04. Überblick zur Gesamtanlage
- 01. Einführung
- 02. Forschungsstand
- 03. Geschichte der Anlage vor dem 18. Jahrhundert
- 04. Überblick zur Gesamtanlage
- 05. Wirtschaftlicher Kontext
- 06. Besitzverhältnisse im 18. Jahrhundert
- 07. Herrenhaus: Baugeschichte und Architektur
- 08. Innenräume im 18. Jahrhundert
- 09. Garten und Park im 18. Jahrhundert
- 10. Wirtschaftsanlagen
- 11. Kirche und Dorfstrukturen
- 12. Geschichte der Anlage nach dem 18. Jahrhundert
- 13. Quellen- und Literaturverzeichnis
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Die „Karte von Kurland angefertiget und mit Allerhöchter Genehmigung herausgegeben von dem Kurl. Gouvernements Revisor und Ritter C. Neumann“ von 1833 – bereits zu russischer Zeit Kurlands – zeigt Schleck als privates Gut oder privaten Hof in der „Goldingensche[n] Oberhauptmannschaft“ sowie in der „Windausche[n] Hauptmannschaft“ liegend. Außerdem ist es Teil des „Piltensche[n] Kirchspiel[s]“. Die Stadt Pilten ist über den ebenfalls privaten Hof Laxdinen an der Windau per „Communicationsweg“ zu erreichen. Schleck verfügt über eine Kirche sowie ein Pastorat und ist umgeben von den „Beihöfen“ Palgen, Abaushof und Altabbaushof, die vermutlich zur Herrschaft dazu gehörten. In Floss an der Windau gibt es einen Krug. Schleck liegt in der offenen und wohl landwirtschaftlich genutzten Ebene des Flusses und ist umgeben von ausgedehnten Mischwäldern[1]. Die „Piltensche Forstei“ liegt jenseits der Windau. Die privaten Höfe Laxdinen, Ledicken, Nabben und Mangen bilden die unmittelbare Nachbarschaft, ebenso das „Kronsgut“ Tigwen. Ulrich von Schlippenbach, ein kurländischer Nachbar und musisch begabter Autor der Romantik beschreibt in seinem 1809 veröffentlichten Buch „Malerische Wanderungen durch Kurland“ die Landschaft um das Gut Schleck: „Es giebt von Edwahlen nach Pilten zwey Wege; ich wählte indessen den entfernteren über Schleck (…). Der Weg (…) ist an sich selbst im Ganzen nicht so gut, als er durch abwechselnde Aussichten und schöne Gegenden angenehm wird. Über eine Menge kleiner Hügel, von deren Spitzen aus immer eine neue schöne Aussicht hervortritt, und in der Ferne, an mehreren Stellen, die Krümmungen des malerischen Windaustroms, von Bauergesinden und fruchtbaren Wiesen und Feldern umgeben, erblickt werden, fährt man bis auf eine halbe Meile vor Schleck. Hier verliert sich alsdann der Weg in einem tiefen Fichtenwald, der beynahe bis zur Fähre fortreicht, die umweit dem Hofe Schleck über die Windau führt. In schwarzen Gewändern, fast nach griechischem Schnitt, standen hier einige [kurländische] Bauermädchen, die über den Strom wollten, und (…) ihre Nationallieder sangen.“[2] Deutlich wird hier das unmittelbare Neben- und Miteinander der deutschbaltischen Herrschaftsschicht, aus der der Autor selbst stammt, und der kurländischen/baltischen Untergebenen dargestellt. |
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Auch L. Harmsen/Lizete Harmsena (Abb. 25) beschreibt die unmittelbar an das Gut anschließende Landschaft, wie sie sie als Kind vor der Mitte des 19. Jahrhunderts vor sich sah. „Etwa eine Meile nordwärts vom Pastorat [Harmsens Elternhaus] liegt der Kochsche See[3], ein Waldidyll, wo der Mühlenbach entspringt, und liebliche Täler, eichenumkränzte Höhen und Schluchten bildend, nach Süden zur Mahl- und weiter zur Sägemühle eilt. An der auf hohem Ufer, damals inmitten alter Eichen (Abb. 59) liegenden Forstei (Forsthaus) (…) vorüber, wendet er sich plötzlich nach Westen, durcheilt nun blühende Wiesen, fruchtbare Felder, die zu den auf der Höhe des nördlichen Ufers liegenden Behausungen des Kester-Gesindes[4] des Pastorates und Hofes Schleck gehören. Hier beim Hofe erst geht sein Lauf durch ein breites, saftig grünes Tal „See“ genannt, ehe er sich etwa eine Werst weiter in die Windau ergießt. Dieses Tal, früher als wirklicher See bekannt, füllt sich jetzt nur im Herbst und Frühling mit Wasser, wo es dann freilich manchmal den nahen Hof Schleck fast zur Insel macht.“[5] Die barocke Neugestaltung des Gutes und des Herrenhauses Schleck wird zwischen 1710 und 1717 realisiert.[6] Michael Gallmeister fotografierte die Ruine Schleck umfangreich und gibt diese Fotos im 2023 online erschienenen Artikel „Glanz der adeligen Vergangenheit und die herrliche Schlossruine Schleck (heutiges Zlēkas) in Kurland“ wieder.[7] Unter den Abbildungen befinden sich auch Fotos der vor Ort angebrachten Erklärungstafeln und Reproduktionen historischer Fotos. Eine Abbildung ist der Lageplan aller Gutsgebäude von 1928 (Abb. 14, 14a). Dieser Plan wird als Zustandsbeschreibung des enteigneten Gutes gezeichnet. Sein Autor ist unbekannt.[8] In den Erläuterungen mit 32 Positionen werden die alten deutschen Bezeichnungen aus herrschaftlicher Zeit genannt (Abb. 14a). Demnach stellt sich die historisch gewachsene Siedlungs- und Nutzungsstruktur des Gutes folgendermaßen dar: an der Stirnseite des rechteckigen[9] Haupthofes liegt das als Schloss bezeichnete Herrenhaus, in gleicher Achse links das Theater und rechts das Küchenhaus. Im rechten Winkel zum Herrenhaus liegen links – an den Theaterbau anschließend – die Bibliothek und das alte Herrenhaus (nach Süden exponiert). Daran anschließend – am Hofteich – die Kutschwagenremise. Bibliothek und altem Herrenhaus gegenüber, auf der rechten Seite des Haupthofes (nach Norden exponiert), befinden sich das Kavalierhaus (Abb. 27, 28, 29), der Kutschpferdestall und die Reithalle. Hinter dem Herrenhaus mit Freitreppe (nach Westen exponiert), ist eine rechteckige Gartenfläche eingezeichnet, die auf zwei Seiten von Alleen eingefasst wird und auf der dritten Seite in einen offenbar regelmäßig bepflanzten (Obst-?) Hain übergeht. In diesem steht das Gärtnerhaus. Der Hauptfassade des Herrenhauses gegenüber (im Osten) liegt der Hofteich (Abb. 30) mit Insel und Badehaus sowie eine parkähnliche Anlage. In zweiter Reihe hinter dem alten Herrenhaus stehen das Verwalterhaus und Ställe, abseits die Schmiede. An der Zufahrt des Gutes von der Überlandstraße Goldingen-Pilten liegen unregelmäßig verteilt weitere Scheunen sowie Kuh-, Pferde- und Schafstall, eine Käserei und eine Darre. Ein großer Nutzgarten mit einem Treibhaus befindet sich scheinbar mitten in der Wirtschaftsfläche des Gutes und grenzt an den Park an. |
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Die ungerichtete Verteilung der meisten Wirtschaftsgebäudes des Gutes Schleck könnte auf sein hohes Alter hinweisen. Auch Pronstorf in Schleswig-Holstein zeigt ein Konglomerat an Wirtschaftsbauten. Betrachtet man den Lageplan von 1928 (Abb. 14, 14a) genauer, fällt auf, dass das alte Herrenhaus und das nahebei stehende Verwalterhaus zu zwei Dritteln von der Wasserfläche des Hofteiches umgeben sind. Dieser Teich liegt am Rande einer Niederung bzw. eines Feuchtwiesengebietes (und wird von diesem gespeist), das zum Fluss Venta weist und mindestens heute von Meliorationsgräben durchzogen ist (Abb. 31). Ein sich schlängelnder Bach entwässert dieses Gebiet in die Venta.[10] Vielleicht gab es hier in alter Zeit sogar einen größeren See, vor dessen Hintergrund und in dessen Schutz das alte Herrenhaus gebaut wurde. Die dem alten Hof zugehörigen Scheunen und womöglich Ställe lagen dann höher gelegen im Bereich der wertvollen landwirtschaftlichen Nutzflächen. Mit dem Bau des barocken, regelmäßigen Haupthofes des Gutes und seinem neuen Herrenhaus im frühen 18. Jahrhundert entsteht eine Achse rechtwinklig zur vermuteten vorbarocken Ausrichtung des Besitzes – bzw. zur erwähnten Drei- oder Vierflügelanlage des 17. Jahrhunderts. Die Fassade des neuen barocken Herrenhauses richtet sich auf die Fläche des Hofteiches. Dieses Haus braucht das Wasser nicht mehr als Schutz. Während des 18. und 19. Jahrhunderts ist das Pastorat ein kulturhistorisch wichtiger Bestandteil des Gutes Schleck. Johann Georg Büttner (1779-1862) (Abb. 32, 35), der auf dem Pastorat als Sohn des aus Wernigerode stammenden Pastors und Piltenschen Superintendenten Johann Georg Büttner (1731-1803),[11] geboren wurde und ebenso dort starb, war nach seiner Ausbildung zum Theologen in Mitau und Halle seit 1803 wieder vor Ort. 1812 übernahm er endgültig die Schlecksche Pfarrstelle und konnte 1853 sein 50 jähriges Dienstjubiläum begehen. Der jüngere Büttner war als Theologe zusätzlich Naturforscher und Landwirt. Er veröffentlichte zahlreiche Aufsätze, Abhandlungen und Bücher in deutscher und lettischer Sprache.[12] L. Harmsen, geb. Büttner/Lizete Harmsena (1835-1914), eine Tochter Johann Georg Büttners, setzt der Arbeit ihres Vaters im 1913 erschienenen Büchlein „Ein altes kurländisches Pastorat. Erinnerungen aufgezeichnet von L. Harmsen, geb. Büttner“ (Abb. 8) ein Denkmal.[13] Sie beschreibt neben der Landschaft und den Gärten ihres Vaters auch das Aussehen des Pfarrhauses. „Es ist lange schon von Erdboden verschwunden, das alte Schlecksche Pastorat (Abb. 33, 33a, 33b), und doch sehe ich es lebhaft um Geist mit den altersgrauen hölzernen Wänden, niedrigen Fenstern, kleinen Scheiben, der bis ans Dach reichenden Haustür, aus dreifachem Eichenholz bestehend; die Außenseiten mit apfelgroßen Nägelköpfen beschlagen, von innen mit zwei schweren Riegeln verschlossen, die ich als Kind nicht bewegen konnte. Vor der Tür (Abb. 34) zwei mächtige Linden (sie zählten schon damals 100 Jahre) und vier Arme möchten den Stamm kaum zu umspannen. In grüne, duftige Dämmerung hüllten sie die Treppe, in die kein Sonnenstrahl drang, auch kein Späherauge, wenn sie belaubt waren. Eine Veranda, die auch den Regen abhält, gab es damals noch nicht, aber rechts unter der Linde am Hause eine Schaukelbank. Öffnen wir die Haustür, so betreten wir den nahezu größten Raum des Hauses – das kalte Vorhaus (Hausflur ohne Ofen). Eine spanische Wand teilt es der Länge nach in zwei Hälften. In der ersten erblicken wir zunächst eine Art Kommode, mit Saaten gefüllt, die der Vater im Frühjahr an die benachbarten Hausfrauen verteilt, unter der sehr ernsten Bedingung, daß die Säckchen (Kullen) wiedergegeben werden. Sie sind ohnehin gezeichnet: „Gestohlen von J. G. Büttner“. (…) Der zweite Raum bildet eine Art Korridor, mit der Tür rechts, zur sogenannten „Anderstub“ (Das andere Ende, das auch aus 4 Zimmern bestand, von denen aber nur das Endenzimmer so warm war, daß man es im Winter als Gastzimmer benutzen konnte.). Links führt eine Tür in das bewohnte Ende. (…) Nun treten wir links in die sogenannte „große Stube“. Ein gelber Kachelofen nimmt wohl den sechsten Teil des Zimmers ein. Der Raum, der ihn von der Wand trennt, ist so groß, daß wir Kinder ihn (…) als Versteck benutzten (…). Die hölzernen Wände haben hier, wie in den andern Zimmern einen weißen Kalkanstrich. Um den einfachen großen Eßtisch stehen solide, mit rotem Want (Der Want = im Hause gewebtes, lodenähnliches Wollzeug.) überzogene Stühle, ebenso das Sofa, das aus einer Art heugefüllter Matratzen und Kissen bestand. (…) Der massive runde Tisch vor dem Sofa ist von schwarzem Eichenholz. Ihn hat Vater selbst aus einem großen Klotz angefertigt, den er aus dem Mühlenbach, unterhalb des Pastorats gezogen. (…) Auf der andern Seite des Zimmers hängt die Karte der Ländereien und Felder des Schleckschen Pastorats, vom Vater selbst vermessen und angefertigt. Zwei wertvolle Möbel enthielt dies einfache Zimmer: eine alte englische Uhr, massiv Mahagoni (das versilberte Zifferblatt hatte einen Sekundenzeiger und wies aus das Datum) – und einen Marmortisch zwischen den Fenstern, auf dem stets eine Karaffe herrlichen Quellwassers stand. (…) Der Marmortisch aber stammte von einer früheren Besitzerin des Gutes, der Präsidentin Behr [Christine Elisabeth v. Sacken a.d.H. Abaushof, Ehefrau von Ulrich v. Behr].“[14]
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