenflügeln, die vermutlich zur selben Zeit entstanden, formte es eine u-förmige Anlage um einen Innenhof. Der Haupteingang (Abb. 33) lag genau auf einer zentralen Achse, die sich von der Zufahrt durch das Gebäude hindurch bis zur Gartenseite zog, wo sie eine leichte Verschiebung erfuhr und sich bis zum Endpunkt des Gartens fortsetzte. Die seitlich anschließenden Seitenflügel (Abb. 34,35) waren nicht unterkellert und dem Hauptgebäude nicht direkt verbunden. Sie besaßen einst einen offenen svalgang im ersten Obergeschoss – dies gilt eventuell auch für das Hauptgebäude, wofür jedoch keine bestätigenden Quellen vorliegen. Die gesamte Anlage ruht auf niedrigen, etwa 40 bis 60 cm hohen Steinmauern. Das Dachgeschoss erstreckt sich über die gesamte Fläche, jedoch waren hier offenbar keine bewohnbaren Räumlichkeiten – beispielsweise für die Dienerschaft – vorgesehen.[15] Das Hauptgebäude macht allein durch seine Dimensionen[16] und die Regelmäßigkeit der Anlage einen imposanten Eindruck. Die Fassaden sind schlicht und nahezu ohne gestalterische Schmuckelemente. Achsial angeordnete, beinahe quadratische Fenster schaffen eine klare Rhythmisierung und lassen bereits von außen – durch die unterschiedlichen Fensterhöhen – auf die funktionale Bedeutung und Hierarchisierung der beiden Geschosse schließen. Beidseitig eines mittig gelegenen Eingangs auf der Hofseite gliedern jeweils drei Fensterachsen die Fassade.[17] Die heutige Steintreppe, die zu einer zweiflügeligen Eingangstür führt, stammt aus späterer Zeit und verdeckt den ebenerdigen Zugang zum Kellergeschoss. Ursprünglich gab es hier vermutlich eine Holztreppe sowie einen kleinen, überdachten Anbau – einen sogenannten bieslag – mit Satteldach. Ein ebensolcher einfacher Anbau existierte wahrscheinlich auch an der Südfassade zum Garten, wo im 19. Jahrhundert ein großer Vorbau mit Terrasse im ersten Obergeschoss errichtet wurde.[18] In Elingaard verbanden sich Elemente einer traditionellen norwegischen Architektur mit mitteleuropäischen Einflüssen: Die u-förmige Anlage bildete eine regelmäßige cour d’honneur von 25 x 25 m (Abb. 36) und folgte darin einer seit dem 17. Jahrhundert etablierten europäischen Architektursprache, die Prestige und ein hohes Anspruchsniveau ausdrückte. Diese Bauform war auch in Norwegen seit dem frühen 17. Jahrhundert etabliert; ebenso entspricht die regelmäßige, schlichte Holzkonstruktion einer norwegische Bautradition.[19] Dies gilt auch für den an beiden Seitenflügeln auf der Hofseite entlanglaufenden svalgang, ein in Norwegen ab etwa 1600 übliches architektonisches Element, das der einfachen Erschließung der Räume diente.[20] Offenbar versuchten Henrik und Birgitte Huitfeldt, mit dem Neubau ein repräsentatives Ensemble zu schaffen, das den sozialen Rang und das adelige Selbstverständnis der Familie unmissverständlich zum Ausdruck brachte. Die Anlage um die cour d’honneur bildete einen von den Wirtschaftsgebäuden deutlich separierten Bereich – auch wenn auch in Elingaard die Nähe zu den funktionalen Bauten, von denen sich mehrere innerhalb der Bastionen befanden, vergleichsweise groß war. Wie bei vielen großen Herrenhausanlagen der Zeit lagen auch hier Wirtschaftlichkeit und Repräsentation, Funktionalität und Wohnkomfort nah beieinander. Die architektonischen Vorbilder für Elingaard lagen vermutlich hauptsächlich in Dänemark. Auch die familiären Netzwerke dürften einen nicht zu unterschätzenden Einflusses auf die künstlerisch-architektonische Gestaltung des Anwesens gehabt haben: So heiratete Hartvig Huitfeldt, einer der Brüder von Henrik, Karen Werenskiold und lebte mit ihr in Hafslund, einer der wichtigsten Herrenhausanlagen der Region. Zudem hatten Henrik und Birgitte Huitfeldt 1713 in Wedellsborg auf Fünen geheiratet, wo kurz zuvor umfangreiche Bauarbeiten mit Blick auf eine angemessene bauliche Repräsentation realisiert worden waren.[21] Die heute über dem Haupteingang angebrachte Inschrift (Abb. 37) ist von Birgitte Kaas Huitfeldt überliefert, wurde jedoch erst im 20. Jahrhundert hier angebracht.[22]
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