07. Innenräume im 18. Jahrhundert
- 01. Einführung
- 02. Forschungsstand
- 03. Geschichte der Anlage vor dem 18. Jahrhundert
- 04. Überblick zur Gesamtanlage
- 05. Besitzverhältnisse im 18. Jahrhundert
- 06. Herrenhaus: Baugeschichte und Architektur
- 07. Innenräume im 18. Jahrhundert
- 08. Garten und Park im 18. Jahrhundert
- 09. Wirtschaftsanlage
- 10. Geschichte der Anlage nach dem 18. Jahrhundert
- 11. Quellen- und Literaturverzeichnis
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Von Elingaard haben sich keine originalen Grundrisse aus dem 18. Jahrhundert erhalten. Das heutige Erscheinungsbild des Hauptgebäudes (Abb. 39) ist das Ergebnis zahlreicher Umbauten im 19. und frühen 20. Jahrhundert, denen die ursprüngliche Ausstattung des 18. Jahrhundert größtenteils weichen musste. Einzelne Hinweise – so insbesondere im Auktionsprotokoll von 1777[1] und in der Beschreibung von 1779[2] – lassen vermuten, dass diese im 18. Jahrhundert durchaus aufwendig war. Die originale Ausstattung hat sich nur für die sogenannte likkammer im Erdgeschoss erhalten. Im Erdgeschoss befand sich hinter dem Eingang zentral ein Saal auf ganzer Breite des Gebäudes, welcher auf der die Anlage durchlaufenden zentralen Achse lag und den Blick in den rückseitig anschließenden Garten freigab. Hier befand sich zudem eine Treppe ins erste Obergeschoss, die sich – im Gegensatz zu dem heutigen schmalen und unprätentiösen Aufgang – an eine französische escalier d’honneur anlehnte: Eine zentral platzierte Doppeltreppe führte nach oben, eine in der Zeit in Norwegen einzigartige Konstruktion. Beidseitig des Empfangssaals schlossen sich die beiden größten Räume des Geschosses an – dagligstuen und storstuen –, ebenfalls auf ganzer Breite des Gebäudes und mit einer Größe von je etwa 50 m2. Anschließend folgten im Osten die storstuen, storstuekammeret, rode kammer, prestevarelset und die sogenannte likkammer, somit mehrheitlich repräsentative Räumlichkeiten, die auch eine Empfangsfunktion innehatten. Im Westen reihten sich die funktional-praktischen Räume aneinander: die dagligstuen, die sengekammer mit einem Kabinett sowie eine Küche mit Speisekammer. Entlang der Gartenseite formte sich eine das Gebäude auf ganzer Länge durchlaufende Enfilade (Abb. 40, 41).[3] Im Obergeschoss (Abb. 42) situierten sich im Wesentlichen funktionale Räumlichkeiten, wie Kinder- oder sogenannte Mädchenzimmer (jomfrukammeret). Zum Zeitpunkt der Auktion 1777 waren diese Räume unmöbliert. Vermutlich waren ihre Nutzungen flexibel und reichten von Wohnbereichen für gehobene Angestellte über Gästezimmer bis zu Aufbewahrungszwecken. Auch die schwierige Finanzlage der Huitfeldts in den 1750er und 1760er Jahren mag für die fehlende Möblierung eine Rolle gespielt haben. Generell waren die Räume des Hauptgebäudes größtenteils der Nutzung seitens der Familie vorbehalten – nur zwei Kammern neben Küche und Schlafzimmer des Hausherrn waren für die Dienerschaft vorgesehen.[4] Zur festen Innenausstattung des bis 1749 errichteten Neubaus liegen kaum aussagekräftige Quellen vor. Erst aus dem Jahr 1769 ist belegt, dass insgesamt sieben Räume eine textile Wandbespannung erhielten – sechs von ihnen eine sogenannte „veggtrekk“.[5] Neben der in situ erhaltenen Ausstattung der likkammer ist heute nur ein Stück der ehemaligen Wandverkleidung aus der sogenannten rode kammer erhalten: Es handelt sich um einen Ausschnitt mit einem gemalten ovalen Rahmen im Zentrum – eventuell einst für die Aufnahme eines Porträts gedacht – und rahmend angeordneten Akanthusmotiven in rot-schwarzen Farbtönen (Abb. 43, 44). Die stilistische Zugehörigkeit des Motivs eher zum 17. Jahrhundert ließ Grethe Borges eine Wiederverwendung aus dem Vorgängerbau vermuten.[6] In jedem Fall scheint die Ausstattung ausschlaggebend für die Raumbezeichnung gewesen zu sein.[7] Erhalten hat sich außerdem eine Balkendecke, die in rot und grünblau gestrichen war und 1998/99 restauriert wurde. Originale Öfen sind nicht erhalten.[8] Borges verweist auf zwei Feldherrenskulpturen aus Kalkstein, heute in Kjølberg, die sich angeblich einst in Elingaard befanden und den hohen Anspruch der Besitzenden verdeutlichten.[9] Im Zuge der Bestandsaufnahme 1779 wurden auch die Innenräume in Gänze berücksichtigt, jedoch lässt die entstandene Beschreibung nur begrenzt auf die wandfesten Raumausstattungen schließen. Festgehalten werden vor allem die beobachteten Mängel, welche in nahezu allen Räumen die verlegten Holzböden, Türen mit Schlössern und Scharnieren sowie die Treppen betreffen. Deren mehrheitlich schlechter Zustand erforderte umfassende Reparaturen und Erneuerungen. Erwähnt wird in der storstuen eine niedrige Holzvertäfelung („Fod Panelingen“); im Schlafzimmer („Sænge Kammeret“) gab es hingegen offenbar keine Holzvertäfelung an den Wänden, da eine solche empfohlen wird um Zugluft zu verhindern. Die generell weitreichende Vernachlässigung der Innenräume verdeutlicht sich auch darin, dass in der „Jomfrue Kammeret“ im Obergeschoss Mauselöcher in der Wandverkleidung („Betrækket“) beschrieben werden.[10] Die likkammer im ErdgeschossSiehe auch das 3D-Modell der likkammer bei Sketchfab.com © Immo Trinks / Vienna Institute for Archeological Science In der nordöstlichen Ecke des Hauptgebäudes liegt im Erdgeschoss ein Raum, der erstmals in einem Bericht vom September 1775 als „Det Huitfeldtske likkammer“[11] erwähnt wird und seine originale Ausstattung aus dem 18. Jahrhundert bis heute bewahrt hat (Abb. 45, 46). Der kleine Raum fungierte als zeremoniell konnotierter Aufbewahrungsort für Verstorbene und stand als solcher im 18. Jahrhundert in einer in Norwegen verbreiteten Tradition. Zwischen Tod und Bestattung konnten mehrere Wochen vergehen, was – neben praktikablen Gründen – auch als Ehre und Moment der Statuspräsentation verstanden wurde. Die Ausweitung der Zeiträume bis zur Bestattung war in hochadeligen Kreisen einst vom Königshaus übernommen worden, wobei mit der Einführung der Monarchie eine Höchstdauer von drei Wochen festgesetzt wurde. [12] Üblicherweise wurden Tote aufgebahrt und oftmals einbalmasiert. In eigens dafür vorgesehenen Räumen fanden ritualisierte Zusammenkünfte, Totenwachen und Abschiedszeremonien statt, vielfach unter Ausschluss des Tageslichts und in hohem Maß von Aberglauben geprägt. Die Räume waren oft mit eigenen Türen oder einfachen Öffnungen ausgestattet, über welche die Verstorbenen hinausgebracht wurden; anschließend wurden diese Öffnungen wieder verschlossen. In zahlreichen Häusern in Ostnorwegen lassen sich bis heute Spuren solcher Öffnungen finden.[13] Auch in der likkammer in Elingaard gab es offenbar einst anstelle des heutigen Fensters eine solche Öffnung, über deren genaue Beschaffenheit indes wenig bekannt ist. Wie in zahlreichen anderen Beispielen der Fall, war die Öffnung nach Osten ausgerichtet. Nach der Fertigstellung des Hauses 1749 war Henrik Jørgen Huitfeldt vermutlich der erste, der im Jahr 1751 hier aufgebahrt wurde.[14] Die Wandausstattung des 18. JahrhundertsAls einziger Raum in Elingaard hat die likkammer ihre Wandausstattung aus dem 18. Jahrhundert behalten (Abb. Abb. 47–53); auch der Boden stammt noch unverändert aus dem 18. Jahrhundert.[15] Aus dem 1775 entstandenen, o.g. Bericht geht hervor, dass im Jahr 1769 insgesamt sieben Räume im Erdgeschoss ausgestattet wurden. Für einen wird eine „Tapetzerie besyet efter Kaste-Kiepper Myndster“[16] benannt, womit eine Technik aus Flachs oder Hanf gemeint ist, was sich wahrscheinlich auf die likkammer bezieht. Über einer niedrigen Vertäfelung ist eine gelb-graue Leinwand angebracht, die in Grau- und Blautönen diverse Szenerien mit Landschaften und darin platzierten Architekturen zeigt. Die einfachen, nahezu monochromen Malereien haben einen amateurhaften Charakter[17], der ihre Erhaltung umso erstaunlicher macht. Lorentz Diderich Klüwer, norwegischer Topograph und Archivar, besuchte Elingaard um 1820 und beschrieb umfassende Veränderungen unter Christian Sorly ab 1805 – nur die likkamer sei als einziger Raum unberührt geblieben.[18] Eventuell war es gerade die Funktion des Raumes und eine damit verbundene Kombination aus Ehrfurcht und traditionellem Bewusstsein, die eine Zurückhaltung bezüglich seiner Umgestaltung begründete. Die Malereien wurden im Zuge der umfassenden Eingriffe unter Libertas nach 1948 restauriert – dies jedoch so weitreichend, dass die originalen Teile heute schwer zu erkennen und teils stark übermalt sind. Die Kompositionen sind einfach und zeigen verschiedene Gebäude in einer angedeuteten Landschaft, die bis auf vereinzelte Bäume ohne differenzierte Vegetation bleibt. Die in Proportionen und Perspektive vielfach ungelenke Ausführung lässt nicht auf einen erfahrenen Künstler schließen; vielmehr muss hier jemand aus einem regionalen Kontext beschäftigt gewesen sein oder dilettierte sogar ein Familienmitglied aus Elingaard selbst?[19] An der Nordwand ist ein repräsentativer Bau mit Skulpturen, einer Kuppel mit Zwiebelturm, einer Kolonnade mit korinthischen Säulen und einer Balustrade dargestellt. Ein Weg führt zu einem kleineren Backsteingebäude im Hintergrund. An der gegenüberliegenden Südwand fügen sich mehrere Gebäude zu einer Produktionsstätte, ähnlich einer Eisenhütte mit Hochofen. An der Ostwand ist linksseitig des Fensters eine Dorfansicht mit Kirche in der Mitte dargestellt, auf der anderen Seite erscheint ein einfaches Haus neben einer großen Tanne inmitten dichter Vegetation. Im Zuge der nachträglichen Einfügung des Fensters wurde unterhalb der Decke eine neue Leinwand eingefügt, die eventuell eine einst existierende weitere Szene ersetzte.[20] An der Westwand findet sich eine Burg mit fünf Türmen, offenbar von der Pariser Bastille inspiriert, sowie zwei Schiffe und ein Gebäude am Wasser. Über der Tür zeigt eine Rokoko-Kartusche die goldfarbenen Initialen CH. Die Szenen sind teils durch Vögel in der Luft und einzelne Figuren belebt, die jedoch schematisch bleiben. Darüber ist ein gemalter Himmel mit hellweißen und hellblauen Wolken. Vermutlich spiegeln die Darstellungen das direkte Umfeld Elingaards, ähnlich wie dies in der Innenausstattung von Fossesholm umgesetzt wurde. Zum Zeitpunkt der Entstehung lebte Valentin Wilhelm Hartvig Huitfeldt auf Elingaard – die repräsentativen Gebäude, Schiffe und ländlichen norwegischen Szenerien spielten vermutlich auf sein Lebensumfeld an, ebenso die Produktionsstätte, die mit einer von ihm 1768 erbauten Ziegelei und Töpferei in Verbindung stehen könnte.[21] Fragen wirft die über der Tür dargestellte Kartusche mit den Initialen CH auf, da diese mit keinem der zu erwartenden Besitzer in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert übereinstimmen. Ins Spiel gebracht wurde der Bruder von Valentin, Christopher Christian Huitfeldt[22], der bereits 1759 mit 39 Jahren verstorben war. Dass der Raum auch eine Memorial-Funktion hatte, scheint nicht ausgeschlossen. Borges erwägt auch die Möglichkeit, dass CH für Christus stehen könnte und der Raum auch als Hauskapelle genutzt wurde – eine solche Christus-Allusion wäre allerdings eine überraschende Rarität.[23] Die Ausführung der Kartusche ist von geübterer Hand als die restlichen Darstellungen, was jedoch auch den Überarbeitungen nach 1948 geschuldet sein mag. Mehrfach wurden chinesische Einflüsse auf die Wandgestaltung vermutet[24], gerade auch im Kontext der großen Popularität Chinas in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die sich vornehmlich in Porzellan, Gartenarchitekturen und Ausstattungselementen manifestierte. Angesichts der einfachen, wenig differenzierten Ausführung der Malereien scheint es indes schwierig, veritable künstlerische Einflüsse auszumachen. Auch eventuelle Stichvorlagen lassen sich angesichts der vereinfachten Umsetzung kaum identifizieren. Gerade die offenbar der Bastille nachempfundene Darstellung ist im Kontext eines norwegischen Herrenhauses kurios und lässt eine künstlerische Vorlage vermuten. Nahe liegt die Ansicht der Bastille aus dem ersten Band der Topographie Galliae (Abb. 75): Das topographische Werk wurde 1655 von dem deutschen Geographen und Reiseschriftsteller Martin Zeiller gemeinsam mit dem Kupferstecher Matthäus Merian d. Ä. publiziert und erfuhr eine weite Verbreitung. Die Nähe zur Darstellung in Elingaard, insbesondere hinsichtlich der Perspektive und der markanten Fensteröffnungen, steht außer Frage, wenn auch in Elingaard der Bau in eine Felslandschaft versetzt wurde. Insgesamt bleibt es äußerst verwunderlich, dass in Elingaard kein erfahrener oder sogar namhafter Künstler beauftragt wurde – gerade dies wäre angesichts der regionalen Bedeutung des Anwesens und des Prestiges seiner Besitzer zu erwarten gewesen. Mobile AusstattungIn Elingaard ist zu Birgittes Zeiten eine repräsentative Ausstattung mit kostbaren Möbeln, Kunstgegenständen und einer großen Bibliothek überliefert. Die hohe Bedeutung des Anwesens spiegelt sich auch im Empfang von König Christian VI. während seiner Reise durch Norwegen im Jahr 1733 (Juni bis September).[25]
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