05.03 Das Haus der Gräfin

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Unbekannte Baumeister schufen von 1755 bis 1772[1] eine voluminöse und ausladende Anlage, die sich in die heutige umliegende Parklandschaft harmonisch einfügt. Das Corps de Logis ist zweistöckig und verfügte ursprünglich über Fenster im Mansarddach (Abb. 6). Diese gibt es heute nicht mehr, aber auch alte Fotografien bestätigen ihre ursprüngliche Existenz (Abb. 9).[2] Auf dem Dach erheben sich vier mächtige Mantelschornsteine, die die Symmetrie der Fassade eindrucksvoll unterstreichen.

Dreizehn Achsen gliedern das Corps de Logis. Die drei mittleren Achsen treten auf beiden Seiten des Hauses in einem aus der Fassade ragenden Risaliten hervor, der jeweils von einem Dreiecksgiebel bekrönt ist. In der Vorderansicht ragt der Risalit nur leicht aus der Fassade, auf der Parkseite ist er wegen der Säle im Inneren des Hauses ausladender. Wie auf der Zeichnungsfolge des Nationalarchivbestands, ist der Dreiecksgiebel auf der Gartenseite höher als jener der Vorderfront, um dem weit hervortretenden Risaliten proportional gerecht zu werden. Beide Dreiecksgiebel enthielten ursprünglich eine Uhr, die heute auf der Gartenseite noch recht gut zu erkennen ist (Abb. 1, 2, 6). Ein Glockentürmchen, das eine historischen Fotografie (Abb. 9)[3] zeigt, findet sich auf den Zeichnungen nicht. Er könnte demnach eine Zugabe des späteren 19. Jahrhunderts gewesen zu sein.

Die Mittelrisalite heben sich durch Quaderungen an den äußeren Rändern zusätzlich ab. Gleiche sind an den äußeren Kanten des Corps de Logis und den Seitenflügeln (auch Pavillons) zu finden. Ursprünglich hatte die heute weiß getünchte Fassade eine ganz andere Wirkung. Bautechnische Untersuchungen zum Haupthaus ergaben im Jahr 2000, dass die erste Farbschicht einen hellen Rosaton aufweist. Noch heute erkennt man im Putz der Vorderfassade Hinweise auf die ursprünglichen zierenden Fenstereinfassungen, wie sie auch auf der Zeichnungsfolge des Nationalarchivs zu finden sind (Abb. 6). Vermutlich waren diese, wie auch die Quaderungen, in einem helleren Farbton gehalten, damit sie sich effektvoll vom Rosaton abhoben.[4] Einen Eindruck, wie ein solcher Anstrich wirkt, kann man an vielen Häusern dieser Zeit, aber auch am Stenbock Palais auf der Insel Riddarholmen in Stockholm nachvollziehen (Abb. 10).

Zum Haupthaus gehörten weitere Schmuckelemente, die ebenfalls auf den Zeichnungsfolgen des Nationalarchivs angedeutet sind. Balustraden, ausladende Freitreppen und Terrassen waren zu beiden Seiten des Hauses angebracht. Heute sind die Balustraden verschwunden, aber die Freitreppen und Terrassen existieren noch in Teilen. An der Vorderseite des Hauses formte sich mit den Seitenflügeln eine Cour d’Honneur, die mit Gespannen befahren werden konnte. Die prächtige Eingangstür aus Eichenholz mit ihren kunstvollen floralen Applikationen ist zweifellos eine bemerkenswerte Besonderheit des Baus (Abb. 11 Tür). Es gibt bisher keine historischen Zeugnisse über die Entstehung der schmuckreichen Eingangstür. Vorstellbar ist, dass sie nach gängigen dekorativen Mustern von erfahrenen Inselschreinern direkt auf dem Gut gefertigt wurde.

Die Seitenflügel


Ob es sich bei den Zeichnungen der Grundrisse zu den Seitenflügeln aus dem Konvolut der Familie Ungern-Sternberg um erste Entwürfe handeln könnte, ist unklar (Abb. 12, 13). Wie eine dazu gehörende Liste mit Raumbezeichnungen zeigt (Abb. 14), wurden die Räume der über zwei Stockwerke gehenden, 1772 umgesetzten Flügelanbauten von Angestellten, wie Weber, Handwerker, Tischler, Domestiken und Buchhalter genutzt. Zusätzlich enthielten sie Wohnräume für Amtspersonen (Doktor und Inspektor). Einen zweiten Eingang auf der hofabgewandten Seite zeigt in den Entwürfen nur der nördliche Flügel.[5]

Inselressourcen für das Haus

Die hölzernen barocken Details im Herrenhaus Suuremõisa zeichnen sich durch ihre sorgfältige Ausführung aus. Bei den Arbeiten stand der Gräfin möglicherweise das fachkundige Wissen der inselansässigen Handwerker zur Verfügung. Holz war von jäher ein wichtiger Rohstoff, den es auf der Insel reichlich gab. Er wurde unter anderem für den Boots- und Schiffbau, aber auch für die Kalkproduktion gebraucht.[6]

Dagö bot alles, was benötigt wurde, um ein Haus der Größenordnung von Großenhof zu errichten. Bautechnische Untersuchungen ergaben, dass das Haus aus Kalkstein besteht, der unter anderem aus dem Abbaugebiet in Hilleste unweit des Gutes stammte.[7] Eine Ziegelei auf dem Gut Großenhof erwähnte der Landvermesser Samuel Dobermann in seinen Schriften Ende des 18. Jahrhunderts.[8] Es ist denkbar, dass die Gräfin eine Ziegelei für den Hausbau einrichten ließ. Ziegel und Holz konnte sie außerdem in ausreichender Menge auch aus weiteren Orten der Insel beziehen.[9]

Schlussendlich bleiben viele Fragen zur ursprünglichen Substanz und Ausstattung des Hauses aus der Zeit des Gräfin ungeklärt. Weitere Untersuchungen zu Konstruktion und Alter der verschiedenen Bestandteile, bspw. zu dem im Haus verbauten Holz, könnten neue Erkenntnisse liefern.

  1. Vgl. Pirang 1926, Bd 1, S. 52.
  2. Fotografie im Besitz d. Baltischen Ritterschaft e.V.
  3. Fotografie im Besitz d. Baltischen Ritterschaft e.V.
  4. Vgl. ERA.5025.2.5654, A-4626, S. 8 (9).
  5. Anmerkung: In der Raumliste sind Zimmer speziell für den Herrn und die Frau benannt. Leider ist zu den Nummerierungen der Räume kein Grundriss erhalten, wie es für die Seitenflügel der Fall ist. Im 19. Jahrhundert befanden sich die Räumlichkeiten der Frau auf der linken Seite (Nordtrakt) und die des Herrn auf der rechten Seite (Südtrakt) des Hauses.
  6. Vgl. Kaskor in: Põllo, Telvik, Mäeots (Hrsg.) 2015, S. 529-554.
  7. Vgl. ERA.5025.2.5654, S. 6 (7).
  8. Zitat Dobermann in: Särg 2022, S. 167.
  9. Dank an Dan Lukas für die Information.
Abb. 6 Zeichnungsfolge aus dem Bestand der Familie Ungern-Sternberg
Abb. 9 Historische Fotografie, 19. Jahrhundert
Abb. 1 Hiiu-Suuremõisa, Vorderseite, 2023
Abb. 2 Hiiu-Suuremõisa, Rückseite, 2023
Abb. 10 Stenbockpalais Stockholm, 2023
Abb. 11 Reich verzierte Eichentür