09. Wirtschaftsanlage
- 01. Einführung
- 02. Forschungsstand
- 03. Geschichte der Anlage vor dem 18. Jahrhundert
- 04. Überblick zur Gesamtanlage
- 05. Besitzverhältnisse im 18. Jahrhundert
- 06. Herrenhaus: Baugeschichte und Architektur
- 07. Innenräume im 18. Jahrhundert
- 08. Garten und Park im 18. Jahrhundert
- 09. Wirtschaftsanlage
- 10. Geschichte der Anlage nach dem 18. Jahrhundert
- 11. Quellen- und Literaturverzeichnis
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Elingaard war ein typischer agrar hovedgård – ein landwirtschaftlicher Hauptbetrieb, der weiträumigen Landbesitz und zahlreiche Unterhöfe unter sich vereinte. Im Jahr 1779 werden anlässlich der Versteigerung von Elingaard insgesamt 16 zugehörge Höfe genannt.[1] Die Gutslandschaft bildete ein heterogenes Konglomerat aus Weide- und Ackerflächen, Wiesen, Feldern und Waldgebieten. Die üblicherweise wenig konzentrierte Hofstruktur in Norwegen führte auch in Elingaard zu zahlreichen verstreuten Wirtschaftseinheiten, die durch ein Netz von Zufahrtswegen verbunden waren und eine gute Organisation über die Außenbetriebe erforderten.[2] Auf dem Haupthof wurden diverse Nutztiere gehalten; zudem gehörten zu Elingaard die beiden Zuchtbetriebe (avlsgård) Valle und Kobergengen. Bereits im Jahr 1684 sind insgesamt 38 Kühe bezeugt, was im Vergleich als relativ hohe Zahl gelten kann. Pferde besaß man üblicherweise nicht mehr als zehn.[3] In den 1770er Jahren bewegte sich der Viehbestand mit 12 Pferden, 30 Kühen, 20 Schafen, 8 Schweinen und 6 Ziegen in einer ähnlichen Größenordnung.[4] |
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Baulich trennten sich das Haupthaus und der funktionale Wirtschaftsbereich in zwei klar voneinander abgegrenzte Räume: Der Wohn- und Repräsentationsraum der Familie situierte sich um den borggård, der wirtschaftliche Nutzraum um den unmittelbar davor gelegenen ladugård. Eine solche strukturelle Trennung und klare räumliche Manifestation der Funktionen und Hierarchien war in den Gutsanlagen des 18. Jahrhundert gängige bauliche und soziale Praxis.[5] Während sich zur Zeit von Jens Bjelke in der ersten Hälfte des 17. Jahrhundert noch alle Gebäude innerhalb der Wallanlage befanden, wurden mehrere Nebengebäude später – vermutlich auch in Reaktion auf die Brände – in den nördlichen Bereich außerhalb der Wälle verlegt.[6] Im Protokoll von 1779 (Abb. 77) werden die Wirtschaftsgebäude einzeln benannt.[7] Innerhalb des Burgplateaus befanden sich demnach ein Holzschuppen („Stopleboden“), ein Gänse- und Schweinestall („Gaase og Sviine Huuset“), ein Kohlenhaus mit angefügtem Wagenschuppen („Kulhuuset med vedhæftet Vogn Skuul“) – vermutlich genutzt für Wagen im Kontext des Materialtransports –, ein Stallgebäude („Stalden“), eine Scheune und ein weiteres Speichergebäude („Loven og Lade Bygningen“), ein Viehhaus („Fæehuuset“) – das vermutlich Kühe aufnahm – sowie ein weiteres Schweinehaus („Sviine Huuset“), ein Hühnerhaus („Hønse Huuset“) und ein Kutschenschuppen („Vognskuret“). Eine Brücke, 2002 erneuert (Abb. 78), führte zu den Gebäuden außerhalb des Walls: Ein Schuppen für die Lagerung von Brennholz („Veddskiulet“) und eine Schmiede. Das Protokoll beschreibt einen schlechten Zustand und geringen Wert der einzelnen Gebäude, die mehrheitlich als renovierungsbedürftig, teils sogar nicht mehr nutzbar eingeschätzt werden. Zahlreiche Bauten waren von Fäulnis betroffen, teils verfallen und benötigten umfassende Ausbesserungen oder schienen sogar kaum mehr vor dem Abriss zu retten zu sein. Müssen diese Bestandsaufnahmen auch im Kontext der Entstehung des Dokuments gesehen werden[8], spiegeln sie doch die grundsätzlich geringe Lebensdauer von Wirtschaftsgebäuden einer Gutsanlage im 18. Jahrhundert: Die stark beanspruchten Gebäude waren noch mehrheitlich aus Holz errichtet und insbesondere jene, die der Tierhaltung dienten, mussten vielfach innerhalb einer Generation erneuert werden.[9] |
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Von hoher Bedeutung war auch in Elingaard der Zugang zu einem Bach, der einen Wasserweg bis zum Oslofjord eröffnete, der Bewässerung von Haus und Garten diente sowie den Betrieb einer nahe gelegenen Mühle und eines kleinen Sägewerks ermöglichte.[10] Die Ruinen von Mühle und Sägewerk, ebenso wie der alte Mühlenteich, sind heute noch in der Landschaft sichtbar (Abb. 79, 80) – im Jahr 1910 ist noch ein stehendes Gebäude bezeugt. Der Müller wohnte einst in einem Haus gegenüber. Im Zuge der Besichtigung 1775 wurden Mühle und Sägewerk als renovierungsbedürftig, aber funktionstüchtig beschrieben.[11] Anlässlich der Auktion zum Verkauf von Elingaard am 25. März 1778 wurde für das Sägewerk eine Leistung von 400 Brettern (bord) angegeben.[12] Seit 1768 gehörten zu Elingaard auch eine Ziegelei und eine Töpferei, die in Vallestrand am Ende des Elingaardskilen bis ins 19. Jahrhundert hinein in Betrieb waren. Ihre Produktion war vermutlich bescheiden und in erster Linie auf den Eigenbedarf ausgerichtet. Elingaard besaß außerdem ein Fischereirecht für Lachs und andere Seefische im Oslofjord.[13] An der Wende zum 19. Jahrhundert sowie anschließend unter Wilhelm Frederik Wedel-Jarlsberg wurden offenbar zahlreiche Wirtschaftsgebäude neu errichtet. Im Jahr 1805 und erneut 1846 sowie auf der Karte von 1855 ist der Zustand der Gutsanlage dokumentiert.[14] Die Karte (Abb. 17) zeigt innerhalb des Walls nur das heute noch stehende Kutschenhaus sowie ein kleines Gebäude im Nordosten, während sich große, langgestreckte Bauten außerhalb der Anlage situieren. Sie sind heute nicht mehr vorhanden. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wirkten sich die starken Veränderungen in der Landwirtschaft und Weiterentwicklung der Technik auch auf die Gebäude aus. Heute noch steht ein einstiges Lagerhaus mit Glockenturm auf dem Dach aus dem Jahr 1860 (Abb. 81, 82).[15] Die in Elingaard von GeoSphere Austria durchgeführte Bodenradarmessung (2022) brachte innerhalb der Wallanlage Spuren zutage, die als Grundrisse von früheren Wirtschaftsgebäuden interpretiert werden können (Abb. 61): Im vorderen, nordöstlichen Bereich fanden sich auf einer Fläche von etwa 6 x 8,5 m reflektierende Reihen, bei denen es sich vermutlich um Reste von Steinständern und damit der Unterkonstruktion eines einst hier stehenden Gebäudes handelt – denkbar ist, dass es sich dabei um das auf der Karte 1855 eingezeichnete Gebäude handelt. Ähnliche Steinstrukturen im Boden wurden östlich des Haupthauses entdeckt. Die Konstruktion ist hier in einem runden Kreis angeordnet. Form und Nähe zum Haupthaus lassen hier indes kein Wirtschaftsgebäude vermuten - mangels Quellenhinweisen muss die Funktion des hier einst vermutlich stehenden Gebäudes unklar bleiben.[16]
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