10. Geschichte der Anlage nach dem 18. Jahrhundert
- 01. Einführung
- 02. Forschungsstand
- 03. Geschichte der Anlage vor dem 18. Jahrhundert
- 04. Überblick zur Gesamtanlage
- 05. Besitzverhältnisse im 18. Jahrhundert
- 06. Herrenhaus: Baugeschichte und Architektur
- 07. Innenräume im 18. Jahrhundert
- 08. Garten und Park im 18. Jahrhundert
- 09. Wirtschaftsanlage
- 10. Geschichte der Anlage nach dem 18. Jahrhundert
- 11. Quellen- und Literaturverzeichnis
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Im Jahr 1805 wurde Elingaard (Abb. 67–69) von Christian Sorly übernommen, einem Militär, der in Dänemark bis 1801 als Major gedient hatte.[1] Sorly blieb bis 1824 Besitzer von Elingaard und nahm umfassende Renovierungen und Umbauten insbesondere am Hauptgebäude vor, das er dem zeitgenössischen Empire-Stil anpasste. Zu den wesentlichen Veränderungen zählten die Torbögen im Burghof, die den svalgang ersetzen, sowie ein klassizistischer Anbau an der Südfassade mit sechs Säulen, einem Dreiecksgiebel und einem Walmdach.[2] Auch die Innenräume wurden unter Sorly nachhaltig verändert: Die große, repräsentative Treppe in das erste Obergeschoss wurde durch den heute noch vorhandenen, geraden Treppenaufgang ersetzt. Die feste Ausstattung der Räume wurde erneuert und sollte auch für die Renovierungen in jüngster Zeit als Orientierung dienen. Unter anderem erhielt der sogenannte riddersalen Supraporten mit Allegorien der vier Jahreszeiten; Tapeten und Vertäfelungen wurden erneuert. Als gelernter Landwirt führte Sorly das Haus durch die wirtschaftlich schwierigen Zeiten des beginnenden 19. Jahrhundert, erneuerte unter anderem die Bewässerungssysteme und führte den Kartoffelanbau ein.[3] Im Jahr 1824 wurde Elingaard von Wilhelm Frederik Wedel-Jarlsberg (Abb. 74) erworben, der bis zu seinem Tod 1855 hier lebte. Wedel-Jarlsberg entstammte einer adeligen dänisch-norwegischen Familie und hatte eine militärische Laufbahn in der norwegischen Armee verfolgt. 1832 wurde er zum Major und 1839 zum ersten Hofstallmeister (første hoffstallmester) des Königs Karl Johan III. ernannt. Besonders väterlicherseits entstammte Wedel-Jarlsberg einer bedeutenden Familie, deren Stammsitz das repräsentative Herrenhaus Jarlsberg war.[4] Das Gut ging 1811 in den Besitz seines Bruders, den einflussreichen Politiker und Staatsmann Johan Caspar Herman Wedel-Jarlsberg über, der sein heutiges Erscheinungsbild wesentlich prägte. Dass Wilhelm Frederik Wedel-Jarlsberg ausgerechnet Elingaard erwarb, könnte auch mit entfernten familiären Verbindungen zusammenhängen: Seine Großmutter Sophie Rigborg Amalie Huitfeldt war die Tochter von Hartvig Huitfeldt, der seit 1741 im Besitz von Hafslund und ein Bruder von Henrik Jørgen Huitfeldt aus Elingaard war. Unter Wedel-Jarlsberg wurde das Hauptgebäude weitgehend unverändert erhalten, ebenso die Raumaufteilung der Innenräume. Lediglich die Ausstattung einzelner Räume wurde angepasst.[5] Elingaard blieb in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine beachtliche Gutsanlage mit insgesamt 23 zugehörigen Höfen, von denen die meisten kleine Anbauflächen hatten und in ihrer Größe überschaubar waren. Die Zeit war von großen wirtschaftlichen Umwälzungen geprägt: In Norwegen fand in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein grundlegender Wandel in der Landwirtschaft statt, der sich im Zuge der Personalunion mit Schweden ab 1814 verstärkte und die Einführung neuer Geräte und Methoden mit sich brachte. Bis zur Jahrhundertmitte vergrößerte sich die landwirtschaftliche Fläche um Elingaard, der Kartoffelanbau wurde eingeführt, die Zahl der Kühe stieg um 58 % und jene der Pferde um 44 % zwischen 1835 und 1855. Hinzu kamen die Einrichtung landwirtschaftlicher Schulen und ein merklicher Fortschritt in Technik und Wissen. Nach 1850 entwickelte sich das nahe gelegene Fredrikstad zu einer Industriestadt, die zahlreiche Arbeitskräfte anzog und die landwirtschaftliche Produktion weiter vorantrieb. In den 1850er Jahren kamen zahlreiche Schweizer røktere – also Stallknechte oder Tierpfleger – nach Norwegen, darunter 34 Männer allein im Jahr 1857 nach Østfold, von denen ein Herr Disch in Elingaard engagiert wurde. Diese Fachkräfte übten nachhaltigen Einfluss auf die Rinderhaltung aus. Die erste meieriskole (Milchschule) des Landes wurde 1866 in Elingaard gegründet, was die Milchproduktion weiter steigerte. Die Landwirtschaft befand sich in der ersten Jahrhunderthälfte im Aufschwung.[6] Nach dem Tod von Wedel-Jarlsberg im Jahr 1855 entschied sich seine Witwe Anna Dorothea Eliesen (1794–1878) – ursprünglich vom Gut Evje stammend – zum Verkauf von Elingaard. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wechselte das Gut mehrfach den Besitzer und wurde zunehmend zum Objekt wirtschaftlicher Spekulation. Es kam zu Parzellierungen, Neubebauungen und einer ertragreichen Neuerschließung der umgebenden Landschaft, die vormals nur wenig bebaut war und hauptsächlich als Weideflächen diente. Zu Elingaard gehörendes Land wurde in großem Maße verkauft und mit eigenen Höfen bebaut. Insbesondere im ausgehenden 19. Jahrhundert fanden weitreichende Veränderungen statt: In unmittelbarer Nähe zu Elingaard entstanden allein vier neue Gutshöfe – Norli, Hovland, Birkeland und Hovsletten –, deren Land zuvor zu Elingaard gehört hatte. Weitere Gutshöfe folgten. Das große Sumpfgebiet wurde gerodet und die Vegetation veränderte sich. Durch den Landverkauf konnte Elingaard der Technisierung und den damit einhergehenden Veränderungen der Landwirtschaft begegnen – der Eindruck des weite Teile der Landschaft dominierenden Herrenhauses verschwand indes zusehends.[7] |
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Der Unternehmer Arnt Holm erwarb Elingaard 1923 von dem damaligen Besitzer Jakob Valheim (Abb. 70). Holm entwickelte die Forstwirtschaft weiter und baute rund 6.000 Hektar Land zu einem Tierpark für Wildschweine, Dammhirsche, Hasen und Vögel aus (Abb. 71). Das Hauptgebäude wurde im selben Jahr unter Denkmalschutz gestellt.[8] Im Jahr 1948 wurde Elingaard von der im vorigen Jahr gegründeten Stiftung Libertas erworben. Libertas war eine politische Organisation, die bis 1988 existierte und als konservatives Gegengewicht zur sozialdemokratischen Politik gedacht war. Sie wandte sich gegen die Regulierungspolitik der Arbeiterpartei und übte in den 1950er und 1960er Jahren erheblichen Einfluss auf den konservativen Flügel des politischen Lebens in Norwegen aus. Die Organisation war dabei stets Gegenstand kontroverser Diskussionen.[9] In Elingaard baute Libertas ein Zentrum für Kurse und Konferenzen auf (Abb. 72, 73), wofür das Gut – zum Zeitpunkt des Erwerbs insgesamt sieben Gebäude und weitere Höfe sowie Tierherden und Landwirtschaftsgeräte umfassend – weitreichend umgebaut wurde. Bereits 1948 begann der Kursbetrieb für diverse Berufsgruppen mit dem hauptsächlichen Ziel, die Bedeutung der freien Marktwirtschaft zu stärken. Im Schnitt besuchten mehr als 2000 Personen im Jahr die Kurse.[10] Die neue Nutzung von Elingaard brachte eine Reihe an baulichen Eingriffen mit sich: Die Raumaufteilungen wurden verändert und nur in der östlichen Hälfte des Hauptgebäudes im Erdgeschoss in ihrem ursprünglichen Zustand beibehalten. Gästezimmer und Wohnungen wurden eingerichtet, eine moderne Heizungsanlage und Sanitäranlagen eingebaut. Die Seitenflügel wurden unterkellert. An der Südfassade des Hauptgebäudes wurde der Anbau des 19. Jahrhunderts entfernt und stattdessen eine neue Treppe in den Garten gebaut; auch der Haupteingang auf der Hofseite wurde erneuert.[11] Im Erdgeschoss wurden zahlreiche Bemalungen aus dem 19. Jahrhundert entfernt und der Maler Erling Georg Nortvedt mit einer dekorativen Neugestaltung der Räumlichkeiten beauftragt. Zahlreiche alte Elemente, wie beispielsweise Beschläge oder Türschlösser, wurden erhalten.[12] Auch im Außenraum wurden unter Libertas‘ Verantwortung umfassende Veränderungen initiiert: Die Wassergräben und der Garten wurden restauriert. Wirtschaftsgebäude wurden mit Blick auf eine moderne Nutzung umgestaltet, teils abgerissen und neu errichtet. Ein aus der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts stammendes Gebäude aus Nannestad wurde nach Elingaard versetzt.[13] Die umfassenden Eingriffe in Elingaard wurden in der Zeit vielfach kritisch bewertet, doch ermöglichten die hohen Investitionen den Erhalt der Anlage und bemühte man sich zumindest in Teilen, der Historie des Hauses gerecht zu werden.[14] Libertas entschied, den landwirtschaftlichen Betrieb – der eine wesentliche Einnahmequelle darstellte – aufrecht zu erhalten und stellte Lars Næverlid (1920–2003) als Verwalter ein. Zu Elingaard gehörten 1948 rund 300 Hektar Ackerland und 700 Hektar Wald.[15] Anfang der 1970er Jahren gab Libertas den Betrieb in Elingaard auf; im Jahr 1975 wurde das Gut von der Gemeinde übernommen.[16] Die Nutzung als Veranstaltungsort sowie der landwirtschaftliche Betrieb wurden beibehalten. Trotz zeitweiliger Vorhaben, das Anwesen zu verkaufen, blieb es letztlich im Gemeindebesitz und wurde in vielfältiger Weise genutzt, teilweise auch verpachtet. Bauliche Veränderungen und Instandsetzungen gab es in den folgenden Jahren nur in begrenztem Rahmen. Im Jahr 1994 wurde die Leitung von Elingaard dem Fredrikstad Museum übertragen. In den 1990er Jahren fanden einige Restaurierungsarbeiten, darunter auch der Wallanlagen, statt und wurde ein Bryggerhuset aus dem 19. Jahrhundert in Elingaard aufgebaut.[17] Elingaard ist heute Teil des Østfoldmuseene und im Rahmen von Ausstellungen und Veranstaltungen öffentlich zugänglich. Das noch immer etwa 300 Hektar umfassende, zu Elingaard gehörende Land wird verpachtet und landwirtschaftlich genutzt.[18]
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