05. Wirtschaftlicher Kontext
- 01. Einführung
- 02. Forschungsstand
- 03. Geschichte der Anlage vor dem 18. Jahrhundert
- 04. Überblick zur Gesamtanlage
- 05. Wirtschaftlicher Kontext
- 06.00 Besitzverhältnisse im 18. Jahrhundert
- 06.01 Familie Nielsen, geadelt Werenskiold
- 06.02 Familie Elieson
- 06.03 Maren Juel und ihre drei Ehemänner
- 07.00 Herrenhaus: Baugeschichte und Architektur
- 07.01 Vorgängerbau
- 07.02 Neubau des Herrenhauses 1758–1762
- 07.03 Beschreibung Herrenhaus
- 07.04 Architektur
- 08.00 Innenräume im 18. Jahrhundert
- 08.01 Erdgeschoss
- 08.02 Obergeschoss
- 08.03 Sockelgeschoss und Sammlungen
- 09.00 Garten und Park
- 09.01 Garten
- 09.02 Park
- 10. Wirtschaftsgebäude
- 11. Kirche und Dorfstrukturen
- 12. Geschichte der Anlage nach dem 18. Jahrhundert
- 13. Geophysikalische Prospektion und digitale Dokumentation
- 14. Quellen- und Literaturverzeichnis
Überblick |
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Die wesentliche wirtschaftliche Grundlage der Gutsanlage bildeten die Forstwirtschaft und die Wasserrechte am Fluß Glomma[1] mit dem angrenzenden Wasserfall Sarpsfossen,[2] dessen Wasserkraft den Betrieb zahlreicher Sägemühlen (Abb. 42) und eine frühindustrielle Holzverarbeitung in großem Umfang ermöglichte.[3] |
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AnfängeBereits Anfang des 14. Jahrhunderts wurden am Sarpsfossen erste Mühlen zur Nutzung der Wasserkraft errichtet, eine Technik, die seit der Wikingerzeit bekannt war und mit der man zunächst Getreide verarbeitete.[4] Ungefähr ein Jahrhundert später wurden mit Wasserkraft betriebene mechanische Sägen erfunden, was die norwegischen Wälder in eine Quelle des Reichtums verwandelte und Norwegen in den internationalen Holzhandel einband, aber es auch von diesem abhängig machte.[5] Die aufstrebende Frühindustrie und der Holzhandel konzentrierten sich wegen der Holzflössungen auf die Mündungen großer Flüsse, wo im 16. und 17. Jahrhundert neue Handelsstädte – in Østfold[6] beispielsweise Fredrikstad[7] und Fredrikshald[8] (heute Halden[9]) – als Umschlagplätze entstanden (Abb. 43).[10] Sägewerke, Holzhandel und -export kamen im Laufe des 17. Jahrhunderts schnell in den Besitz der neuen Klasse der städtischen Patrizier.[11] 16. und 17. JahrhundertZu beiden Seiten des Wasserfalls Sarpsfossen entstanden auf den Besitzungen in Borregård und Hafslund vermutlich Ende des 16. Jahrhunderts erste Sägewerke, die sich zu den größten des Landes entwickeln sollten.[12] Mit dem aufkommenden Merkantilismus im 17. Jahrhundert wuchs der norwegische Holzexport besonders im letzten Drittel des Jahrhunderts stark an und stellte damit die Haupteinnahmequelle von Hafslund dar.[13] Das königliche Sägewerkreglement von 1688 legte fest, dass etwa in Hafslund siebzehn Sägen betrieben werden durften, die jährlich ursprünglich etwa 200.000 Bretter schneiden konnten.[14] Um die Jahrhundertwende waren die Einnahmen aus der Landwirtschaft des Gutsbetriebs gesunken und viele Bauern verdingten sich in einer frühindustriellen Produktion als Sägewerksarbeiter in Hafslund.[15] Das Grundvermögen des Besitzers von Hafslund Werner Nielsens[16] (1625–1695) (Abb. 21) (vgl. 06.01 Familie Nielsen, geadelt Werenskiold) als einer der reichsten Männer Norwegens wurde bei seinem Tod auf 37.000 Reichstaler geschätzt, wovon Hafslund mit den Sägewerken und dem abhängigen Gut Skjeberg[17] rund 20.000 Reichstaler wert waren.[18] 18. JahrhundertDer Erdrutsch von 1702, der das Herrenhaus von Borregård sowie die dortigen Sägewerke in die Tiefe riss und auch einige Sägemühlen in Hafslund zerstörte, verursachte schwere finanzielle Schäden.[19] Nachdem Hafslund während der Invasion Königs Karl XII.[20] (1682–1718, 1697 König) von Schweden 1716–1718 zeitweilig als Hauptquartier gedient hatte, verwüsteten schwedische Truppen vor ihrem Rückzug das Anwesen.[21] Trotz teilweise kompensierter Verluste entzweiten sich während der nächsten Jahrzehnte die Erben Werner Nielsens Niels Wernersen,[22] geadelt Werenskiold,[23] (1669–1741) und sein Bruder Jens Wernersen (1675–1744) auf den Zwillingsgütern Hafslund und Borregård[24] als Konkurrenten im Holzhandel (vgl. 06.01 Familie Nielsen, geadelt Werenskiold).[25] Aus einer Quelle der Zeit kann man nach dem Tod von Niels Werenskiold für 1741 abzulesen, das – laut Schulerud – auf dem Hauptgut jährlich etwa 16 Tonnen Mischgetreide, 80 Tonnen Hafer und zusätzlich etwas Roggen und Erbsen angebaut wurden.[26] Das vierte Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts war eine wirtschaftlich schwierige Zeit mit Konflikten zwischen Sägewerksbesitzern und Waldbauern in der Übergangszeit zwischen Naturalien- und Bargeldwirtschaft in Norwegen, als die nächste Generation, Karen Werenskiold[27] (1700–1778) (Abb. 44) und ihr Mann General Hartvig Huitfeldt[28] (1677–1748) (Abb. 45), Hafslund im Jahr 1741 übernahmen (vgl. 06.01 Familie Nielsen, geadelt Werenskiold).[29] Die Waldbauern forderten mit Nachdruck statt in Naturalien mit Bargeld bezahlt zu werden. Doch die Holzhändler konnten in Ermangelung einer norwegischen Kreditanstalt nur schwerlich in Vorleistungen gehen, da der Absatz und Preis des Holzes im Ausland nicht gesichert war.[30] Daher stagnierten die Gewinne in Norwegen im Allgemein und so auch in Hafslund.[31] Die großen Patrizierfamilien aus Christiania[32] (heute Oslo) – wie etwa die Eliesons, Leuchs, Colletts und Anchers (später Ankers) – waren durch den Holzhandel reich geworden.[33] Als eines der größten Anwesen in Norwegen war Haflund mit seinem großen Waldbesitz und zahlreichen Sägemühlen ein interessantes Investitionsobjekt. Zusätzlich waren durch die Lage am Wasserfall Sarpsfossen[34] und am Fredrikshaldske kongevei[35] (Friedrichshalder Königsweg) Richtung Hauptstadt Christiania prestigeträchtige Besuche der dänisch-norwegischen Könige so gut wie garantiert. Daher verwundert es nur wenig, dass Peter Elieson[36] (1729–1773) (Abb. 46) bereit war, das Anwesen im Jahr 1754 für den ungewöhnlich hohen Preis von 120.000 Reichstalern zu erwerben. Die Vorbesitzerin Karen Werenskiold[37] (1700–1778) (Abb. 44) und ihr Sohn Matthias Wilhelm Huitfeldt[38] (1725–1803) (Abb. 47) verkauften Hafslund, weil sie an den Hof nach Kopenhagen gerufen worden waren (vgl. 06.02 Familie Elieson).[39] Die Krise der 1740er Jahre war überwunden und im „Goldenen Zeitalter des Holzhandels“ war Hafslund und der Holzhandel der Region in den Händen von Patriziern aus Christiania[40] (heute Oslo).[41] Während des Siebenjährigen Kriegs (1756–1763) in Mitteleuropa verstärkte sich der norwegische Holzhandel – besonders mit England.[42] Der norwegische amtmann[43] (Landrat) und Topograf Magnus Theiste[44] (1725–1791) bereiste in den Jahren 1761–1763 Norwegen und Østfold und berichtete über den florierenden Holzhandel Hafslunds.[45] Die Erträge aus diesem Holzhandel investierte der Geschäftsmann und Besitzer Hafslunds Peter Elieson[46] in andere Bereiche der aufstrebenden norwegischen Wirtschaft: laut den Anzeigen zur Versteigerung seines Besitzes nach seinem frühen Tod 1773 besaß Elieson eine Tabakfabrik und eine Spinnerei.[47] Weiterhin war er Miteigentümer der Fayencefabrik Herrebøe[48] und der Zuckerraffinerie in Fredrikshald[49] (heute Halden[50]).[51] Die Fabriken und Hafslund gingen bei der Nachlassversteigerung an den Kaufmann Peter Holter[52] (1723–1786) (Abb. 48) aus Christiania[53] (heute Oslo) (vgl. 06.03 Maren Juel und ihre drei Ehemänner) (Abb. 10). Der norwegische Holzhandel war zu der Zeit des Amerikanischen Unabhängigkeitskriegs (1775–1783) erneut im Aufschwung begriffen.[54] Schon 1779 berichtete der deutsche Forscher Johann Christian Fabricius (1745–1808) in seinem norwegischen Reisebericht über die Schattenseiten der verbreiteten Sägewerksindustrie und die resultierenden Umweltverschmutzungen.[55] Im Werk beschreibt er ebenso die Bemühungen die Landwirtschaft und insbesondere die Viehaltung in Norwegen (und vermutlich auch in Haflund als großem Gutsbetrieb) nach englischem Vorbild zu reformieren.[56] Aus den turbulenten Zeiten vom Ende des 18. Jahrhunderts mit Französischer Revolution, Unabhängigkeitskriegen in Mitteleuropa und eigenen Unabhängigkeitsbestrebungen Norwegens von Dänemark haben sich Daten über Hafslunds Gutswirtschaft aus der Zeit Marcus Gjøe Rosenkrantz[57] (1762–1838) (Abb. 49) erhalten (vgl. 06.03 Maren Juel und ihre drei Ehemänner):[58] Laut Schulerud arbeiteten auf dem Anwesen in Hafslund insgesamt rund 1.000 Personen, wobei das Herrenhaus eine etwa 20-köpfige Dienerschaft hatte.[59] Der Rest war auf dem Gut oder im Sägewerksbetrieb beschäftigt, die beide bei Bedarf mit Saisonarbeitern verstärkt wurden.[60] Die Qualität des Agrarlands auf dem Gut war nicht die beste, da es aus lehmigen Böden und sumpfigen Wiesen bestand, deren Qualität Rosenkrantz jedoch langsam verbessern konnte.[61] Durch die französischen Unabhängigkeitskriege ging der Holzhandel mit Niederlanden und Frankreich um die Jahrhundertwende weiter zurück, während England noch stärker an Bedeutung für den norwegischen Holzhandel gewann.[62] Doch mit den Napoleonischen Kriegen und der Kontinentalsperre kam der internationale Exporthandel zum Erliegen und das goldene Zeitalter der Holzhändler war aufgrund der internationalen Handelskrise endgültig vorbei.[63] Banken und Handelshäuser gingen Bankrott und auch Marcus Gjøe Rosenkrantz[64] (1762–1838) (Abb. 49) war 1824 gezwungen, das Anwesen in Hafslund endgültig zu verkaufen (vgl. 06.03 Maren Juel und ihre drei Ehemänner).[65] Zu Hafslund gehörten schon vor dem 18. Jahrhundert zahlreiche andere Besitzungen, sodass es sehr schwer ist, die Gutsfläche des Betriebs in Hafslund zu benennen, da die Größe sich über die Jahrzehnte und Jahrhundert durch An- oder Verkäufe und Erbschaftsregelungen immer wieder veränderte. Gabrielsen bezifferte die Größe des Besitzes in Hafslund im Jahr 1959 mit etwa 6.000 Hektar.[66]
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