05. Wirtschaftlicher Kontext

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Als Jakob Kettler (1610-1681) Herzog von Kurland war, erlebte dieses eine kulturelle Hochzeit. Jakob Kettler war sehr versiert in Wirtschaftsfragen und gilt bis heute als bedeutendster Herzog Kurlands. Auch in der Lettischen Geschichtsschreibung ist er eine positive Gestalt. Unter seiner Herrschaft wurde Windau an der Mündung des Flusses Windau in die Ostsee ab 1638 zur Hafenstadt ausgebaut. Hier wurden unter der Leitung des Lübecker Meisters Albrecht Petersen auch Schiffe gefertigt. Die herzogliche Flotte exportierte Getreide, Flachs, Hanf und Holz sowie gewerbliche Produkte in westlich gelegene Häfen. 1650 wurde der südnorwegische Hafen Flekkeroe/Flekkerøya bei Kristiansand/hist. Christianssand am Skagerrak als Stützpunkt für die Seefahrt gepachtet. Im landwirtschaftlich geprägten Kurland sind zahlreiche Manufakturbetriebe wie Eisen- und Kupferhämmer, Stückgießereien, Säge-, Papier- und Pulvermühlen, Teebrennereien, Glashütten, Tuchmanufakturen und anderes gegründet worden.[1] Leider gibt die „Karte von Kurland angefertiget und mit Allerhöchter Genehmigung herausgegeben von dem Kurl. Gouvernements Revisor und Ritter C. Neumann“ von 1833 in ihrer „Erklaerung“ bzw. Legende außer Wasser- und Windmühlen keinerlei Signaturen für Manufakturbetriebe wieder. Dementsprechend erscheinen deren Standorte nicht in der Karte. Das Gut Schleck lag jedoch im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts – und womöglich auch mindestens während der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts – in der wohl landwirtschaftlich genutzten Flussebene der Windau, umgeben von ausgedehnten Waldgebieten. Da die Windau/Venta, nahe bei Schleck, auch heute durch die Abau/Abava einen größeren Anteil an Zufluss erhält, könnte sie im 18. Jahrhundert schiffbar oder per Floß zu befahren gewesen sein (Abb. 65). Der Name des Kruges Floss in der historischen Karte, nahe des Hofes Schleck, würde auf einen Flößereibetrieb und eine Holzentnahme in den Wäldern sowie Handel mit diesem Baumaterial durch die v. Behrs hinweisen. Ulrich von Schlippenbach spricht in seinem 1809 veröffentlichten Buch „Malerische Wanderungen durch Kurland“ vom Vorhandensein einer Fähre.[2]Im „Baltischen Historisch-Geographischen Kalender“ von 1913 wird berichtet: „Auf rechtem Ufer der Windau breiten sich die gewaltigen Forste bis zum Usmaitensee [Usmas ezers] hin aus und große Strecken harren noch künftiger Kultivierung.“[3] In derselben Quelle werden als dieses Holz verarbeitende Betriebe eine Wasser- und Sägemühle sowie eine „Holzwollenfabrik“[4] benannt, deren Standorte noch lokalisiert werden müssten.[5] Die Schleckschen Forste sind reich an Elchen, Rehen und Auerhähnen und werden bejagt. An entsprechenden Schneisen im Wald liegen Jagdhütten.[6]

Abb. 65 „Die Windau beim Dobbenkrug“, in: Behr/Senning 1979, S. 98 oben.

Neben der Jagd wurden Fische in künstlich angelegten Teichen gezogen. Johann Georg Büttner (1779-1862, Abb. 32), wie sein Vater Pastor in Schleck, hatte auf den Ländereien des Pastorats zwölf Teiche angelegt, „(…) die zum Teil mit Karpfen, Karauschen, Schleien, auch Hechten und Krebsen besetzt waren. Der Hechtteich hatte einen Wasserfall – unter ihm ein Strauß gelber Iris – und umfloß eine Insel im Garten.“[7] (33, 33a) Auch die Flüsse Abau und Windau, die vor Schleck zusammenfließen, bargen Fisch, ebenso die nahen Binnenseen: „In der Abau wurde ein 20 Pfund schwerer Hecht mit einem doppelten Angelhaken in Mengen gefangen. Frische Neunaugen und Lachse lieferten die Windau, und zwar wurde der Lachs hier schöner geräuchert als in Riga. Rebse [?], Wemgallen [?], Barsche, Brachsen [Brassen] und Stinte gab der Rabbensche[8], sowie Usmaitensche See.“[9]

Abb. 32 „J. G. Büttner Pastor zu Schleck“, Fotografie in Harmsen 1913, s.p.
Abb. 33 Zlēkas, Pastorat, 2023-04-23, google earth.
Abb. 33 a Schleck, Karte Pastorat, google maps.

Da der Usmaitensee [Usmas ezers] in den beiden ältesten historischen Beschreibungen Schlecks benannt wird kann vermutet werden, dass das Land des Gutes Schleck oder der Landbesitz der Familie v. Behr bis an diesen See heranreichte, ihn vielleicht sogar einschloss.

Pirang ordnet Schleck 1926 als „Hofanlage(…) mittelalterlichen Gepräges“[10] im Windauschen Kreis in Kurland ein und zählt dazu auch das benachbarte v. Behrsche Popen. Nach ihm wurde das Herrenhaus/Wohnhaus in Popen um 1620 erbaut. Der Landbesitz Popens umfasste vor 1926 ca. 500 qkm und bestand ebenso aus sehr großen Wäldern mit reichem Wildbestand. [11]Womöglich kam auch aus diesen Wäldern Holz, das nach Windau transportiert, dort verkauft wurde und den Wohlstand der Familie mehrte.

Neben den Einkünften aus dem Holzhandel, der Holzverarbeitung, dem Verkauf von Wild und Fisch aber auch von Waldbienenhonig und Wachs[12] werden besonders Ulrich v. Behr (1669-1749) Renten aus verschiedenen (politischen) Ämtern zur Verfügung gestanden haben. So war er zwischen 1700 und 1703 Piltenscher Obereinnehmer (ranghöchster Beamter einer übergeordneten Finanzbehörde)[13] sowie 1718 bis 1735 Präsident des Piltenschen Landratskollegiums.[14]

Das Klima in Kurland ist kalt und nass. Nur in den Monaten Mai bis September gehen die durchschnittlichen Temperaturen über 15 °C hinaus. Das historische Kurland/ die heutige Region Kurzeme ist die wärmste und zugleich regenreichste Region Lettlands und von der nahen Ostsee beeinflusst.[15] Der Frühlingseinzug, der mit dem Beginn der Apfelblüte gleichgesetzt wird, ist in den küstennahen Gebieten Lettlands zwischen dem 20.5. und dem 30.5..[16] Auf Parabraunerden und Podsoleböden (vergleichbar mit Böden in Estland, Litauen, Nordostpolen, Schleswig-Holstein und Dänemark)[17] werden Kartoffeln, Roggen, Hafer und Gerste als Nutzpflanzen angebaut und in sommergrünen Laub- und Mischwäldern intensive Forstwirtschaft betrieben. In der Ostsee können Dorsche und Heringe gefangen werden.[18] Aufgrund der verkürzten Vegetationsperiode im Vergleich etwa zur südlichen Ostseeküste kann davon ausgegangen werden, dass in Kurland und auf dem Gut Schleck die landwirtschaftlichen Erträge hinter denen aus der Forstwirtschaft zurück blieben.

Der mittelbare Nachbar und ab 1807 Landrat des Piltenschen Kreises Ulrich von Schlippenbach gibt in seinem 1809 erschienenen Buch „Malerische Wanderungen durch Kurland“ in einer Tabelle die Marktpreise eines Teils der landwirtschaftlichen Erzeugnisse seiner Heimatregion wieder. Demnach erzielte ein Loof Roggen 1806 10 Gulden, ein Loof Gerste 6 Gulden, ein Loof Buchweizen 8 Gulden, ein gemästeter Ochse 25 Thaler, ein Schaf 7 Gulden, ein Auerhahn 5 Gulden, ein Birkhuhn 2 Gulden und ein Fuder Holz 2 Gulden.[19] Um die Steigerung des Wertes der kurländischen Güter seit Beginn des 17. Jahrhunderts zu unterstreichen fügt er dieser Auflistung folgenden Satz hinzu: „Zur Probe genug, um den unglaublichen Unterschied zu bemerken, und so sich das Steigen der Landgüter zu erklären.“[20]

  1. Vgl. Angermann/Brüggemannn 2018, S. 138-140.
  2. Vgl. Schlippenbach 1809, S. 155.
  3. Baltischer Historisch-Geographischer Kalender 1913.
  4. Baltischer Historisch-Geographischer Kalender 1913.
  5. Vgl. Baltischer Historisch-Geographischer Kalender 1913.
  6. Vgl. Baltischer Historisch-Geographischer Kalender 1913.
  7. Harmsen 1913, S. 12-13. o. A., „Etwa 700 Jahre lang, haben wir – Letten, Liven und Deutsche in diesem Land gelebt und unsere Spuren hinterlassen.“, 2008, S. 18.
  8. Die Lage dieses Sees ist bei google earth nicht zuzuordnen. Womöglich ist er melioriert worden.
  9. Harmsen 1913, S. 13.
  10. Pirang 1926, S. 38.
  11. Vgl. Pirang 1926, S. 38, 39.
  12. Kiefern, Espen, Eichen, Tannen, Linden, Erlen und andere Waldbäume werden in ganz Nordkurland und so auch in Schleck/Schlehk ausgehöhlt, um darin Waldbienenstämme zu halten. Vgl. Bielenstein 1896, S. 5.
  13. Vgl. Obereinnehmer: https://drw.hadw-bw.de/drw-cgi/zeige?index=lemmata&term=obereinnehmer (06.05. 2025).
  14. Vgl. Behr/Senning 1979, S. 111-112. Lancmanis 2009, S. 24.
  15. Vgl. Klima Lettland: https://www.laenderdaten.info/Europa/Lettland/Klima.php (13.06.2025).
  16. Vgl. Karte „Frühlingseinzug“, in: Diercke Weltatlas 1992, S. 117.
  17. Vgl. Karte „Bodentypen“, in: Diercke Weltatlas 1992, S. 119 oben.
  18. Vgl. Karte „Landwirtschaft“, in: Diercke Weltatlas 1992, S. 118-119.
  19. Vgl. Schlippenbach 1809, S. 284.
  20. Schlippenbach 1809, S. 285.