07.04 Architektur
- 01. Einführung
- 02. Forschungsstand
- 03. Geschichte der Anlage vor dem 18. Jahrhundert
- 04. Überblick zur Gesamtanlage
- 05. Wirtschaftlicher Kontext
- 06.00 Besitzverhältnisse im 18. Jahrhundert
- 06.01 Familie Nielsen, geadelt Werenskiold
- 06.02 Familie Elieson
- 06.03 Maren Juel und ihre drei Ehemänner
- 07.00 Herrenhaus: Baugeschichte und Architektur
- 07.01 Vorgängerbau
- 07.02 Neubau des Herrenhauses 1758–1762
- 07.03 Beschreibung Herrenhaus
- 07.04 Architektur
- 08.00 Innenräume im 18. Jahrhundert
- 08.01 Erdgeschoss
- 08.02 Obergeschoss
- 08.03 Sockelgeschoss und Sammlungen
- 09.00 Garten und Park
- 09.01 Garten
- 09.02 Park
- 10. Wirtschaftsgebäude
- 11. Kirche und Dorfstrukturen
- 12. Geschichte der Anlage nach dem 18. Jahrhundert
- 13. Geophysikalische Prospektion und digitale Dokumentation
- 14. Quellen- und Literaturverzeichnis
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Der Neubau des Herrenhauses in Haflsund (Abb. 2) orientiert sich an im Ostseeraum im 18. Jahrhundert verbreiteten architektonischen Formen. So besteht trotz der wenigen im Forschungsprojekt untersuchten Beispiele eine frappierende Ähnlichkeit mit dem Herrenhaus in Suuremoisa (Abb. 135), die nicht über familiäre Zusammenhänge oder den gleichen Entwerfer erklärt werden kann, sondern auf ein Repertoire verbreiteter Formen aus der Bauzeit im 18. Jahrhundert zurückgeht. Diese konventionellen Bauformen sind im Überblick aufgezählt: die Dreiflügelanlage, bei der oftmals in der Geschosszahl- und -höhe zwischen corps de logis und Seitenflügeln differenziert wird, und das Mansarddach, wenngleich in Hafslund mit den Giebeln der Seitenflügel ungewöhnlich abgewandelt (Abb. 2), sowie der dreiachsige Mittelrisalit mit fronton (Dreiecksgiebel, Abb. 122). Alle diese Merkmale gehen letztlich auf mitteleuropäische Vorbilder zurück, wobei eine Vermittlung der Bauformen sowohl aus eigener Anschauung von Architekten auf Studienreisen oder Bauherr:innen auf der Grand tour als auch über zahlreiche graphische Vorlagen in Architekturpublikationen erfolgen konnte, die vor Ort im Ostseeraum verbreitet waren. In Norwegen ist für weite Zeiträume des 18. Jahrhunderts in der Regel von einem Rezeptionsweg der Architekturformen über Dänemark mit teils französischen, teils niederländischen Vorbildern sowie von einer allgemeinen Vermittlung von Formen aus dem Heiligen römischen Reich deutscher Nation auszugehen,[1] während in Norwegen spät im 18. Jahrhundert die englische Lebensweise und darüber auch Bauten aus dem Vereinten Königreich als Vorbild an Einfluss gewinnen. Als architektonische Musterbücher aus Frankreich waren im Allgemeinen vor allem die zahllosen Auflagen des Cours d'Architecture (Erstausgabe Paris 1691, letzte bekannte französische Ausgabe Jombert 1769)[2] Augustin-Charles Davilers[3] (1653–1701) verbreitet (Abb. 136). Im Traktat werden anhand eines Musterbaus die architektonischen Regeln erläutert: Das Beispiel für ein Stadthôtel besteht als Dreiflügelanlage um einen Innnenhof aus einem höheren corps de logis und beigeordneten Seitenflügeln. Es besitzt einen dreiachsigen Mittelrisalit mit fronton und ein Mansarddach und entspricht damit dem im 18. Jahrhundert bei Herrenhäusern verbreiteten Formenvokabular. Die bekannten Musterentwürfe aus Jacques François Blondels[4] (1705–1774) De la distribution des maisons de plaisance [...] (Paris 1736/1737)[5] (Abb. 137) wurden ebenfalls umfangreich rezipiert, spielten als Vorbilder für Herrenhausbauten in Norwegen und auch für Hafslund offenbar nur eine geringe Rolle, während die Vorlagen Blondels in Schweden einen erheblichen Einfluss auf die Architektur von Herrenhäusern hatten.[6] Die im zweiten Band des Traktats enthaltenen graphischen Vorlagen für die Anlage von Gärten und die Innendekoration (vollständiger Titel ... et de la décoration en général) beeinflussten ab den 1740er Jahren Gartenanlagen und den Ausstattungsstil in ganz Europa und damit indirekt auch Ausstattungen in Norwegen. Für Einflüsse aus dem niederländisch-englischen Raum wären die als einzelne Stichfolgen veröffentlichte Musterentwürfe des Architekten Daniel Marot[7] (1661–1752) zu nennen, beispielsweise dessen Stichfolge Nouveau livre de Bâtiments de différentes pensées. Diese sechs Muserentwürfe könnten als Vorlagen für den Entwurf von Herrenhäusern gedient haben, doch konkrete Rezeptionswege – wie etwa über einen Bibliotheksbestand im Besitz eines Entwerfers – sind im Einzelnen sehr schwer nachzuweisen. Im späten 18. Jahrhundert wandelte sich der Zeitgeschmack bei Architektur wie Dekoration und einige Herrenhäuser wurden mit an der Antike orientierten klassizistischen Formen umgebaut (vgl. etwa Kolga/Kolk). Daher bekam der renommierte dänische Architekt Joseph Christian Lillie[8] (1760–1827) von Maren Juel[9] (1749–1815) und ihrem tatkräftigen Ehemann Ole Christopher Wessel[10] (1744–1794) den Auftrag für einen Umgestaltung des Herrenhauses in Hafslund. Im Jahr 1794 präsentierte Lillie einen Vorschlag für den klassizistischen Umbau der Fassade von Hafslund (Abb. 138),[11] der vielleicht wegen des plötzlichen Ablebens Wessels nicht realisiert wurde.[12]
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