05.04 Forschungsstand Architektur
- 01. Forschungsstand
- 02. Geschichte der Anlage vor dem 18. Jahrhundert
- 03. Wirtschaftlicher Kontext
- 04.00 Besitzverhältnisse 18. Jahrhundert
- 04.01 Bauherrin Ebba Margareta De la Gardie
- 04.02 Zur Finanzlage der Bauherrin
- 05.00 Herrenhaus: Baugeschichte und Architektur
- 05.01 Das Gut Großenhof in einem Inventar von 1755
- 05.02 Historische Zeichnungen aus dem Estnischen Nationalarchiv Tartu
- 05.03 Das Haus der Gräfin
- 05.04 Forschungsstand Architektur
- 06. Innenräume im 18. und 19. Jahrhundert
- 07. Garten und Park im 18. Jahrhundert
- 08. Geophysikalische Prospektion und digitale Dokumentation
- 09. Quellen- und Literaturverzeichnis
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Es gibt verschiedene Theorien über mögliche Vorbilder für Großenhof | Suuremõisa. Die estnischen Historiker Ants Hein und Ivar Sakk erkennen einen klar schwedischen Einfluss auf die Architektur von Großenhof.[1] Dazu zählt die ausladende Dreiflügelanlage in klassischer Form. In Schweden hatten sich die berühmten und politisch einflussreichen Verwandten der Bauherrin von Großenhof im 17. und 18. Jahrhundert palastähnliche, vornehmlich von der italienischen und französischen Architektur beeinflusste Herrenhäuser bauen lassen. Ebba Margareta verbrachte eine lange Zeit in Schweden und kannte sehr wahrscheinlich die meisten Häuser ihrer Vorfahren sowie die ihrerzeit aktuellen Bauaktivitäten der Verwandten. Ants Hein führte als ein Vorbild das Prestigeobjekt Schloss Tullgarn an (Abb. 15), das der Onkel Ebba Margaretas, Riksråd Magnus Julius De la Gardie, ab 1720 von dem Architekten und Fortifikationsoffizier Joseph Gabriel Destain (gest. 1740) zu einer barocken Anlage umbauen ließ.[2] Ivar Sakk hingegen verwies auf das Schloss Ulriksdal (Abb. 16)[3], welches sich zunächst als Jacobsdal im Besitz von Ebba Margaretas berühmten Urgroßvater Jakob De la Gardie befunden hatte. Im Jahr 1669 wurde es an die schwedische Königin Hedvig Eleonora für 85000 rdr. [Riksdaler] verkauft[4] und blieb wie Tullgarn bis heute in königlichem Besitz. Der imposante Renaissancebau erfuhr ab 1727 von den schwedischen Architekten Göran Josuæ Adelcrantz und Carl Hårleman eine Überformung zum Barockpalast.[5] Alle drei Architekten – Destain, Hårleman und Adelcrantz – waren für die Bauprojekte des schwedischen Adels im 18. Jahrhundert bedeutsam.[6] Eine vergleichende Analyse des Herrenhauses Großenhof mit dem Schloss Tullgarn kann nicht durchgeführt werden, da sich keine Entwürfe von Destain erhielten und der Bau im Laufe der Jahrhunderte überformt wurde.[7] Heins Verweis auf noch erhaltene Entwürfe aus der Feder Destains bieten dennoch interessante formale Ähnlichkeiten.[8] Der Kunsthistoriker Juhan Maiste erkennt in den zahlreich erschienenen Architekturmusterbüchern und Traktaten des 18. Jahrhunderts mögliche Anregungen für das Wohngebäude von Großenhof.[9] Er verweist dabei unter anderem auf den schwedischen Architekten Carl Wijnblad, der ab 1755 umfangreich zum Thema repräsentativer Wohnhäuser publizierte. Der Kunsthistoriker sieht in den voluminösen barocken Formen des Hauses gleichzeitig einen dezidiert baltischen Einfluss und erweitert zudem den Radius vergleichender Betrachtungen nach Polen und in den nordostdeutschen Raum.[10] Besagte Architekturmusterbücher geben neben den Zeichnungen von verschiedenen Baukomponenten eines Hauses, auch Informationen zu den benötigten Materialmengen sowie Überblicke zu den anfallenden Kosten und vermittelten damit einen sehr praktischen Ansatz für das Bauen. Da sicher ist, dass kein namhafter Architekt mit ausgefeilten Konstruktionszeichnungen das Bauprojekt Großenhof betreute, ist der Einsatz von Musterbüchern bei der Planung vorstellbar. Die estnische Kunsthistorikerin Elis Pärn fand Teile der ehemaligen Bibliothek Großenhofs in der Universitätsbibliothek in Tallinn. In der Großenhof‘schen Bibliothek gab es unter anderem ein 1766 erschienenes Musterbuch von Johann Gotthilf Angermann mit dem Titel Allgemeine practische Civil-Bau-Kunst / welche zum Vortheil aller Haus- Wirthe und Bau-Verständigen abgefasset worden.[11] Ebba Margareta könnte also Bücher dieser Art besessen haben. Passend liefern frühere Forschungen des Historiker Ants Hein einen aus Bayern stammenden Bauleiter Peter Opel (Maurer Obell). Opel war, so Hein, 1760 auf dem Gut tätig. Zuvor hatte er unter anderem in St. Petersburg gearbeitet. Der Baumeister übernahm 1764 auch Arbeiten an der Kirche in Keinis |Käina und war danach für verschiedene Bauprojekte in Tartu (ehemals Dorpat) tätig.[12] Ebba Margareta ließ mit Großenhof einen Bau errichten, der nach Schweden und die dortigen Häuser bzw. Bauprojekte ihrer Verwandten der Familien De la Gardie und Stenbock, zu verweisen scheint. In der baulichen Ausführung könnten Musterbücher des 18. Jahrhunderts als Vorlagen gedient haben. Die Gräfin engagierte Baumeister, die Berufserfahrungen unter anderem im deutschen und russischen Raum gesammelt hatten. Darüber hinaus setzte sie das fachmännische Wissen der Inselhandwerker sowie die Arbeitskraft der Bauern[13] von Hiiumaa ein. Der Pragmatismus der Bauherrin zeichnet sich deutlich ab. Für die Errichtung ihres Hauses verstand sie es, die zur Verfügung stehenden Mittel auszuschöpfen, um ein Herrenhaus vom Format Großenhofs zu schaffen. Trotz mancher finanziellen Herausforderung trieb sie das repräsentative Bauprojekt weiter, bis es spätestens 1772 seinen heute noch erhaltenen Umfang gänzlich entfaltete. Nach jetzigem Wissensstand begann die Gräfin das Unterfangen mit knapp 50 Jahren und beendete es drei Jahre vor ihrem Tod (10.9.1775) mit circa 67 Jahren.
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