06.02 Familie Elieson
- 01. Einführung
- 02. Forschungsstand
- 03. Geschichte der Anlage vor dem 18. Jahrhundert
- 04. Überblick zur Gesamtanlage
- 05. Wirtschaftlicher Kontext
- 06.00 Besitzverhältnisse im 18. Jahrhundert
- 06.01 Familie Nielsen, geadelt Werenskiold
- 06.02 Familie Elieson
- 06.03 Maren Juel und ihre drei Ehemänner
- 07.00 Herrenhaus: Baugeschichte und Architektur
- 07.01 Vorgängerbau
- 07.02 Neubau des Herrenhauses 1758–1762
- 07.03 Beschreibung Herrenhaus
- 07.04 Architektur
- 08.00 Innenräume im 18. Jahrhundert
- 08.01 Erdgeschoss
- 08.02 Obergeschoss
- 08.03 Sockelgeschoss und Sammlungen
- 09.00 Garten und Park
- 09.01 Garten
- 09.02 Park
- 10. Wirtschaftsgebäude
- 11. Kirche und Dorfstrukturen
- 12. Geschichte der Anlage nach dem 18. Jahrhundert
- 13. Geophysikalische Prospektion und digitale Dokumentation
- 14. Quellen- und Literaturverzeichnis
Familie besaß Hafslund 1756–1773, Neubau Herrenhaus 1758–1762 |
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Peter Elieson (1729–1773) und Anna Collett (1731–1772) |
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Aufgrund ihrer Berufungen an den dänischen Königshof in Kopenhagen überlegten sich Sohn Matthias Wilhelm Huitfeldt[1] (1725–1803) und seine Mutter Karen Huitfeldt, geb. Werenskiold,[2] (1700–1778) 1754 den Verkauf von Hafslund. Nach dem tragischen Tod seiner ersten Frau verband Huitfeldt vermutlich kaum gute Erinnerungen mit dem Herrenhaus und außerdem war der angebotene Kaufpreis von 120.000 Reichstalern außergewöhnlich hoch.[3] Durch das große Erbe des Vaters, des Großkaufmanns Iver Elieson[4] (1683–1753) (Abb. 73) aus Christiania[5] (heute Oslo), konnte sich sein Sohn Kanzleirat Morten Leuch Elieson[6] (1724–1763) (Abb. 74) den Aufsehen erregenden teuren Kauf von Hafslund überhaupt erst leisten.[7] Sein Bruder Justizrat Peter Elieson[8] (1729–1773) (Abb. 46) scheint seit Beginn an den Kaufverhandlungen im Frühjahr 1754 beteiligt und selber am Kauf interessiert gewesen zu sein,[9] denn zwei Jahre später besaß er statt seines Bruders Hafslund alleine.[10] Beide Brüder Elieson[11] waren verwandschaftlich eng mit den reichen Familien in Christiania[12] (heute Oslo) – den Leuchs,[13] Colletts[14] (Abb. 75) und Anchers, die in der nächsten Generation Anker[15] (Abb. 76) hießen, – verbunden.[16] Das Vermögen der Patrizierfamilien stammte vor allem aus dem Holzhandel und Hafslund mit seinen Sägewerken und dem zugehörigen Waldbesitz stellte daher eine lohnende Investition dar.[17] Peter Elieson[18] heiratete im April 1754[19] in Kopenhagen[20] und war vielleicht auch deshalb daran interessiert Hafslund als Wohnsitz für seine künftige Familie zu besitzen: Seine Braut war Anna Collett[21] (1731–1772) (Abb. 51), Tochter von Großkaufmann Peter Collett[22] (1694–1740) (Abb. 77) und Anna Cathrine Rosenberg (1699–1747) (Abb. 78),[23] und damit nicht nur eine reiche Erbin sondern auch seine Cousine zweiten Grades.[24] Die Erlöse des international agierenden erfolgreichen Handelshauses Collett & Leuch, das Annas Vater Peter Collett mit seinem Cousin Peder Leuch[25] (1692–1746) gegründet hatte, ermöglichte der Familie Collett[26] mit ihren neun Kindern einen dem europäischen Adel vergleichbaren, luxuriösen Lebensstil.[27] Wie ihr Ehemann Peter Elieson hatte Anna Collett Zeit im Ausland verbracht und war gereist.[28] Sie hatte damit eine überdurchschnittliche Bildung erworben und war an Literatur, Theater sowie den Künsten und Wissenschaften interessiert, die auf einer Portraitminiatur als ihre Attribute gezeigt werden (Abb. 79).[29] Die Brautleute Peter Elieson[30] und Anna Collett[31] (1731–1772) zogen 1755 in Hafslund ein, wo auch ihr erstes von fünf Kinder,[32] Iver Elieson (1755–1775), geboren wurde.[33] Leider war ihr Sohn nicht gesund und litt an Epilepsie.[34] Nach Aufzeichnungen seiner Schwester Karen erblindete der Junge außerdem im Alter von sechs Jahren,[35] vermutlich eine seltene Folge der gerade eingeführten Pockenimpfung.[36] Die weiteren Kinder – drei Töchter, Karen (1760–1823), Anne Cathrine (1762–1842), Martine Christine Sophie (1764–1826), und der jüngste Sohn Peter (1770–1833) kamen gesund zur Welt (Abb. 9).[37] Später machten alle Kinder mit Ausnahme Iver Eliesons, der mit ledig 20 Jahren 1775 starb, standesgemäße Partien im Umfeld der Patrizierfamilien Christianias[38] (heute Oslo).[39] Familie Elieson[40] suchten noch weitere Schicksalsschläge heim: Im Jahr 1758 brannte das Haupthaus in Hafslund ab und das Ehepaar wohnte nach dem Brand einige Zeit in Fredrikshald[41] (heute Halden[42]) (Abb. 43),[43] bis das neue Herrenhaus 1762 fertig gestellt war (vgl. 07.02 Neubau des Herrenhauses 1758–1762).[44] In Zeiten ohne Brandversicherung konnte eine solche Katastrophe zum Ruin einer ganzen Familie führen, doch der erfolgreiche und vermögende Kaufmann Elieson verfügte über genügend Finanzmittel für einen Wiederaufbau. So hatte er sich zuvor schnell und erfolgreich im Geschäftsleben in Fredrikshald etabliert.[45] Es ist wohl nur eine Legende, dass Anna Elieson, geb. Collett[46] (1731–1772) sich, als Hafslund abbrannte, eine Flasche Champagner oder Wein bringen ließ und vom Aussichtshügel aus der Ferne das Feuer betrachtend auf ein neues und besseres Hafslund angestoßen hat.[47] Allerdings ist es zutreffend, dass sich das Anwesen in Hafslund wie ganz Norwegen Mitte des 18. Jahrhunderts auf dem Weg in eine neue Ära befanden, denn es bildete sich eine neue Gesellschaftsstruktur – eine norwegische bürgerliche Schicht – mit reichen, teils geadelten Kaufleuten als finanzielle und intellektuelle Elite des Landes heraus.[48] Diese Klasse bereitete den Weg für die Unabhängigkeit von Dänemark 1814 und damit indirekt auch die spätere Gründung des Nationalstaats 1905 vor.[49] Insbesondere der Holzhandel mit England brachte im 18. Jahrhundert in Norwegen große Gewinne ein und Hafslund im Besitz von Peter Elieson[50] gehörte zu den größten Unternehmen in der Holzbranche.[51] Er alleine betrieb ab 1758 siebzehn Sägemühlen am Sarpsfossen[52].[53] Der Austausch vor allem mit England brachte auch den ‚Kulturimport‘ von Luxusgütern des Adels wie Tee, Kaffee, Kakao oder Zucker sowie Tabak nach Norwegen, die sich bei reichen Patriziern in Christiania[54] (heute Oslo) und in der Folge auch bei Anna Elieson, geb. Collett[55] (1731–1772) schnell zu alltäglichen Konsumgütern entwickelten.[56] Ebenso wurde sowohl die u.a. vom Earl of Shaftesbury[57] (1671–1713) (Abb. 80) propagierte aufgeklärte Weltsicht als auch die Lebensweise des englischen Adels – im Sommer auf den Landgütern, im Winter in der Stadt – zum Vorbild der nur teilweise geadelten reichen norwegischen Kaufmannsfamilien.[58] Nach dem Vorbild von England schritt in Norwegen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die industrielle Entwicklung ebenfalls voran und neue Unternehmen wurden gegründet.[59] Eine Garantie für den Erfolg dieser neuen Firmen gab es nicht und viel hing in der merkantilistischen Wirtschaft von königlichen Privilegien oder einem Marktmonopol ab.[60] Außerdem mussten Know-how und Fachleute oft aus dem Ausland gewonnen werden.[61] Daher schlossen sich häufig mehrere Kaufleute zur Verteilung des Risikos zusammen oder erwarben Beteiligungen an neuen oder bestehenden Unternehmen.[62] So investierte der Geschäftsmann Peter Elieson,[63] der durch Hafslund im Holzhandel aktiv war, auch noch in anderen Bereichen: laut den Anzeigen zur Versteigerung seines Besitzes nach seinem Tod 1773 besaß Elieson eine Tabakfabrik und eine Spinnerei sowie sechs Gutshöfe in Fredrikshald[64] (heute Halden[65]) (Abb. 43), viele Gutshöfe in Fredrikstad[66] und Anteile an weiteren Höfen im Umland. Weiterhin war er Miteigentümer der Fayencefabrik Herrebøe[67] und der Zuckerraffinerie in Fredrikshald (heute Halden), die zu der Zeit eine von lediglich dreien im Land war.[68] Zu guter Letzt nannte er noch vier eigene Schiffe und Beteiligungen an weiteren Schiffen sein Eigen.[69] Die Fayencefabrik Herrebøe,[70] an der Peter Elieson[71] Anteile besaß, ist ein gutes Beispiel für die Chancen und Risiken norwegischer Kaufleute Mitte des 18. Jahrhunderts. Die dänischen Könige waren an der industriellen Entwicklung des wirtschaftlich von Dänemark abhängigen Norwegens interessiert. Die Krone förderte durch eine merkantilistische Wirtschaftspolitik mit hohen staatlichen Krediten und teils auch Produkt- oder Verkaufsmonopolen Unternehmer wie den Bergwerks- und Fabrikbesitzer Peter Hoffnagel[72] (1721–1781), der die Fayencefabrik als Erweiterung einer Ziegelei, Töpferei und Ofenfabrik auf seinem Besitz Herrebøe in Idd bei Halden gründete.[73] Nach dem Stadtbrand von Halden war Hoffnagel 1759 gezwungen sich aus dem Unternehmen zurückzuziehen, um den Bankrott der Fabrik zu verhindern. Auf Initiative Peter Elieson übernahm ein Konsortium reicher Kaufleute die Manufaktur: So wurde der reichste Mann Norwegens Christian Ancher[74] (1711–1765) (Abb. 81) Haupteigentümer, aber auch Elieson und der verschwägerte Kaufmann Peter Collett[75] (1740–1786) waren unter den vierzehn Anteilseignern der Manufaktur.[76] In den 1760er Jahren produzierte die Firma erfolgreich handbemalte glasierte Keramik (Fayence) mit einer erstaunlichen Anzahl von Modellen wie etwa Kaffee-, Schokolade- oder Teekannen (Abb. 82), Tellern (Abb. 83, 86), Terrinen (Abb. 84) und Tafelaufsätzen (Abb. 85). An der Herstellung waren namhafte Künstler wie Henrich Lorentzen Bech[77] (1718–1776) oder Heinrich Christian Friedrich Hosenfelder[78] (1720–1805) beteiligt, die für die Manufaktur einen charakteristischen Rocaille-Stil in Form und Bemalung entwickelten. Herrebøe Fayence[79] wurde von den Patrizierfamilien einige Zeit als Statussymbol gesammelt, doch ein wirtschaftlicher Erfolg des Unternehmens stellte sich nicht ein.[80] Als der Geschmack sich im Laufe des Jahrzehnts klassisch-antiken Formen zuwandte, waren die Rokoko-Entwürfe von Herrebøe vor allem gegenüber billigerem britischen Steingut aber auch teurerem modischen Porzellan – u.a. Biskuitporzellan von Wedgwood[81] – nicht mehr konkurrenzfähig und die Manufaktur stellte nach weniger mehr als einem Jahrzehnt 1771 den Betrieb ein.[82] Auch Peter Elieson[83] und seine Frau Anna Elieson, geb. Collett[84] (1731–1772) besaßen ein blau-weißes Service mit dem Allianzwappen der Familie (Abb. 86), das einen für Norwegen hohen, dem Adel entsprechenden Lebensstandard belegt. Herrenhäuser waren allgemein ein wichtiger gesellschaftlicher Treffpunkt, aber die Jagden – bis vor kurzem ein Privileg des Adels –, prunkvollen Feste – nicht nur für königliche Besuche[85] – oder oppulente Weihnachtsfeiern der Eliesons im neu erbauten Hafslund mit der charmanten, gebildeten Gastgeberin Anna Elieson, geb. Collett[86] (1731–1772) gehörten zu den Höhepunkten des gesellschaftlichen Lebens der reichen Kaufmannsfamilien aus Christiania[87] (heute Oslo).[88] Während der verheerende Brand Hafslunds 1758 durch den prächtigen Neubau des Herrenhauses in ein positives Ereignis gewendet werden konnte, war der Tod des Ehepaars Elieson[89] innerhalb nur weniger Monate im Winter 1772/1773 eine Katastrophe für die fünf zwischen drei und achtzehn Jahren alten minderjährigen Kinder.[90] Beide Elternteile wurden in der Grabkapelle der Werenskiolds[91] auf dem Kirchhof in Skjeberg[92] (Abb. 64) beigesetzt.[93] Es waren die Paten der Kinder Bernt Anker[94] (1746–1805) (Abb. 87), Sohn des reichsten Manns Norwegens Christian Ancher[95] (1711–1765) (Abb. 81), und Peter Holter[96] (1723–1786) (Abb. 48), die sich zum Verkauf des gesamten Eliesonschen Besitzes entschlossen.[97] Zwar waren beide Paten als Cousins der Kinder bzw. der Mutter eng verwandt und als Paten an Elternstatt eingesetzt, doch stellten sie gleichzeitig mit eigenen Unternehmen in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit Konkurrenten des Betriebs in Hafslund dar.[98] Deswegen ersteigerten sie das Anwesen selber zu einem sehr vorteilhaften Preis.[99] Schulderud nennt ihren Kauf von Hafslund einen Raubzug, denn der Besitz wurde für ‚lediglich‘ 76.000 Reichstaler ersteigert, doch Peter Holter kaufte seinem Kompagnon Bernt Anker dessen Anteilshälfte wenig später für 60.000 Reichstaler ab, was einen realen Wert des Anwesens von etwa 120.000 Reichstalern vermuten lässt.[100] Seit dem Jahr 1776 war Peter Holter damit alleiniger Eigentümer von Hafslund.[101]
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