08.02 Obergeschoss

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Grundriss Obergeschoss

Für das Obergeschoss in Hafslund haben sich keine bauzeitlichen Pläne erhalten und die früheste Quelle zur genauen Nutzung der Räume stellen zwei Auktionsprotokolle von Versteigerungen in den Jahren 1824 und 1829 dar, die Hvinden-Haug transkribiert hat.[1] Das Obergeschoss ist symmetrisch um den von zwei Seiten belichteten Saal in der Mittelachse des Hauses geordnet (Abb. 140). Beide Haushälften enthalten je ein Appartement, das jeweils aus Treppenaufgang (Nrn. 10, 11), antichambre (Vorzimmer) (Nrn. 12,18), chambre (Schlafzimmer) (Nrn. 13, 17) und cabinet (Kabinett, ‚privater‘ Wohnraum) (Nrn. 14, 16) besteht. Der direkte Zugang von den Treppenaufgängen in die Kabinette (Nrn. 14, 16) wurde erst durch Arnstein Arneberg[2] (1882–1961) während der Restaurierung in den Jahren 1936–1937 ergänzt (Abb. 142).[3]

Mit der Fertigstellung des neuen Herrenhauses 1762 war zunächst das Erdgeschoss als repräsentative Etage (bel étage) ausgestattet, wie die anfängliche Treppenlösung vermuten lässt.[4] Die Räume im Obergeschoss (Nrn. 12–14, 16–18) wurden durchaus als Gästequartiere genutzt,[5] aber das Obergeschoss hatte zunächst einen eher ‚privaten‘ Charakter. In der Ausstattung weisen diese Räume – etwa den erhaltenen originalen Holzvertäfelungen und Türen – daher einfachere Details auf: so fehlen beispielsweise bei den Vertäfelungen unter den Fenstern und bei den Türen die aufwendiger herzustellende in Viertelkreise aufgelöste Ecken der Spiegelflächen wie sie im Erdgeschoss ausgeführt wurden (Abb. 170, 171).[6]

Von der originalen Wandschale und Möblierung aus dem 18. Jahrhundert ist wenig erhalten. Nach den Veränderungen im 19. Jahrhundert ist heutige Ausstattung im Obergeschoss vor allem das Ergebnis der Restaurierung Arnstein Arneberg[7] (1882–1961) in den Jahren 1936–1937 und der Bemühungen der Firma Hafslund ASA bis in die Gegenwart, unter Berücksichtigung der Originalsubstanz mit Hilfe der NIKU einen ‚stimmigen‘ Gesamteindruck der Räume für die Zeit des späteren 18. Jahrhunderts wieder herzustellen und das Obergeschoss als repräsentative Etage des Verwaltungssitzes einzurichten und zu nutzen.[8]

Abb. 140 Lars Jacob Hvinden-Haug, Hafslund, Herrenhaus, Neubau 1764, Obergeschoss Rekonstruktion
Abb. 142 Arnstein Arneberg, Hafslund, Herrenhaus, Grundriss Obergeschoss, Umbau 1936–1937

Innenräume Obergeschoss

Treppenaufgänge

Erst mit der Verlegung der Treppenaufgänge aus dem Vestibule (Nr. 1) und deren repräsentativem Neubau in der Treppenhalle (Nr. 2) vor dem Tod Peter Eliesons[9] (1729–1773) wurde das Obergeschoss aufgewertet (Abb. 172–175). Im Zuge dieser Maßnahmen hat der Saal (Nr. 15) vermutlich die heute vorhandene gewölbte Decke erhalten.[10] So gewannen die Räume im Obergeschoss im Zuge des späten 18. Jahrhunderts und im Laufe des frühen 19. Jahrhunderts als repräsentative Räume an Bedeutung. Diese Entwicklung lässt sich auch an der aufwendigeren Ausstattung der Räume (Nrn. 12–14, 16–18) 1773 mit Tapeten und Öfen belegen.[11]

Abb. 173 Hafslund, Herrenhaus, Obergeschoss, westliches Treppenhaus, 2022
Abb. 174 Hafslund, Herrenhaus, Obergeschoss, östliches Treppenhaus, 2022

Saal (salen)

Vielleicht etwa ein Jahrzehnt nach der Fertigstellung des Herrenhauses 1762 wurde die Gestaltung des Saals (Nr. 15) (Abb. 145, 176–181) in Hafslund nochmals verändert.[12] Zunächst führten zwei mehrläufige Treppen aus dem Vestibule (Nr. 1) im Erdgeschoss offenbar in einen vom Saal abgetrennten Korridor oder sogar – nur durch ein Wandstück abgeschirmt – direkt in den Saal, der als Empfangsraum (norwegisch mottagelsen) diente.[13] Vermutlich gleichzeitig mit der Verlegung der Treppen aus dem Vestibule in die Treppenhalle (Nr. 2) soll auch eine Vergrößerung des Saals und ein Umbau der Saaldecke verbunden gewesen sein:[14] Die wohl ursprünglich vorhandene flache Balkendecke im Saal wurde offenbar vor dem Tod Peter Eliesons[15] (1729–1773) durch die heute existierende gewölbte Decke ersetzt (Abb. 176, 177),[16] die sich als falsches hölzernes Gewölbe in das Mansarddach erstreckt und den vorhandenen Dachraum weitgehend ausfüllt.

Wie Hvinden-Haug ausführt, weisen eine Reihe größerer Herrenhäuser in Ostnorwegen gewölbte Saaldecken auf,[17] sodass der durch die Treppen eingeschränkte Saal vielleicht einfach zu klein für größere Gesellschaften war und die Eheleute Elieson in Hafslund nicht hinter ihren Nachbarn zurückstehen wollten. Wie aus der Beschreibung des Herrenhauses für die Versteigerung des Anwesens 1774 hervorgeht,[18] waren die neuen Treppen zu der Zeit am heutigen Ort bereits ausgeführt. Im Saal gab es offenbar keine (Leinwand-)Tapeten, wie sie für die angrenzenden Räume (Nrn. 12–14, 16–18) ausdrücklich erwähnt werden, aber zwei Öfen an jeder Schmalseite.[19]

Abb. 178 Hafslund, Herrenhaus, Obergeschoss, Saal, Blick-nach-Osten, 2022
Abb. 179 Hafslund, Herrenhaus, Obergeschoss, Saal, Blick-nach-Westen, 2022
Abb. 180 Hafslund, Herrenhaus, Obergeschoss, Saal, Trumeau, 2022

Speisezimmer (spisestue)

Von der bauzeitlichen Ausstattung hat sich in diesem heute als Speisezimmer genutzen Raum (Nr. 13) nichts mehr erhalten (Abb. 182, 183). Im späten 18. Jahrhundert nutzte der letzte Besitzer Hafslunds Marcus Gjøe Rosenkrantz[20] (1762–1838) nach dem Tod seiner Frau Maren Juel[21] (1749–1815) die beiden Räume im Nordwesten des Obergeschosses als Wohnraum (Nr. 12) und Schlafzimmer (Nr. 13).[22]

Während der Restaurierung 1936–1937 wurden drei Supraporten aus dem 18. Jahrhundert in monochromer Grisaille genannter grauer Malerei vom Erdgeschoss aus dem so genannten ‚grünen Zimmer‘ in das neu eingerichtete Speisezimmer versetzt (Abb. 184–186).[23] Sie illustrieren das Thema der vier Jahreszeiten, was nahelegt, dass die Darstellung der vierten Jahreszeit, des Winters, verloren gegangen ist.[24] Über den Künstler ist nichts bekannt, aber es wird vermutet, dass er aus dem Umkreis der Herrebøe Fayence[25] Manufaktur stammen könnte und auch die Dekorationen mit dem Thema Aktivitäten bzw. Erziehung einer Dame geschaffen haben könnte (ursprünglich Erdgeschoss Nr. 8, heute Obergeschoss Nr. 18).[26]

Abb. 184 Hafslund, Herrenhaus, Obergeschoss, Speisezimmer, Supraporte, Frühling, Grisaille, 2022
Abb. 185 Hafslund, Herrenhaus, Obergeschoss, Speisezimmer, Supraporte, Sommer, Grisaille, 2022
Abb. 186 Hafslund, Herrenhaus, Obergeschoss, Speisezimmer, Supraporte, Herbst, Grisaille, 2022

Konferenzraum (1829 Rødsalen)

Der Raum in der Nordostecke des Baus (Nr. 18) (Abb. 187–189) liegt über dem ehemaligen Schlafzimmer (Nr. 8) und Eckraum des Damen-Appartements im Erdgeschoss. Während der Renovierung 1936–1937 wurde die Leinwandtapete aus dem Erdgeschoss in den Konferenzraum im Obergeschoss transloziert.[27] Die original erhaltene Leinwandtapete illustriert in zehn kleinen Szenen im Zentrum der Paneelfelder die Aktivitäten bzw. Erziehung einer Dame auf neutralfarbigen Grund. Diese Art der Wandddekoration konnte in Holland oder im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation auf Maß bestellt werden, aber die Malerei scheint von einem lokalen Maler ausgeführt worden zu sein.[28] In der Literatur werden die Darstellungen teilweise einem Künstler aus dem Umkreis der Herrebøe Fayence[29] Manufaktur – beispielsweise Heinrich Christian Friedrich Hosenfelder[30] (1720–1805) – zugeschrieben,[31] doch wie Hvinden-Haug herausstellt erscheint die Figurenzeichnung nicht gut genug für Hosenfelder.[32] Als zehn angemessene Aktivitäten für eine Dame werden Lesen (Abb. 194), Musizieren (3x) (Abb. 190, 195, 196), Sticken (Abb. 197), Jagen (Abb. 198), Gärtnern (Abb. 199), Spazieren gehen (Abb. 193), Ballspielen (Abb. 191) und Tanzunterricht (Abb. 192) angesehen.[33] Das bewegt sich im konventionellen Kanon der Zeit.

  1. Vgl. Hvinden-Haug 2009, S. 59–78 Auktionsprotokolle von 1824 und 1829.
  2. Vgl. https://www.wikidata.org/wiki/Q2699751 (16.07.2024); https://no.wikipedia.org/wiki/Arnstein_Arneberg (16.07.2024).
  3. Vgl. Hvinden-Haug 2009, S. 20.
  4. Vgl. Hvinden-Haug 2009, S. 21–22.
  5. Vgl. Hvinden-Haug 2009, S. 31.
  6. Vgl. Hvinden-Haug 2009, S. 31.
  7. Vgl. https://www.wikidata.org/wiki/Q2699751 (16.07.2024); https://no.wikipedia.org/wiki/Arnstein_Arneberg (16.07.2024).
  8. Der Ankauf von Möbeln und die Einrichtung erfolgte u.a. mit Beratung von Bart Flaaten und der NIKU.
  9. Vgl. https://www.wikidata.org/wiki/Q30278327 (11.07.2024).
  10. Vgl. Hvinden-Haug 2009, S. 21–22.
  11. Vgl. Anzeige im Nordske Intelligenz-Sedler vom 28. Juli 1774 transkribiert bei Hvinden-Haug 2009, S. 56–58.
  12. Vgl. Hvinden-Haug 2009, S. 29.
  13. Vgl. Hvinden-Haug 2009, S. 29.
  14. Vgl. Hvinden-Haug 2009, S. 29.
  15. Vgl. https://www.wikidata.org/wiki/Q30278327 (11.07.2024).
  16. Vgl. Hvinden-Haug 2009, S. 29, Anm. 95 zitiert Arneberg 1937, S. 35, vgl. auch Hvinden-Haug 2009, S. 31.
  17. Vgl. Hvinden-Haug 2009, S. 31.
  18. Vgl. Hvinden-Haug 2009, S. 57–58 Anzeige im Nordske Intelligenz-Sedler vom 28. Juli 1774: „In der obersten Etage befinden sich sechs tapezierte Kammern mit Eisen-Kachelöfen, ein sehr großer Saal mit zwei Kachelöfen (einer an jedem Ende), sowie zwei weitere kleine Räume mit Treppenaufgang.“
  19. Vgl. Hvinden-Haug 2009, S. 30 vermutet einen hellrosa Farbton der Wand.
  20. Vgl. https://www.wikidata.org/wiki/Q1894190 (11.07.2024); https://no.wikipedia.org/wiki/Marcus_Gjøe_Rosenkrantz (11.07.2024).
  21. Vgl. https://www.wikidata.org/wiki/Q3719487 (11.07.2024).
  22. Vgl. Hvinden-Haug 2009, S. 31–32.
  23. Vgl. Strøm-Olsen / Meisingset / Flaaten 2012, S. 24–25, 130–131.
  24. Vgl. Hvinden-Haug 2009, S. 27.
  25. Vgl. https://www.wikidata.org/wiki/Q3377705 (30.07.2024); https://no.wikipedia.org/wiki/Herrebøe (30.07.2024).
  26. Vgl. Hvinden-Haug 2009, S. 34.
  27. Vgl. Hvinden-Haug 2009, S. 26.
  28. Vgl. Hvinden-Haug 2009, S. 26.
  29. Vgl. https://www.wikidata.org/wiki/Q3377705 (30.07.2024); https://no.wikipedia.org/wiki/Herrebøe (30.07.2024).
  30. Vgl. https://www.wikidata.org/wiki/Q16210494 (30.07.2024); http://vocab.getty.edu/page/ulan/500122016 (30.07.2024).
  31. Vgl. u.a. Engelstad 1959, S. 140.
  32. Vgl. Hvinden-Haug 2009, S. 26.
  33. Vgl. Hvinden-Haug 2009, S. 115–117.
Abb. 189 Hafslund, Herrenhaus, Obergeschoss, Konferenzraum, Tapete mit Aktivitäten einer Dame, Nordwand, Auschnitt, 2022
Abb. 190 Hafslund, Herrenhaus, Obergeschoss, Konferenzraum, Tapete mit Aktivitäten einer Dame, Nordostecke, Detail, Musizieren, 2022
Abb. 191 Hafslund, Herrenhaus, Obergeschoss, Konferenzraum, Tapete mit Aktivitäten einer Dame, Nordwestecke, Detail, Ballspiel, 2022
Abb. 192 Hafslund, Herrenhaus, Obergeschoss, Konferenzraum, Tapete mit Aktivitäten einer Dame, Nordwand, Detail, Tanzen, 2022
Abb. 193 Hafslund, Herrenhaus, Obergeschoss, Konferenzraum, Tapete mit Aktivitäten einer Dame, Ostwand, Detail, Spazieren, 2022