05. Herrenhaus: Baugeschichte und Architektur
Herrenhaus Kolk/Kolga, Vogelperspektive, Darstellung: Torsten Veit 2025. Herrenhaus Kolk/Kolga, restaurierter Festsaal im Nordrisalit (Ausschnitt), Darstellung: Torsten Veit 2025.
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Erster Bauherr im 18. Jahrhundert war Carl Magnus Stenbock, ein Enkel von Magnus Stenbock. Carl Magnus war von 1754 bis 1796 Landrat in Estland und hatte die Funktion als russischer wirklicher Staatsrat inne.[1] Die Familiengeschichte berichtet, dass er über gute Kontakte an den russischen Zarenhof verfügte.[2] Der Bauherr ließ das Jahr der Fertigstellung des Hauses 1768 sowie seine Initialen in das hölzerne Geländer der Treppe einfügen, die von der Eingangshalle in die Bel Étage führt (Abb. 11). Der Ort der Anbringung ist selbstverständlich strategisch gut gewählt worden. Tritt man aus dem im Mittelrisalit untergebrachten repräsentativen Saal (Abb. 12), in dem ursprünglich ein Teil der Portraitsammlung der Familie Stenbock untergebracht war, fällt der Blick automatisch auf die verzierte Treppe. Der Kunsthistoriker Juhan Maiste geht davon aus, dass Handwerker, die auch am Herrenhaus der Mutter des Bauherren auf der estnischen Insel Dagö|Hiiumaa arbeiteten, für die Holzverarbeitungen und Schnitzereien im Haus Kolga zuständig waren.[3] Interessante Einblicke in die Baugeschichte des Hauses konnten 2014 begonnenen Analysen der Innendekorationen sowie 2021 durchgeführte konsvertorische und archäologische Untersuchungen offenlegen. Zunächst hatte ein Team von Restauratoren Analysen von Resten der im Haus vorhandenen Wandmalereien und Stuckaturen vorgenommen und gesichert.[4] Einige Gestaltungselemente im inneren des Hauses, wie eine rautenförmige Fußbodenbemalung, Stuckelemente im Südflügel und Fragmente verschiedener Supraporten, ließen sich in die Zeit des Bauherren Carl Magnus Stenbock einordnen,[5] der 1798 starb. Besonderen Anstoß zur weiteren Erforschung der Baugeschichte gaben Restaurierungen im großen Saal des Nordrisalits (Abb. 13, 3 Kolga Saal 3D Modell bei Sketchfab.com © Immo Trinks / Vienna Institut for Archeological Science).[6] Hilkka Hiiop, Professorin an der Estnischen Kunstakademie (Eesti Kunstiakadeemia, EKA), vermutet, dass der repräsentative Raum – der in der allgemeinen Erzählung als Kapelle galt – ursprünglich ein Musikaal gewesen sein könnte. Sie und ihr Team machten dies unter anderem an den Motiven der Raumgestaltung fest, die in das frühe 19. Jahrhundert datiert wurden.[7] Man hatte bis dato angenommen, dass der den Saal fassende hervorspringende nördliche Risalit, der Portikus sowie der hervorspringende südliche Risalit ebenfalls in jene Umgestaltungsphase zurück ins frühe 19. Jahrhundert reichten.[8] Die Forscher:innen fanden jedoch unter den Farbschichten im nördlichen Risalit Spuren von Farbresten, die ins 18. Jahrhundert wiesen.[9] Diese Hinweise zusammen mit den über das gesamte Haus verteilten Funden spätbarocker Stuckelemente und Farbschichten bis in die Bel Étage, führten zu neuen Thesen. Diese Elemente verweisen darauf, so Hiiop, dass die hervorspringenden Seitenrisalite noch in die Zeit des Bauherren Carl Magnus datiert werden müssten.[10] Von dem Archäologen Villu Kadakas geleitete anschließende Untersuchen an der Bausubstanz im Jahr 2021 bestärkten diesen Schluss. Sowohl die Vorderfassade einschließlich der Seitenrisalite als auch der Rückfassade des Herrenhauses wurde ursprünglich von Lisenen gegliedert. Diese zeichnen sich noch heute, vor allem auf der Rückseite des Hauses, deutlich im Putz ab (Abb. 14). Die Lisenen reichten vom Erdgeschoss bis zum Dachvorsprung der Bel Étage. Des Weiteren wurden Überreste einer umlaufenden, grünen Verputzung gefunden, die auf das 18. Jahrhundert zurück geht.[11] Architektonische Zugaben des 19. Jahrhunderts sind demnach, so Hiiop, eine noch erhaltene neue Verputzung, Aufstockungen mit (venezianischen) Fenstern in den Seiten- und im Mittelrisalit sowie der Umbau des Einganges zum mächtigen Portikus (Abb. 15, 16). Hilkka Hiiop schreibt dazu: „At some point in the early 19th century, a third floor with Venetian windows was added to the avant-corps and an imposing triangular pediment and pillars were installed on the centralportico. A new plaster finish that suited the Neoclassical aesthetic was ‘glued on’ to the frontal façade. This also created an interesting contrast between the front and back façades of Kolga Manor, which now are almost a textbook example of the history of style from two different eras: the Baroque and Neoclassicism.”[12]
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