02. Forschungsstand

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Die Historiker für Osteuropäische Geschichte Norbert Angermann (Universität Hamburg) und Karsten Brüggemann (Universität Tallin) zeichnen in ihrem 2018 veröffentlichten Buch „Geschichte der baltischen Länder“ die enge historische, soziale, kulturelle und wirtschaftliche Verflechtung der baltischen Region mit ihren Nachbarn an der Ostsee und in Mitteleuropa seit dem Mittelalter (um 1200) nach. Dieses Buch gibt seinem Leser u.a. Informationen über die wirtschaftliche Aufstellung Kurlands während des 17. und 18. Jahrhunderts an die Hand und ermöglicht es so, die Vorstellung vom wirtschaftlichen Arbeiten der Familie v. Behr auf ihrem umfangreichen Besitz zu illustrieren.[1] Ulrich von Behr und Alexander Senning verfassten während der 1970er Jahre den Erinnerungsbericht „Edwahlen und die Behrsche Ecke in Kurland“ und hofften auf diese Weise, die Erinnerung an das Wirken der Familie v. Behr in Kurland bzw. in Lettland aufrecht zu erhalten. Dieses Buch enthält einige zeitgenössische Fotos des Gutes Schleck aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sowie einen handgezeichneten Grundriss der ersten Etage des Herrenhauses.[2]

Der deutsch-baltische Architekt und Kunsthistoriker Heinz Pirang (1876-1936) veröffentlicht ab 1926 in Riga das dreibändige und von der „Gesellschaft für Geschichte und Altertumskunde zu Riga“ herausgegebene Werk „Das baltische Herrenhaus“ und ergänzt (zusätzlich zu den Aufnahmen der Familie in Behr/Senning 1979) im I. Teil „Die älteste Zeit bis um 1750“ weitere historische Fotos zu Schleck und zu benachbarten Gütern. Dieses erste und bis heute wichtige Überblickswerk zu baltischen Baudenkmälern bildet die Grundlage zur Erforschung bauhistorischer Zusammenhänge in der reichen baltischen Kulturlandschaft.[3]

Imants Lancmanis, kultureller Retter des Schlosses Rundāle/Ruhental in Lettland sowie Begründer und erster Direktor des heutigen Rundāles Pils Muzejs/Schlossmuseum Rundāle ist ein hervorragender Kenner der Herrenhauslandschaft in den historischen Regionen Kurland und Livland. In der lettischen Kunstzeitschrift Maksla Plus veröffentlichte er 2001 einen auf Deutsch und Lettisch verfassten Artikel zu Schleck und brachte damit seine Hochachtung vor dem Erbauer des Herrenhauses Ulrich v. Behr (1669-1749) aber auch seinem Nachkommen Ulrich Baron v. Behr-Edwahlen zum Ausdruck.[4]

Ojārs Spārītis, lettischer Kunsthistoriker und Professor für Kunstgeschichte und Kunsttheorie an der Akademie der Künste Lettlands untersucht in zwei 2015 im Scientific Journal of Latvia University of Agriculture, Landscape Architecture and Art erschienenen Artikeln die internationalen Beziehungen der Familie v. Behr und deren Niederschlag in der Architektur sowie der Kultur Kurlands. Auch er veröffentlicht, wie Imants Lancmanis, seine Artikel auf Deutsch und bringt damit das bewusste Annehmen des deutsch-baltischen Erbes als wichtigen Teil der lettischen Geschichtsschreibung zum Ausdruck.[5]

Ulrich von Schlippenbach beschreibt in seinen „Malerische[n] Wanderungen durch Kurland“, veröffentlicht 1809, die Landschaft entlang der Windau sowie im Umkreis des Gutes Schleck.[6]

L. Harmsen/Lizete Harmsena, geb. Büttner, zeichnet die Welt ihrer Kindheit nach und veröffentlicht 1913 das Heft „Ein altes kurländisches Pastorat“.[7] Darin beschreibt sie nicht nur das Aussehen des Pfarrhauses von Schleck, sondern ebenso dessen Gärten, die Niederung der Windau sowie das Aussehen der umliegenden dichten Wälder (Abb. 8). Die „Baltische Kirchengeschichte der Neuzeit“[8] Erich von Schrencks, herausgegeben in Riga 1933, ordnet das regionale Wirken Pastor Büttners auf Schleck während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in einen größeren geografischen und kulturhistorischen Zusammenhang (den des Baltikums) ein (Abb. 9).

Die lettische Schriftstellerin Laimdota Sēle sammelte seit 2010 Aussagen von Zeitzeugen in der Ortschaft und Kirchgemeinde von Zlēkas[9] und fasste diese, zuzüglich historischen Fotomaterials, im 2015 erschienenen Buch Zlēkas. Laiki un likteņi zusammen. Diese Darstellung der Geschichte der Ortschaft und seiner Bewohner während der vergangenen Jahrhunderte zeigt und sichert besonders das nicht schriftliche, anekdotenhafte Erbe der Landbevölkerung für nachfolgende Generationen.[10]

In Quellen lettischer Denkmalpflege, zusammengeführt und aufbewahrt im Archiv des Schlosses Rundale, finden sich neben historischen Fotos seit den 1920er Jahren (Abb. 10)[11], historische Architekturzeichnungen (Abb. 11)[12] und mindestens ein Inventar zum Gebäudebestand[13].

Abb. 10 Fest zur Zeit der ersten Unabhängigkeit, RPM 5371, in: Archiv Rundale.
Abb. 11 Quellen lettischer Denkmalpflege 1949, Aquarell der Ruine, Zlēku muiža_KM_w-07, in: Archiv Rundale.
Abb. 8 Frontispiz: Ein altes kurländisches Pastorat, Erinnerungen aufgezeichnet von L. Harmsen, geb. Büttner, zweite durchgesehenen und erweiterte Auflage, mit 6 Abbildungen, Verlag von Franz Kluge, Reval 1913.
Abb. 9 Frontispiz: Schrenck, Erich von: Baltische Kirchengeschichte der Neuzeit, Abhandlungen der Herder-Gesellschaft u. des Herder-Instituts zu Riga, Fünfter Band Nr. 4, Riga 1933.

Die „Karte von Kurland angefertiget und mit Allerhöchster Genehmigung herausgegeben von dem Kurl. Gouvernements Revisor und Ritter C. Neumann“, publiziert in Mitau (Jelgava, Littauen) 1833 zeigt das Privatgut Schleck mit seinen Beihöfen sowie Nachbarn (weitere Privatgüter). Darüber hinaus enthält die Karte Informationen zur Landnutzung und damit indirekt zur Bewirtschaftung des Besitzes, zur Lage von technischen Einrichtungen wie Wind- oder Wassermühlen, Förstereien, Poststationen und Krügen, Kirchen und Pastoraten sowie die Hierarchie der Straßen. Es kann davon ausgegangen werden, dass die unter russischer Herrschaft Kurlands entstandene Karte eine historische Situation wiedergibt, wie sie auch bereits Ende des 18. Jahrhunderts vor der Auflösung Polen-Littauens 1795 Bestand gehabt hatte.[14]

Der „Lageplan aller Gutsgebäude 1928“ - eine Reproduktion ist angebracht vor Ort an der Ruine -, veröffentlicht in: Gallmeister, Michael: „Glanz der adeligen Vergangenheit und die herrliche Schlossruine Schleck (heutiges Zlēkas) in Kurland“, https://lettlandweit.info/glanz-der-adeligen-vergangenheit-und-die-herrliche-schlossruine-schleck-heutiges-zlekas-in-kurland/ gibt die Lage der Gutsgebäude auf dem Besitz wieder und benennt deren Nutzung zu Beginn der ersten Eigenständigkeit des Lettischen Staates. Dieser Lageplan wird vermutlich zuerst in Behr/Senning 1979, S. 97 abgebildet. Es ist kein Autor vermerkt. Inwieweit die Familie v. Behr, die 1920 enteignet worden war, das Gut als Restgut bewirtschaftete und vielleicht viele Gebäude so nutzte, wie vor der Enteignung kann derzeit nicht nachgewiesen werden.

Im Endbericht „Projekt Herrenhaus des Ostseeraums Greifswald“, verfasst von GeoSphere Austria 2025, werden mittels Geoprospektion (Abb. 13) nachgewiesene Gebäudereste im Bereich des rechteckigen Haupthofes des Gutes Schleck/Zlēkas aufgezeigt und beschrieben. Deutlich ist dabei im östlichen Teil des Hofes ein circa 11m x 36m großes Gebäude zu erkennen, dessen Innenraum dreigeteilt ist. Es liegt rechtwinklig zum ehemaligen Stallgebäude (laut Lageplan von 1928 Abb. 14) und ebenso in der Verlängerung der Ruine der Kutschwagenremise (1928, Abb. 14a). Mit dem Nachweis dieses Gebäudes am Ufer des Hofteiches wird die ehemalige Existenz einer Vierflügelanlage frühestens im 17. Jahrhundert plausibel. Ein ähnlich großes Gebäude (10m x 34m) soll auch der Front des Herrenhauses aus dem 18. Jahrhundert vorgelagert gewesen sein. Sein historisches Vorhandensein wirft Fragen auf. Abschließend konnte darüber hinaus die kleinteilige Raumaufteilung des heute vollständig abgetragenen Wohnhauses/Herrenhauses aus dem 17. Jahrhundert, des „Alten Hauses“[15], nachgewiesen werden.

Abb. 13 Zleku Muiza, GPR - Tiefenbereich 050-100 cm, 2023 ©GeoSphere Austria.
Abb. 14 Schleck, Hoflage 1928, Behr/Senning 1979, S. 97.
Abb. 14 a Schleck, Hoflage 1928, Benennungen Gebäude, Behr/Senning 1979, S. 97.

Bei Betrachtung der vielen händisch bei der Messkampagne 2023 aufgenommenen Fotos der Ruine des Herrenhauses Schleck/Zlēkas, fällt eine Baufuge in der ehemaligen Gartenfassade ins Auge (Abb. 15). Hier folgt auf einen wohl älteren Mischverband aus Feld- und Ziegelsteinen im Zentrum des Hauses reines Ziegelmauerwerk nach Süden, sodass sich vermuten lässt, es handele sich um einen Anbau (Abb. 66). Betrachtet man die ehemalige Hoffassade bzw. die innere Gebäudestruktur des Herrenhauses (Abb. 16-17) ist auszumachen, dass der ältere Mauerwerksverband womöglich in Teilen zwei Stockwerke hoch war und vermutlich im Gebäude des Herrenhauses aus dem 18. Jahrhundert ein älteres Gebäude aufgegangen sein könnte (Abb. 18 These zur Bauabfolge).

Abb. 15 Ruine Zlēkas, Herrenhaus, Gartenfassade, Baufunge, Foto: Vienna Institute for Archaeological Science 2023.
Abb. 66 Archiv Rundale, Ruine Zlēkas, Ziegelmauerwerk des Südflügels, Zleku_m_RPM_neg_22233_eka_nr1_1982, in: Archiv Rundale.
Abb. 18 Zlēkas, Bauabfolge, These Gawlik 2025.
Abb. 16 Ruine Zlēkas, Herrenhaus, Hoffront, Materialität, Foto: Vienna Institute for Archaeological Science 2023.
Abb. 17 Ruine Zlēkas, Herrenhaus, Hoffront, Treppenbereich, Materialität, Foto: Vienna Institute for Archaeological Science 2023.
  1. Angermann, Norbert, Brüggemann, Karsten: Geschichte der baltischen Länder, Stuttgart 2018.
  2. Behr, Ulrich von, Senning, Alexander (Mitarb.): Edwahlen und die Behrsche Ecke in Kurland, Klein-Häuslingen, 1979.
  3. Pirang, Heinz: Das baltische Herrenhaus, I. Teil: Die älteste Zeit bis um 1750, Baltische Baudenkmäler herausgegeben von der Gesellschaft für Geschichte und Altertumskunde zu Riga, Riga 1926, S. 38-39, 82, Taf. 25-27.
  4. Herrenhäuser in Kurland, Veröffentlichungen von Dr. h.c. Imants Lancmanis in der lettischen Kunstzeitschrift Maksla Plus mit genealogischen Ergänzungen und erweitertem Bildmaterial, Heft Nr. 2, 2001, S. 21-33.
  5. Spārītis, Ojārs: „Beziehungen zwischen der Familie von Behr und dem Hof von Rudolf II und deren Auswirkungen auf die Kultur Kurlands“, in: Scientific Journal of Latvia University of Agriculture, Landscape Architecture and Art, Volume 6, Number 6, Jelgava 2015, S. 27-36. Spārītis, Ojārs: „Sepulkralkultur der Familie von Behr in Kurland“, in: Scientific Journal of Latvia University of Agriculture, Landscape Architecture and Art, Volume 6, Number 6, Jelgava 2015, S. 19-26.
  6. Schlippenbach, Ulrich Freyherr von: Malerische Wanderungen durch Kurland, mit Kupfern, Riga und Leipzig 1809, v.s. „Das Privatgut Schleck und die Stadt Pilten mit ihren Umgebungen“, S. 154-159. Link: https://books.google.de/books?id=peAheBAglxQC&printsec=frontcover#v=onepage&q&f=false (14.07.2025).
  7. Ein altes kurländisches Pastorat, Erinnerungen aufgezeichnet von L. Harmsen, geb. Büttner, zweite durchgesehenen und erweiterte Auflage, Mit 6 Abbildungen, Verlag von Franz Kluge, Reval 1913.
  8. Schrenck, Erich von: Baltische Kirchengeschichte der Neuzeit, Abhandlungen der Herder-Gesellschaft u. des Herder-Instituts zu Riga, Fünfter Band Nr. 4, Riga 1933.
  9. Vgl. Laimdota Sēle, https://lv.wikipedia.org/wiki/Laimdota_S%C4%93le (21.05.2025).
  10. Sēle, Laimdota: Zlēkas. Laiki un likteņi, Ventspils nov., Zlēku attīstības fonds, 2015.
  11. z.B.: Archiv Rundale_Fest zur Zeit der ersten Unabhängigkeit_RPM 5371.
  12. z.B.: Quellen lettischer Denkmalpflege 1949_Zlēku muiža_Aquarell der Ruine_ KM_w-07, in: Archiv Rundale oder: Quellen lettischer Denkmalpflege_Zeichnung Tür 2_vkpai_uzm_0000_374-2, in: Archiv Rundale.
  13. z.B.: Quellen lettischer Denkmalpflege_Schleck_Inventar_1820_ vermtl. Abschrift_LNA LVVA 412-2-836(2) , in: Archiv Rundale.
  14. Karte von Kurland angefertiget und mit Allerhöchster Genehmigung herausgegeben von dem Kurl. Gouvernements Revisor und Ritter C. Neumann, publiziert in Mitau (Jelgava, Latvia) 1833 vom Verlag von G.A. Reyher und lithographiert von B. Herder in Freiburg im Breisgau, Deutschland. Link: https://www.raremaps.com/gallery/detail/90034/latvia-karte-von-kurland-angefertiget-und-mit-allerhoc-neumann-herder#:~:text=Karte%20von%20Kurland%20stands%20as%20an%20important,broader%20administrative%20context%20within%20the%20Russian%20Empire. (30.04.2025)
  15. Behr/Senning 1979, S. 109.