12. Geschichte der Anlage nach dem 18. Jahrhundert

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Die Familie von Campenhausen war von 1728 bis zur Umsiedlung der Deutsch-Balten im Jahr 1939 Eigentümer des Herrenhauses und der zugehörigen Gebäude.[1] Im 19. Jahrhundert wurde das Herrenhaus zur besseren Wärmedämmung mit vertikalen Holzplanken verkleidet, die später teilweise durch horizontale Schalung ersetzt wurden.[2] Unter der Ägide der Familie Campenhausen fanden die letzten großen Umbauarbeiten in Orellen um das Jahr 1910 statt. Dabei wurden Räume umgewidmet – beispielsweise wurde aus dem Speisezimmer das Familienzimmer – und das Raumgefüge teilweise verändert.[3] Der Erhaltungszustand des Hauses war zu diesem Zeitpunkt sehr gut.[4]

Mit dem Ersten Weltkrieg begann der Niedergang der Gutsanlage. Während der Zeit kümmerten sich die Verwalter Otto von Strandmann und später Herbert von Blanckenhagen um das Gut und das Herrenhaus.[5] Im Sommer 1917 wurde Blanckenhagen von örtlichen Bolschewiken des Hauses verwiesen.[6] Der Knecht Reakst übernahm die Leitung der Gutsverwaltung, und das Gut wurde als Militärlager genutzt, was zu starken Beschädigungen des Hauses und zu Plünderungen führte.[7]

Im Rahmen der lettischen Agrarreform von 1920 verlor die Familie Campenhausen zusätzlich Eigentum an Grund und Boden, das Gut selbst wurde jedoch nicht verstaatlicht und blieb zunächst im Familienbesitz.[8] In Hoffnung auf einen finanziellen Zuverdienst plante die Familie im Frühjahr 1930 die Einrichtung eines Kinderferienheims.[9] Wegen fehlender Genehmigungen und, weil trotz mehrerer Bohrungen kein einwandfreies Trinkwasser gefunden werden konnte, wurden die Pläne nicht realisiert.[10]

Nach Abschluss des Hitler-Stalin-Paktes im Jahr 1939 wurden die Campenhausen mit den letzten verbliebenen Deutsch-Balten in den Reichsgau Wartheland ausgesiedelt und das Anwesen ging in das Eigentum des Staats über.[11] Im Laufe des Zweiten Weltkriegs kam es durch Soldaten zu großen Beschädigungen an Haus und Einrichtung.[12] Die Holzplanken der Wände mit den kostbaren Wandmalereien wurden teilweise entfernt und als Bauholz genutzt oder überstrichen.[13] Einen Teil des wertvollen Inventars konnte die Familie von Campenhausen bei ihrem Auszug 1939 retten.[14] Bei Kriegsende im Januar 1945 floh die Familie in den Westen.[15]

In der Sowjetzeit beherbergte das Herrenhaus von 1952 bis 1989 eine Schule.[16] Trotz des damit verbundenen Schutzes von Teilen der Substanz führte die Nutzungsänderung zu massiven Eingriffen in den historischen Grundriss.[17] In den 1970er Jahren begannen die Kunsthistoriker Ieva und Imants Lancmanis mit der systematischen Restaurierung von Ungurmuiža. Die noch erhaltenen Wandmalereien wurden mit Plexiglasplatten vor weiterer Zerstörung geschützt.[18] Die Restaurierungen dienten auch der Rettung der Campenhausenschen Kapelle (vgl. 09. Garten und Park).[19]

Nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit Lettlands im Jahr 1991 fiel die Anlage in den Besitz der Gemeinde Raiskums (heute Cēsu novads).[20] Im Jahr 2000 stifteten die schwedische und die lettische Regierung zusammen 250.000 Lats (ca. 360.000 Euro) zur weiteren Wiederherstellung.[21] Die Restaurierungsarbeiten dauern bis heute an mit dem Ziel, das Haus und seine einzigartigen Malereien zu konservieren und die ursprüngliche Raumwirkung wiederherzustellen.[22]

Im Jahr 2024 erfolgte die Privatisierung des Herrenhauskomplexes durch die Gemeinde, verbunden mit der Auflage, die öffentliche Zugänglichkeit des Kulturdenkmals zu gewährleisten.[23] Die Bewirtschaftung erfolgte lange Zeit durch den Verein Ungurmuiža.[24] Vertreter der Familie Campenhausen besuchen ihren ehemaligen Familiensitz Orellen regelmäßig, erheben jedoch keine Besitzansprüche mehr.[25]

Heute steht Ungurmuiža unter Denkmalschutz.[26] Das Herrenhaus der Gutsanlage beherbergt heute ein Museum, bietet Führungen in mehreren Sprachen an. Das Hauptgebäude ist ein zentraler Ort für Konzerte und Veranstaltungen und gilt als herausragendes Beispiel für die Bewahrung des architektonischen Erbes in Holzbauweise und der barocken Innenraumgestaltung in Livland. Die Geschichte des Gutes Orellen/Ungurmuiža reflektiert die gesamte Entwicklung des livländischen Adels, vom mittelalterlichen Lehensgut, zum barocken Herrschaftssitz bis zum heutigen Kulturdenkmal.

  1. Vgl. Lancmanis 1998.
  2. Vgl. Lancmanis 1998.
  3. Vgl. Lancmanis 1998.
  4. Vgl. Lancmanis 1998.
  5. Vgl. Lancmanis 1998.
  6. Vgl. Lancmanis 1998.
  7. Vgl. Lancmanis 1998.
  8. Vgl. Lancmanis 1998.
  9. Vgl. Lancmanis 1998.
  10. Vgl. Lancmanis 1998.
  11. Vgl. Lancmanis 1998.
  12. Vgl. Lancmanis 1998.
  13. Vgl. Lancmanis 1998.
  14. Vgl. Lancmanis 1998.
  15. Vgl. Lancmanis 1998.
  16. Vgl. Lancmanis 1998.
  17. Vgl. Lancmanis 1998.
  18. Vgl. Lancmanis 1998.
  19. Vgl. Lancmanis 1998.
  20. Vgl. Lancmanis 1998.
  21. Vgl. Lancmanis 1998.
  22. Vgl. Lancmanis 1998.
  23. Vgl. Lancmanis 1998.
  24. Vgl. Lancmanis 1998.
  25. Vgl. Lancmanis 1998.
  26. Vgl. Lancmanis 1998.