06.03 Maren Juel und ihre drei Ehemänner
- 01. Einführung
- 02. Forschungsstand
- 03. Geschichte der Anlage vor dem 18. Jahrhundert
- 04. Überblick zur Gesamtanlage
- 05. Wirtschaftlicher Kontext
- 06.00 Besitzverhältnisse im 18. Jahrhundert
- 06.01 Familie Nielsen, geadelt Werenskiold
- 06.02 Familie Elieson
- 06.03 Maren Juel und ihre drei Ehemänner
- 07.00 Herrenhaus: Baugeschichte und Architektur
- 07.01 Vorgängerbau
- 07.02 Neubau des Herrenhauses 1758–1762
- 07.03 Beschreibung Herrenhaus
- 07.04 Architektur
- 08.00 Innenräume im 18. Jahrhundert
- 08.01 Erdgeschoss
- 08.02 Obergeschoss
- 08.03 Sockelgeschoss und Sammlungen
- 09.00 Garten und Park
- 09.01 Garten
- 09.02 Park
- 10. Wirtschaftsgebäude
- 11. Kirche und Dorfstrukturen
- 12. Geschichte der Anlage nach dem 18. Jahrhundert
- 13. Geophysikalische Prospektion und digitale Dokumentation
- 14. Quellen- und Literaturverzeichnis
besaßen Hafslund 1786–1824 |
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Peter Holter (1723–1786) und Maren Juel (1749–1815) |
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Tatsächlich war Peter Holter[1] (1723–1786) (Abb. 48) vor allem am Holzgeschäft von Hafslund und den damit verbundenen Privilegien interessiert, denn mit seiner 26 Jahre jüngeren Frau Maren Juel[2] (1749–1815) (Abb. 10) wohnte er im Winter in einem komfortablen Stadthaus in Christiania[3] (heute Oslo) und im Sommer überwiegend im neu erbauten Herrenhaus Stubljan[4] (Abb. 88) am Bunnefjord,[5] das dem Hauptgebäude in Hafslund äußerlich durchaus ähnelte (Abb. 89), aber näher an der norwegischen Hauptstadt lag. In Hafslund selbst oder auch in Borregård[6] – ebenfalls im Besitz von Peter Holter – hielt sich das kinderlose Ehepaar sehr selten auf, sodass beide Herrenhäuser am Sarpsfossen[7] weitgehend ungenutzt blieben.[8] |
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Johan Hansen Fahne (1729–1797) und Margrethe Sophie Stockfleth (1740–1803) |
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bewohnten Hafslund von 1776–1793 |
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Als Besitzer und Besitzerin nicht in Hafslund zu wohnen, hatte einen ganz entscheidenden Nachteil: um das königliche Privileg der Steuerfreiheit auf die Gutsgewinne zu genießen, war man laut Gesetz verpflichtet dauerhaft auf dem steuerbefreiten Anwesen zu leben.[9] Aus diesem Grund überließ Peter Holter[10] (1723–1786) das Anwesen Johan Hansen Fahne (1729–1797), der zuvor sein Bevollmächtigter in Hafslund gewesen war, unter der Auflage, einen Gewinnanteil zu erhalten und den Besitz jederzeit zum gleichen Kaufpreis zurückerwerben zu können.[11] Im Jahre 1788 später besuchte der deutsche Mediziner Dr. Jacob Mumsen[12] (1737–1819) (Abb. 90) Justizrat Johan Fahne (1729–1797) und seine Frau Margrethe Sophie Stockfleth (1740–1803) in Hafslund und beschrieb das Anwesen wie folgt: „Hafslund ist das größte und schönste Herrenhaus auf der Ostseite des Christiania-Fjords, ein großes und geräumiges Gebäude mit vielen schönen Zimmern, großen Nebengebäuden und Wirtschaftsgebäuden und einem großen parkähnlichen Garten, voll von schön blühenden Obstbäumen und umgeben von prächtigen, schattenspendenden Ahornbäumen. [...] Das Anwesen gehörte dem verstorbenen Kriegscommissar Holter und gehört nun seiner Witwe, die in Christiania lebt. Kammerrat Fahne, der nun auf Hafslund wohnt, empfing uns Fremde mit der großen Gastfreundschaft, welche die Norweger auszeichnet.“[13] Mumsens Reisebericht bestätigt, dass Hafslund 1788 in einem guten Zustand war und (eigentlich) Maren Juel[14] (1749–1815) gehörte, aber von Johann Fahne bewohnt wurde. Am Herrenhaus dürfte Johan Fahne nicht viel verändert haben, doch er ersetzte das 1783 abgebrannte Schulgebäude für die Kinder von Hafslund und unterstützte ebenso das Waisenhaus mit größeren Geldsummen[15] – beides durch Karen Huitfeldt, geb. Werenskiold,[16] (1700–1778) auf dem Anwesen in der Mitte des Jahrhunderts gegründete Einrichtungen.[17] In Stellvertretung besaß der Justizrat Johan Fahne (1729–1797) von 1776 über den Tod Peter Holters[18] 1786 hinaus bis 1793 Hafslund,[19] als Maren Juel[20] (1749–1815) den Besitz zurückverlangte.[21] Für ihren ersten Mann ließ Maren Juel auf dem Kirchhof von Skjeberg[22] eigens eine neue Grabkapelle (Abb. 91) erbauen, in der Peter Holter 1786 begraben wurde.[23] |
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Maren Juel (1749–1815) und Ole Christopher Wessel (1744–1794) |
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Nach dem Tod ihres deutlich älteren Ehemanns Peter Holter[24] (1723–1786) gehörte die kinderlose Maren Juel[25] (1749–1815) (Abb. 10) durch das Erbe ihres Manns zu den reichsten Frauen Norwegens.[26] Sie verwaltete ihren Besitz selbständig und entwickelte sich zu einer erfolgreichen Geschäftsfrau.[27] Nach fünf Jahren ging sie 1791 eine zweite Ehe mit dem Staatsbeamten und Richter Ole Christopher Wessel[28] (1744–1794) (Abb. 92) ein. Wenngleich Wessel anfänglich im Schatten seiner Brüder Johan Herman[29] (1742–1785), der später ein berühmter Dicher werden sollte, und Caspar[30] (1745–1818), ein bekannter Geograph und Mathematiker, stand, machte Ole Christopher als Beamter in Dänemark-Norwegen eine brilliante Karriere.[31] Aus einer Pfarrersfamilie in Vestby in Dänemark stammend verfolgte er ab 1761 eine juristische Ausbildung in Kopenhagen.[32] Das Studium finanzierte er sich als Gehilfe eines Landvermessers, stieg aber schnell zum geographischen Geometer (1764) und vier Jahre später zum trigonometrischen Geometer auf,[33] woaus sich auch ein lebenslanges Interesse an der Geologie entwickelte.[34] Im Jahr 1770 legte Ole Christopher Wessel[35] (1744–1794) das juristische Examen ab und machte in wenigen Jahren Karriere bei Gericht: 1771 wurde er assessor – d.h. Richter – am Stadtgericht, dann am Obersten Gerichtshof in Kopenhagen. Im Jahr 1775 ernannte man ihn zum Justizrat und 1776 schließlich zum General-Auditor – dem obersten Aufseher der Militärjustiz – in Norwegen.[36] Als Beamter genoss Wessel großes Ansehen und wirkte in verschiedenen öffentlichen und königlichen Kommisssionen mit.[37] Außerdem bekleidete er das Amt eines Stellvertreters im Magistrat von Christiania[38] (heute Oslo), wo er sich ab 1777 in Norwegen niedergelassen hatte.[39] Im Jahr 1780 heiratete Ole Christopher Wessel[40] (1744–1794) die junge attraktive Helene Carlsen Barclay (1762–1826), die ihn allerdings während seiner durch den russisch-schwedischen Krieg 1788–1790[41] bedingten längeren Abwesenheit mit einem Kollegen bei Gericht betrog.[42] Wessel war einer der ersten, dem die 1790 neu eingeführte staatliche Scheidung gewährt wurde.[43] Im gleichen Jahr erhielt er seine Ernennung zum Konferenzrat. Ferner war Wessel mittlerweile zu einem sehr wohlhabenden Mitglied des Patriziats von Christiania[44] (heute Oslo) avanciert und konnte sich sogar mit dem reichsten Mann der Zeit, Bernt Anker[45] (1746–1805) (Abb. 93), messen.[46] Im Zivilleben förderte Wessel die norwegische Sprache und trat energisch für die Gründung einer eigenen Universität im Land ein.[47] Als der fünf Jahre ältere Ole Christopher Wessel[48] (1744–1794) im März 1791 Maren Juel[49] (1749–1815) (Abb. 10), die reichste Frau Norwegens, heiratete, war es für beide Parteien im mittleren Alter die zweite Ehe.[50] Durch die Heirat wurde er Eigentümer der zahlreichen Besitzungen seiner Frau im Umkreis von Christiania[51] (heute Oslo) – Stubljan[52] (Abb. 94) und Hvitebjørn[53] gård am Bunnefjord[54] und Losby bruk[55] in Lørenskog,[56] sowie Borregård[57] und später Hafslund in Østfold,[58] um die er sich mit seinem üblichen Tatendrang energisch kümmerte.[59] Er veranlasste ebenfalls den Rückkauf Hafslunds von Johan Fahne (1729–1797). Für 130.000 Reichstaler übernahmen er und Maren Juel das Anwesen im Februar 1793 erneut.[60] Das Ehepaar hielt sich nun oft im Herrenhaus in Hafslund auf und Wessel betreute beide Häuser und Betriebe in Hafslund wie Borregård aktiv.[61] Ole Christopher Wessel starb im Juli 1794 überraschend nach kurzer Krankheit mit nur 50 Jahren und wurde in der Skjeberg Kirche[62] beigesetzt (Abb. 95).[63] Seine Witwe stiftete mehrere Stipendien in seinem Andenken und übergab die große Mineraliensammlung, die Wessel durch sein konstantes Interesse an der Geologie im Laufe seines Lebens zusammengetragen hatte, der Deichmanschen Bibliothek,[64] der ersten öffentlichen Bibliothek Norwegens.[65] |
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Maren Juel (1749–1815) und Marcus Gjøe Rosenkrantz (1762–1838) |
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Wenige Jahre nach dem Tod ihres zweiten Ehemanns, heiratete die inzwischen 47 Jahre alte Maren Juel[66] (Abb. 10) 1796 erneut:[67] den 13 Jahre jüngeren Marcus Gjøe Rosenkrantz[68] (1762–1838) (Abb. 49). Zu der Zeit war er Vorsitzender des Magistrats in Christiania[69] (heute Oslo), trat aber zurück, um die Güter und Geschäfte seiner Frau zu führen.[70] Anders als ihr vorheriger Ehemann stammte Marcus Gjøe Rosenkrantz[71] aus bedeutendem alten dänischen Adel,[72] doch die Linie der Familie war verarmt und konnte die Söhne nur mit der Unterstützung von Verwandten auf die Militärakademie in Christiania[73] (heute Oslo) schicken.[74] Aufgrund einer 1777 festgestellten Sehschwäche durfte Marcus Rosenkrantz die militärische Ausbildung nicht abschließen und schlug daher eine juristische Laufbahn ein.[75] Im Jahr 1784 legte er die Staatsprüfung in Dänemark ab und kehrte nach Christiania[76] (heute Oslo) zurück.[77] Nur wenige Jahre später war er dort ab 1787 assessor – d.h. Richter – am Obersten Gerichtshof.[78] Nach einer kleinen Erbschaft 1790 quittierte Marcus Gjøe Rosenkrantz den Dienst und kaufte den Gutshof Lerbæk[79] (Abb. 96, 97) bei Frederikshavn[80] im dänischen Jütland.[81] Im folgenden Jahr heiratete er Amalia Tugendreich von Barner (1768–1792), die jedoch schon im Juli 1792 bei der Geburt ihres Kindes starb.[82] Nach diesem tragischen Ereignis entschloss sich Rosenkrantz das Gut an die örtlichen Bauern zu verkaufen.[83] Er zog erneut nach Christiania[84] (heute Oslo) um, wo er 1795 zum Vorsitzenden des Magistrats ernannt wurde.[85] Dort lernte er die reiche Grundbesitzerin Maren Juel[86] als bedeutende Persönlichkeit des Patriziats kennen.[87] Nach der Hochzeit trat Marcus Gjøe Rosenkrantz[88] 1797 von seinem Amt als Magistrat zurück, um die Führung der Güter und Geschäfte seiner Frau zu übernehmen.[89] Anfang 1799 verkaufte das Ehepaar Rosenkrantz die Herrenhäuser Stubljan[90] und Hvitebjørn[91] gård an eine Nichte Maren Juels und ihren Mann Lars Ingier[92] (1760–1828),[93] denn die Eheleute verbrachten die meiste Zeit in Hafslund und Borregård,[94] nahmen aber auch am Gesellschaftsleben in Christiania[95] (heute Oslo) teil:[96] Insbesondere engagierten sich beide in der dramatiske selskab[97] (dramatischen Gesellschaft) und waren oft Teil des Laientheaters bei John Collett[98] (1758–1810) im Herrenhaus Flateby[99] (Abb. 98) in Enebakk[100].[101] Neben seinen sehr erfolgreichen geschäftlichen Unternehmungen als einer der größten Sägewerksbesitzer und Holzexporteure des Landes engagierte sich Marcus Gjøe Rosenkrantz[102] (1762–1838) in der Landesverwaltung und der Politik Norwegens: 1804 wurde er zum Landrat von Smaalenene[103] und wenig später zum Kammerherren ernannt,[104] weil er als gewissenhaft, pflichtbewußt und loyal galt.[105] Als Norwegen während der Napoleonischen Kriege durch die Seeblockade Englands von Dänemark getrennt war, spielte Marcus Gjøe Rosenkrantz[106] (1762–1838) eine wichtige Rolle, denn er war 1807–1814 Mitglied der Regierungskommission Norwegens.[107] Diese erfolgreiche Selbstverwaltung während der Napoleonischen Kriegsjahre führte zu einem weiteren Erstarken des norwegischen Nationalbewußtseins und förderte die Unabhängigkeitsbestrebungen des Landes.[108] Rosenkrantz setzte sich als Mitglied des Obersten Gerichtshofs dabei aktiv mit finanzieller Unterstützung für die Gründung einer nationalen norwegischen Universität in Christiania[109] (heute Oslo) ein.[110] Im Jahr 1810 übernahm Rosenkrantz das Amt des Gouverneurs der Provinz Akershus[111] und nach der Gründung der norwegischen Kreditanstalt als Filiale der dänischen Reichsbank war er 1813 deren Direktor.[112] Im Februar 1814 proklamierte Norwegen nach dem Vertrag von Kiel[113] (norwegisch Kieltraktaten) seine Unabhängigkeit von Dänemark und berief im Mai eine verfassungsgebende Versammlung[114] (norwegisch riksforsamlingen) nach Eidsvoll ein, an der auch Marcus Gjøe Rosenkrantz[115] (1762–1838) teilnahm.[116] Zum Regierungsrat ernannt befasste er sich in der Interimsregierung bis November 1814 mit Kirchenangelegenheiten und dem Bildungswesen.[117] Schon im August war durch die Konvention von Moss[118] (norwegisch Mossekonvensjonen) ein Wechsel Norwegens in eine über den schwedischen König gewährleistete Personalunion mit Schweden vereinbart worden. Statt eines von Dänemark eroberten und damit abhängigen Staatswesens war Norwegen jetzt ein gleichberechtigter Partner Schwedens mit eigener Nationalversammlung[119] (norwegisch stortinget) und kompletter Selbstverwaltung.[120] Nach dem Tod von Marcus Gjøe Rosenkrantz'[121] (1762–1838) Frau Maren Juel[122] (Abb. 10) 1815 verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage in Folge der Napoleonischen Kriege in Norwegen und das ganze Land erfasste eine Rezession, die bis in die 1830er Jahre andauerte.[123] Als Abgeordneter für die Provinz Smaalenene[124] 1818 und 1824 war Rosenkrantz politisch immer noch erfolgreich, doch als Unternehmer musste er die Betriebe in Hafslund und Borregård[125] in der Krise schließlich 1824 an den Konsul Ernst Rohde[126] (1773–1832) verkaufen (vgl. 12. Geschichte der Anlage nach dem 18. Jahrhundert).[127] Nach der Abschaffung des Adels in Norwegen 1821 verlor Hafslund in der Folge seine adeligen Privilegien.[128] Im Jahr 1825 ließ Rosenkrantz sich in Fredrikshald[129] (heute Halden[130]) nieder und verlegte das umfangreiche Familienarchiv der alten dänischen Rosenkrantz-Dynastie dorthin, das beim großen Stadtbrand 1826 vollständig vernichtet wurde.[131] In beiden Folgejahren wurde er 1827 und 1828 nochmals als Abgeordneter von Fredrikshald gewählt und bekam im gleichen Jahr das Amt des schwedischen Ministerpräsidenten angeboten, das er allerdings ausschlug.[132] Er starb ein Jahrzehnt später 1838 mit einer staatlichen Rente verarmt und vereinsamt in einer Wohnung in Christiania[133] (heute Oslo).[134] Mit Marcus Gjøe Rosenkrantz[135] (1762–1838) schließt die Reihe der Besitzenden von Hafslund im 18. Jahrhundert – eines Jahrhunderts der gesellschaftlichen und sozialen Umbrüche sowie des wirtschaftlichen Wandels, in dem sich im Bürgertum ein norwegisches Nationalbewußtsein entwickelte, große Vermögen aufgebaut und verloren wurden, was sich exemplarisch in der Geschichte Hafslunds spiegelt.
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