08. Garten und Park im 18. Jahrhundert
- 01. Einführung
- 02. Forschungsstand
- 03. Geschichte der Anlage vor dem 18. Jahrhundert
- 04. Überblick zur Gesamtanlage
- 05. Besitzverhältnisse im 18. Jahrhundert
- 06. Herrenhaus: Baugeschichte und Architektur
- 07. Innenräume im 18. Jahrhundert
- 08. Garten und Park im 18. Jahrhundert
- 09. Wirtschaftsanlage
- 10. Geschichte der Anlage nach dem 18. Jahrhundert
- 11. Quellen- und Literaturverzeichnis
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Rückseitig des Hauptgebäudes von Elingaard schließt außerhalb des Burgplateaus ein großes Gartenareal an, das heute in seinen ursprünglichen Dimensionen unbebaut erhalten ist (Abb. 54–56). Über seine Gestaltung im 18. Jahrhundert lassen sich aufgrund der geringen Zahl erhaltener Quellen nur wenig differenzierte Aussagen treffen. Auf den historischen Karten aus dem 18. Jahrhundert ist Elingaard vielfach nur mit einem symbolischen Haus dargestellt, während der Garten entweder nicht oder wenig realitätsgetreu gezeigt wird (Abb. 38, 57, 58). Die einzige Karte mit einer detaillierten Darstellung ist jene von Linthoe und Tjøme, die im Auftrag von Wilhelm Frederik Wedel-Jarlsberg 1855 entstand[1] und sich heute in Elingaard befindet (Abb. 17). Darüber hinaus hat sich ein Besichtigungsprotokoll aus dem Jahr 1779 erhalten, dem sich einige Informationen zum Garten entnehmen lassen.[2] Es ist davon auszugehen, dass die Existenz eines Gartens in Elingaard weit zurückreicht. Ob der Garten vor dem 18. Jahrhundert innerhalb des Burgplateaus lag oder sich bereits darüber hinaus erstreckte, ist nicht bekannt. Seine erste bekannte Erwähnung datiert von 1745 und nennt in Elingaard – neben Hafslund, Tomb und Værne Kloster – die Existenz von Obstbäumen, die allerdings so wenige Früchte tragen, dass nichts davon verkauft werden könne.[3] Damit ist auf eine grundlegende Herausforderung in norwegischen Gärten verwiesen, nämlich jene der klimatischen Bedingungen, die gerade eine Kultivierung nach mittel- und südeuropäischen Vorbildern maßgeblich erschwerten. Nichtsdestotrotz avancierten auch in Norwegen die Gärten im 18. Jahrhundert zu einem Ort, an dem sich über den praktikablen Nutzen hinaus Prestige, Standesbewusstsein und demonstrativer Konsum verdichteten. In seiner heutigen Ausdehnung wurde der Garten vermutlich um 1749 im Zuge der Neuerrichtung des Hauptgebäudes unter Henrik Jørgen Huitfeldt und Birgitte Christine Kaas angelegt, zumal sie die ersten Besitzenden nach längerer Zeit waren, die das Anwesen wieder dauerhaft bewohnten.[4] Grethe Borges vermutet, dass für die Schaffung der neuen Gartenanlage ein Gärtner aus Dänemark hinzugezogen wurde[5] – ein durchaus naheliegender Gedanke, sind schließlich in Norwegen bis in das späte 18. Jahrhundert zahlreiche aus dem Ausland eingewanderte oder dort ausgebildete Gärtner belegt.[6] Es ist davon auszugehen, dass man einen Garten schaffen wollte, der nicht nur die funktionalen Bedürfnisse abdeckte, sondern in Größe und Anspruchsniveau dem neu errichteten Hauptgebäude entsprach. Die Fläche des Gartens erstreckt sich außerhalb des Burgplateaus, folglich etwas tiefer gelegen, in südlicher und südöstlicher Richtung. Seine früheste bekannte Darstellung findet sich auf einer Übersichtskarte von 1775 (Abb. 57): Hier sind die Bastionen von Elingaard zwar durchaus detailgetreu wiedergegeben, doch ist das Hauptgebäude nur schematisch abgebildet. Der Garten ist rückseitig an der richtigen Stelle eingezeichnet, dies jedoch als relativ kleine quadratische Fläche mit vier gleich großen Parterres – der tatsächlichen Ausdehnung und Gestaltung entspricht dies keineswegs, bestätigt jedoch die Existenz eines formalen Gartens.[7] Die hingegen überaus exakte Karte des Besitzes von Elingaard aus dem Jahr 1855 (Abb. 17) gibt auch den Garten mit zahlreichen Details wieder. Demnach war das Hauptgebäude innerhalb der Bastionen – zur Gartenseite nur noch als abgerundete Ecken erkennbar – von einer Reihe bepflanzter Beete umgeben. Die Beete ziehen sich an den beiden Seitenflügeln entlang und finden sich in diversen runden Formen vor dem Hauptgebäude an der Gartenseite, wo sie sich scheinbar organisch auf dem Plateau anordnen. Vermutlich stammt diese Gestaltung aus dem 19. Jahrhundert. Zum eigentlichen Gartenareal existierten vom Burgplateau aus zwei Zugänge: Einer über eine Brücke auf Höhe des Hauptgebäudes in Verlängerung der zentralen Achse und ein weiterer im Anschluss an einen Weg östlich des Herrenhauses. Die auf der Karte dargestellte Fläche entspricht in etwa der heutigen (Abb. 59) – nur in östliche Richtung wurde im 20. Jahrhundert ein Stück dem umgebenden Acker- und Weideland zugeschlagen. Der gesamte Garten war von einem Wall umgeben. Die zentrale Achse, die sich vom Eingangstor durch den Vorhof und anschließend durch den Haupteingang und die zentralen Räume des Gebäudes zieht, findet im Garten ihre Fortsetzung – dies allerdings in Form einer leichten Drehung nach Westen. In ihrer Ausrichtung scheint sie sich an dem westlich außerhalb der Anlage verlaufenden Weg zu orientieren; eventuell sollte durch die leicht verschobene Achse auch der unregelmäßige Verlauf der Bastionsanlage ausgeglichen werden.[8] Einige Gestaltungselemente des Gartens lassen sich der Beschreibung vom 26. März 1779 entnehmen, die im Zuge des im Jahr zuvor erfolgten Besitzerwechsels von Valentin Wilhelm Hartvig Huitfeldt zu dem Landarzt Hans Møller entstand. Letzterer wird in dem Dokument mehrfach als „Hr Doctoren“ erwähnt. Die Beschreibung fokussiert auf eine Reihe an zu konstatierenden Mängeln im Innen- und Außenraum.[9] Erwähnt wird der schlechte Zustand einer hölzernen Umzäunung des Gartenareals, weiterer Zäune am Hauptgebäude sowie der Brücke über den Burggraben.[10] Die Beschreibung unterscheidet zwischen einem kleinen und einem großen Gartenbereich[11] und weist den kleineren Teil am östlichen Ende als Lustgarten aus. Die naheliegende Trennung in einen Nutz- und einen Lustgarten, die in zahlreichen Herrenhäusern der Zeit existierte, lässt sich zumindest anhand der Karte von 1855 nicht eindeutig nachweisen. Diese zeigt über die gesamte Gartenfläche hinweg eine einheitliche Gestaltung mit einem geometrischen Wegesystem, das sich um rechteckige, ovale und kreisrunde Flächen entwickelt. Die rundförmigen Flächen sind auf der Karte in ihrer Bepflanzung von den eckigen Flächen unterschieden.[12] Betritt man den Garten über die östliche Bastion gelangt man unmittelbar zu einer großen runden Fläche, an der sich die Wegeführung in zwei Richtungen teilt. Dass sich ein Lustgarten am östlichen Ende des Gartens befand, wie 1779 beschrieben, überrascht: Vielmehr läge es nahe, einen solchen repräsentativ konnotierten Garten in dem rechteckigen Teil entlang der zentralen Allee anzulegen, mit dem Karpfenbassin als Endpunkt (Abb. 60). [13] Die Karte von 1855 zeigt die Allee beidseitig einfassende Bepflanzungen – vermutlich niedrige Hecken oder Bäumchen –, die sich um eine große ovale Fläche herum fortsetzen. Eine im Jahr 2022 von GeoSphere Austria durchgeführte Bodenradaruntersuchung[14] (Abb. 61, 62) brachte im Garten zwei, eventuell drei ältere Wege zutage, die parallel zu den heutigen und in einem Abstand von 17 m die Achse rechtwinklig schneiden. Einer dieser Wege stimmt vermutlich mit einem in der Karte eingezeichneten überein. Die großen runden Strukturen wurden indes nicht nachgewiesen. Dafür konnte annähernd im Zentrum dieses Gartenteils – genau am Schnittpunkt der zentralen Achse mit einem Weg – eine etwa 3 x 5 Meter große Steinschlichtung erkannt werden, die auf ein einst hier vorhandenes gestalterisches Element schließen lässt. Die rechteckige Form dieses Gartenteils verjüngt sich leicht nach Süden, was die optische Entfernung des Teiches am Ende erhöht.[15] Noch auf der Karte von 1855 erkennbar, führte die Allee visuell über den Garten hinaus in die dahinter liegende, offene Landschaft bis zu einem bewaldeten Hügel. Auf der Karte von 1855 endet der Garten bereits kurz hinter dem rechteckigen Karpfenbassin. Ein Weg führte bis zu dem südlich entlanglaufenden Bach (Elingaardsbekken) aus dem Garten hinaus – eventuell auch gedacht als abseits des Burgplateaus gelegener Zugang für die Arbeiterschaft.[16] Der Bereich hinter dem Wasserbassin ist heute abgesunken und mit Unterholz überwuchert. Steine und Schutt wurden hier abgelegt, vermutlich von ehemaligen Wirtschaftsgebäuden stammend.[17] In dem sich nach Osten erstreckenden Gartenteil liegen insgesamt sieben Felder, die in ihrer geometrischen Anordnung fast an einen Renaissancegarten erinnern. In den unterbrochenen Wegen deutet sich die Abgrenzung zum rechteckigen Gartenteil an, die jedoch visuell ohne klare Grenze gewesen sein muss. Schnitler beschrieb die drei südlichsten Felder noch 1916 als Küchengarten[18], der somit an dem am Weitesten vom Haupthaus entferntesten Ort situiert war. Die Beschreibung von 1779 belegt die einstige Existenz von einzelnen Gartenarchitekturen, die auf der Karte von 1855 nicht wiedergegeben sind: Im Lustgarten wird ein als „neu“ klassifizierter Pavillon („et nytt Lyst Huus“[19]) erwähnt, bestehend aus einem Raum mit drei Fenstern, wahrscheinlich erst in den 1770er Jahren unter Valentin Wilhelm Hartvig Huitfeldt errichtet. Der Gartenpavillon besaß ein Ziegeldach und war mit Holzpaneelen verkleidet, aber nicht gestrichen; auch waren 1779 bereits Renovierungen an Dach und der Holzverkleidung nötig.[20] Pavillons waren ein verbreitetes Element in norwegischen Gärten und umfassten eine große stilistische Bandbreite, die von einer chinesisch inspirierten Gestaltung bis hin zu einem ländlich-bäuerlichem Stil in Anlehnung an eine regionale norwegische Traditionen reichen konnte.[21] Der Beschreibung nach stand in der südöstlichen Ecke des großen Gartens in Elingaard ein weiterer, älterer Pavillon, dessen Gestaltung jedoch nicht präzisiert wird. Vermutlich waren diese hölzernen Gartenarchitekturen von schlichtem Charakter und 1855 eventuell bereits wieder verschwunden. Eine Bodenradaruntersuchung wies im Jahr 2022[22] im östlichen Gartenareal eine potentielle Mauerstruktur mit einer nahezu quadratischen Form nach (ca. 3,5 x 5 m), wohinter sich ein solcher Pavillon verbergen könnte: Er hätte demnach am Schnittpunkt zwischen den beiden Gartenteilen und oberhalb des Küchengartens gestanden. |
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Trotz der insgesamt relativ vagen Informationen, die sich zum Garten in Elingaard zusammentragen lassen, wird deutlich, dass hier um die Mitte des 18. Jahrhunderts eine durchdachte und nach zeitgenössischen ästhetischen Prinzipien gestaltete Anlage befand: Geometrische Anordnungen, Blickachsen und klare Formen entsprachen den Idealen des barocken Gartens, wie er auch in Norwegen rezipiert wurde. Kreisförmige Elemente, wie sie in Elingaard erscheinen, waren in Gärten in Dänemark und Schleswig-Holstein im 18. Jahrhundert weit verbreitet.[23] Lars Jakob Hvinden-Haug sieht eine Verbindung des Gartens von Elingaard zu jenem von Søholt auf Fünen in Dänemark, der um 1700 unter Henning Ullrich von Lützow umgestaltet wurde. Es existiert ein Gartenplan aus derselben Zeit, der – ähnlich zu Elingaard – eine zentrale Allee mit darauf liegenden großen, kreisförmigen Elementen zeigt (Abb. 63).[24] Oseberg Pedersen wiederum hat vergleichend auf die Gartenanlage des Herrenhauses von Holstenhuus, ebenfalls in Dänemark, verwiesen[25]: Der dortige Garten entstand 1753 nach einem Plan von Georg Dietrich Tschierske (Abb. 64) und weist, obwohl in seiner Anlage wesentlich elaborierter, einige Parallelen zu Elingaard auf, so in der zweigeteilten Struktur eines rechteckigen Teils mit zentraler Allee vor dem Herrenhaus und daneben liegender Quartiere sowie der Integration einiger runder und elliptischer Elemente. Die Bepflanzungen des Gartens in Elingaard[26] oder die Anwesenheit von Gärtnern sind für das 18. Jahrhundert nicht im Einzelnen überliefert – bereits angesichts der Größe des Gartens ist eine Beschäftigung von Gärtnern anzunehmen. Auch weisen die differenziert dargestellten Bepflanzungen in der Karte von 1855 auf eine entsprechende Varianz der Bewirtschaftung und Kultivierung. Der Beschreibung von 1779 ist zu entnehmen, dass der Garten zu diesem Zeitpunkt mit Gras überwuchert war und der neue Besitzer Hans Møller seine Neugestaltung plante, bereits begonnen mit den Pflanzungen von 50 neuen Obstbäumen.[27] Der Außenraum in Elingaard liefert auch ein anschauliches Beispiel für die hohe Bedeutung der Wasserversorgung (Abb. 25): Der Garten war allseitig von Entwässerungslinien umgeben; die Wasserläufe führten vom Burggraben bis in den Elingaardsbekken, der wiederum bis zum Fjord reichte und an verschiedenen Stellen aufgestaut wurde. Über diesen Weg wurden offenbar auch die Abwässer des Haupthauses abgeleitet, bis nach der Übernahme von Libertas 1950 ein Rohr verlegt wurde. Nach dem Verkauf von Elingaard durch Wedel Jarlsberg im Jahr 1856 folgten zahlreiche Besitzerwechsel, Landverkäufe und Parzellierungen. Es gab weiterhin einen Obst- und Gemüsegarten bis der Garten 1914 neu angelegt wurde. Seit einer Restaurierung in den 1980er Jahren, die u.a. die Pflanzung von Laubengängen an den Rändern (Abb. 65) und die Anlage neuer Wege umfasste, hat der Garten keine größeren Veränderungen mehr erfahren.[28] Anlässlich des Besuchs der Königinnen Margrethe II. von Dänemark und Sonja von Norwegen wurden am 29. Juni 1999 zwei Linden in der Hauptachse beidseitig der kleinen Brücke vor dem Hauptgebäude gepflanzt (Abb. 66).[29]
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