05.02 Historische Zeichnungen aus dem Estnischen Nationalarchiv Tartu
- 01. Forschungsstand
- 02. Geschichte der Anlage vor dem 18. Jahrhundert
- 03. Wirtschaftlicher Kontext
- 04.00 Besitzverhältnisse 18. Jahrhundert
- 04.01 Bauherrin Ebba Margareta De la Gardie
- 04.02 Zur Finanzlage der Bauherrin
- 05.00 Herrenhaus: Baugeschichte und Architektur
- 05.01 Das Gut Großenhof in einem Inventar von 1755
- 05.02 Historische Zeichnungen aus dem Estnischen Nationalarchiv Tartu
- 05.03 Das Haus der Gräfin
- 05.04 Forschungsstand Architektur
- 06. Innenräume im 18. und 19. Jahrhundert
- 07. Garten und Park im 18. Jahrhundert
- 08. Geophysikalische Prospektion und digitale Dokumentation
- 09. Quellen- und Literaturverzeichnis
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Im Estnischen Nationalarchiv in Tartu lagert ein Konvolut Zeichnungen aus dem Nachlass der Familie Ungern-Sternberg, den Nachfolgern der Familie Stenbock auf Dagö. Ab 1796 war Otto Reinhold Ludwig von Ungern-Sternberg der Eigentümer von Großenhof. Seinen Nachfahr:innen und Erben:innen sollte das Haus bis ins 20. Jahrhundert gehören. Das Konvolut enthält Zeichnungen von den Fassaden des Corps de Logis‘, Grundrisse und Entwürfe für die Fassaden von Stallgebäuden, einen Entwurf für die Überformung der Gartenfassade aus dem 19. Jahrhundert, eine handschriftliche Raumliste für das Corps des Logis sowie die Seitenflügel, Grundrisse der beiden Seitenflügel sowie einen Entwurf für ein Segelschiff mit Maßangaben. Die Blätter sind nicht datiert, das Konvolut wurde von Archivaren ins 18. Jahrhundert eingeordnet.[1] Zunächst zu einem Blatt mit einer Folge von drei Zeichnungen. Es zeigt Aufrisse der Vorder- und Gartenfassade des Corps de Logis' sowie einen Gebäudequerschnitt durch das Haupthaus vom Dachstuhl bis ins Kellergewölbe (Abb. 6). Vergleicht man die Zeichnungen mit der heutigen Fassade (Abb. 1, 2 , 6), fällt auf, dass sich die Zeichnungen kaum von der noch existierenden Außenarchitektur unterscheiden. In den Zeichnungen sind außerdem die erst 1772 angefügten Seitenflügel angedeutet. Es kann sich demnach kaum um Entwürfe handeln.[2] Interessant ist auch, dass im Dachbereich des Querschnittes (Abb. 6, untere rechte Zeichnung) gelbe Punkte eingefügt worden sind, die aller Wahrscheinlichkeit nach wichtige statische Punkte des Mansarddaches markieren. Ein weiteres Element bilden ergänzende Einfügungen mit Bleistift. Sie wurden der professionellen, mit Tusche lavierten Federzeichnung recht ungelenk hinzugefügt. Man erkennt zum Beispiel Dekorationen an den Schornsteinen, ein angedeutetes zusätzliches Geschoss im Mittelrisaliten des Corps de Logis sowie ausladende Fensterverzierung auf der Zeichnung der Gartenfassade (Abb. 6 mittlere Zeichnung). Diese Ergänzungen ähneln den Verzierungen der Außenfassade, die auf einem weiteren Blatt aus dem Konvolut der Familie Ungern-Sternberg (Abb. 7). Bei diesem Blatt handelt es sich um einen professionellen Entwurf, der die prächtige Ausgestaltung und Überformung der Großenhof‘schen Gartenseite für das 19. Jahrhundert typische Stilmischungen zeigt. Damit ist belegt, dass die Familie Ungern-Sternberg im 19. Jahrhundert eine umfassende Überformung der Fassade des Haupthauses plante, allerdings nie umsetzten ließ. Ein historischer Fakt ist, dass Ewald von Ungern-Sternberg (1824-1899) im 19. Jahrhundert Veränderungen im und am Haus vornehmen ließ. Diese betrafen unter anderem die Installierung eines Speisesaals in der unteren Etage (Zusammenlegung zweier Räume im Südtrakt auf der Parkseite), die Anbringung eines neuen Treppenturmes auf der Südseite des Haupthauses, eine Umformung der Paradetreppe im Vestibül des Herrenhauses sowie eine umfangreiche Umgestaltung der vielfach vorhandenen, meist in Grautönen gefassten Dielenböden (Abb. 8) in Parkettböden. Letztes ging mit einer Anhebung des Bodens von beeindruckenden 20 cm im unteren Saal sowie in weiteren Räumen der ersten Etage einher.[3] Die erwähnte Zeichnungsfolge aus dem Nachlass der Familie Ungern-Sternberg könnte also die vorhandene Architektur bis zum Zeitpunkt der geplanten architektonischen Änderungen im 19. Jahrhundert festgehalten haben. Demzufolge müsste sie also die Außenarchitektur so abbilden, wie sie von der Bauherrin Ebba Margareta De la Gardie (1704-1775) mit ihren Baumeistern geplant hatte. Folgt man den Aussagen des Kunsthistorikers Heinz Pirang, entstand das Wohnhaus (Corps de Logis) zwischen 1755 und 1760. Erst 1772, so Pirang, komplettierten die Seitenflügel das Ensemble.[4] |
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