03. Geschichte der Anlage vor dem 18. Jahrhundert

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Nahe des heutigen Zlēku muiža, in einer Schleife des Flusses Venta/Windau liegt Zlēku Pabērzkalns.[1] Dies ist der Standort und die archäologische Untersuchungsstelle einer womöglich bronzezeitlichen Burg.[2] Im „Baltischen Historisch-Geographischen Kalender 1913“ wird der „Pawenta-Burgberg“[3] als zum Gut zugehörig benannt (Abb. 19).

In alten Urkunden lautet der Name des Gutes: Schlehk-Lamikʼ.[4]

Als Ulrich v. Behr (1532-1585), seit 1556 Koadjutor (lateinisch: Mitgehilfe; ein ernannter Bischof, der dem amtierenden Bischof zur Seite gestellt wird und das Recht der Nachfolge inne hat[5]) des Bischofs von Kurland, 1561 die Burg Edwahlen/Ēdole erhält, beginnt der Ausbau des Besitzes der Familie v. Behr in Kurland. Zu Edwahlen kommen die Güter Schleck/Zlēkas, Popen/Pope, Ugahlen/Ugāle und weitere wie Virginalen/Wirginahlen/Vērgale und Groß-Iwanden/Liel-Īvande hinzu und der Besitz umfasst 1920 125 179 ha (sechs Hauptgüter mit mehreren Beigütern und Wirtschaftshöfen)[6]. Außerdem wird Ulrich v. Behr im sechzehnten Jahrhundert mit Ämtern in Hasenpoth/Aizpute und Zierau/Cīrava bedacht.[7] Die Güter gehörten zum Landbesitz des Familienfideikommisses der Barone v. Behr im Windauschen Kreis in Kurland, auch die „Behrsche Ecke“[8] genannt.[9] Edwahlen wurde zum Hauptsitz der Familie v. Behr und zum Mittelpunkt der ökonomischen, kulturellen und intellektuellen Interessen.[10]

Schleck ist mittelalterlichen Ursprungs[11]. Wohl bereits um 1500 ist das Gut ein größerer Wirtschaftshof[12]. Pirang beschreibt Schleck bis 1561 als ein Gut des Kurländischen Domkapitels[13]. Danach ist es v. Behrscher Besitz, wird jedoch 1623 vom Hauptsitz der Familie v. Behr, Edwahlen, getrennt[14]. Friedrich v. Behr (1584-1648) gilt als erster selbstständiger Besitzer Schlecks. Über seinen Neffen Ulrich a.d.H. Edwahlen wird das Gut an Johann Dietrich (1638-1692) vererbt. Dieser genoss eine sorgfältige Erziehung und reiste während der Regierungszeit des aufgeschlossenen, umtriebigen und in Wirtschaftsfragen sehr versierten Herzogs von Kurland Jakob Kettler (1610-1681) mehrmals nach Skandinavien, wohin jener – besonders nach Norwegen – Beziehungen pflegte[15]. Durch Johann Dietrichs Heirat mit Katharina Berg v. Ösel wird u.a. das Gut Kabillen zum Besitz hinzu gewonnen. Johann Dietrich gilt als Bauherr des „Alten Hauses“[16] (Abb. 20), der ersten Kapelle Schlecks und erster Gutsgebäude. Seinen großen, gut bestellten Besitz hinterlässt er seinem Sohn Ulrich v. Behr (1669-1749), der durch eigene Hauslehrer ausgebildet worden war und ebenso wie sein Vater Studien und Reisen ins Ausland unternommen hatte. Ihm gelingt erneut eine erhebliche Mehrung des Besitzes.[17]

Architekturhistorisch ist zu unterstreichen, dass vor dem Bau des barocken Herrenhauses, im frühen 18. Jahrhundert, in Schleck während des 16. und 17. Jahrhunderts eine umfängliche Gutsanlage mit einem Herrenhaus (Abb. 20, 21) existierte, welche die natürliche Lage des Geländes an einem Teich ausnutzte und zusätzlich durch einen Wassergraben geschützt wurde. Dieses ältere Gut lag nahe der Landstraße zwischen den kurländischen Städten Goldingen und Pilten (ehemalige Residenz der Bischöfe von Kurland) sowie Windau an der Ostsee. Mit etwas Abstand zum Gut wird die zwischen 1643 und 1652 erbaute und reich ausgestattete Kirche errichtet[18]. Etwa zeitgleich wurde der Kornspeicher des Gutes, die Kleete (Abb. 22), gebaut und durch ein giebelbekröntes Portal geschmückt.[19]

Das alte Herrenhaus („Altes Haus“) am Rand des Hofteiches wird 1774 durch Ulrich George v. Behr (1745-1813) umgebaut. Es war zweigeschossig, siebenachsig, hatte ein hohes Krüppelwalmdach, fünf Dachgauben und zwei Schornsteinen (Abb. 20). Gewölbte Seitenrändervoluten geben nach Lancmanis Aufschluss über die Bauzeit des Hauses.[20]

Der Endbericht „Projekt Herrenhaus des Ostseeraums Greifswald“, verfasst von GeoSphere Austria 2025, benennt mittels Geoprospektion (Abb. 13) nachgewiesene Gebäudereste im Bereich des rechteckigen Haupthofes des Gutes Schleck/Zlēkas aus dem 18. Jahrhundert. Deutlich ist dabei in der Visualisierung im östlichen Teil des Hofes ein circa 11m x 36m großes Gebäude zu erkennen, dessen Innenraum dreigeteilt ist. Es liegt rechtwinklig zum ehemaligen Stallgebäude (laut Lageplan von 1928 Abb. 14, 14a) und ebenso in der optischen Verlängerung der heutigen Ruine der Kutschwagenremise (1928, Abb. 14a). Mit dem Nachweis dieses Gebäudes am Ufer des Hofteiches kann die ehemalige Existenz einer Drei- oder Vierflügelanlage frühestens im 17. Jahrhundert als plausibel erachtet werden. Ein ähnlich großes Gebäude (10m x 34m) soll auch der Front des Herrenhauses aus dem 18. Jahrhundert vorgelagert gewesen sein. Vielleicht handelt es sich hierbei um eine Baracke, wie sie auf einem Foto aus dem Jahr 1982 zu erkennen ist und wohl während der Zeit, in der Lettland zur Sowjetunion gehörte, Bestand gehabt hatte (Abb. 24)[21].

Abb. 19 „Windauufer bei Pawente“, in: Harmsen 1913, zwischen den Seiten 34 und 35.
Abb. 20 Quellen lettischer Denkmalpflege, altes Herrenhaus, südl. Tor, Zlēku muiža _ārskati_w-14, in: Archiv Rundale.
Abb. 21 Quellen lettischer Denkmalpflege 1949, Situationsplan des Gutes, Zlēku muiža_KM_w-04, in: Archiv Rundale.
Abb. 22 Quellen lettischer Denkmalpflege, Kavaliersbau, nördl. Zufahrt, Zlēku muiža_ārskati_w-15, in: Archiv Rundale.
Abb. 13 Zleku Muiza, GPR - Tiefenbereich 050-100 cm, 2023 ©GeoSphere Austria.
Abb. 24 Kavalierhaus und nördliche Toreinfahrt, Zlēku_m RPM_neg_22249_eka_nr_4_1982, in: Archiv Rundale.
Abb. 14 Schleck, Hoflage 1928, Behr/Senning 1979, S. 97.
Abb. 14 a Schleck, Hoflage 1928, Benennungen Gebäude, Behr/Senning 1979, S. 97.

Betrachtet man darüber hinaus die vielen händisch bei der Messkampagne des „Herrenhauszentrums des Ostseeraums“ 2023 aufgenommenen Fotos der Ruine des Herrenhauses Schleck/Zlēkas, fällt eine Baufuge (Abb. 15) in der ehemaligen Gartenfassade ins Auge. Hier folgt auf einen wohl älteren Mischverband aus Feld- und Ziegelsteinen im Zentrum des Hauses reines Ziegelmauerwerk nach Süden, sodass sich vermuten lässt, es handele sich hierbei um einen Anbau (Abb. 66). Bei Betrachtung der ehemaligen Hoffassade bzw. der inneren Gebäudestruktur des Herrenhauses (Abb. 16-17) ist auszumachen, dass der ältere Mauerwerksverband womöglich in Teilen zwei Stockwerke hoch war und vermutlich im Gebäude des Herrenhauses aus dem 18. Jahrhundert ein älteres Gebäude aufgegangen sein könnte (Abb. 18).

Abb. 15 Ruine Zlēkas, Herrenhaus, Gartenfassade, Baufunge, Foto: Vienna Institute for Archaeological Science 2023.
Abb. 66 Archiv Rundale, Ruine Zlēkas, Ziegelmauerwerk des Südflügels, Zleku_m_RPM_neg_22233_eka_nr1_1982, in: Archiv Rundale.
Abb. 18 Zlēkas, Bauabfolge, These Gawlik 2025.
Abb. 16 Ruine Zlēkas, Herrenhaus, Hoffront, Materialität, Foto: Vienna Institute for Archaeological Science 2023.
Abb. 17 Ruine Zlēkas, Herrenhaus, Hoffront, Treppenbereich, Materialität, Foto: Vienna Institute for Archaeological Science 2023.
  1. Vgl. Zlēkas, Zlēkas parish, Bezirk Ventspils, Lettland: https://earth.google.com/web/search/Zl%c4%93kas,+Zl%c4%93kas+parish,+Bezirk+Ventspils,+Lettland/@57.11534019,21.8162898,12.12425415a,163.05172289d,35y,0h,0t,0r/data=CmoaPBI2CiUweDQ2ZjAyYjQ4MTIyMWI0NWY6MHgzOTUwZjBiMzM2ODMwZTViKg1abMSTa3UgbXVpxb5hGAEgASImCiQJrsHCR3P-SkAReZFBzvn5SkAZGq3g6v4JJUAhMvBst7rHJEBCAggBQgIIAEoNCP___________wEQAA (10.04.2025).
  2. Siehe: Zlēku Pabērzkalns: https://www.latvijas-pilskalni.lv/zleku-paberzkalns/ (25.04.2025).
  3. Baltischer Historisch-Geographischer Kalender 1913.
  4. Vgl. Bielenstein 1892, S. 200.
  5. Vgl. Koadjutor: https://www.katholisch.de/lexikon/1151-koadjutor (06.05.2025).
  6. Vgl. Spārītis 2015a, S. 29. Spārītis 2015b, S. 20. Im Baltischen Historisch-Geographischen Kalender 1913 ist eine Größe des Majorats von 252 Quadratwerst benannt. Bei dieser Einheit scheint es sich um eine russisches Flächenmaß zu handeln.
  7. Vgl. Lancmanis 2009, S. 21-22. Spārītis 2015a, S. 28.
  8. Pirang 1926, S. 38.
  9. Vgl. Pirang 1926, S. 38.
  10. Vgl. Spārītis 2015a, S. 29.
  11. Vgl. Pirang 1926, S. 38.
  12. Vgl. Pirang 1926, S. 38.
  13. Vgl. Pirang 1926, S. 82.
  14. Vgl. Spārītis 2015a, S. 30.
  15. Vgl. Angermann/Brüggemannn 2018, S. 138-141.
  16. Behr/Senning 1979, S. 109.
  17. Vgl. Behr/Senning 1979, S. 93, 109.
  18. Vgl. Lancmanis 2009, S. 26-27.
  19. Vgl. Lancmanis 2009, S. 24-25.
  20. Vgl. Lancmanis 2009, S. 30 und Abb. 20.
  21. Vgl. Archiv Rundale_Kavaliershaus und nördliche Toreinfahrt_Zleku m RPM neg 22249 eka nr 4 1982.