06. Besitzverhältnisse im 18. Jahrhundert

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Der Bauherr des barocken Herrenhauses und der rechteckigen zentralen Gutsanlage Schlecks, Ulrich v. Behr (1669-1749), studierte an der Universität in Wilna/Vilnius (Polen-Litauen). Dort wird er dem polnischen König Johann III. Sobiesky (Regierungszeit 1674-1696) vorgestellt und von diesem zum königlichen Kammerherrn ernannt. Eine große Auslandsreise führt ihn ab 1690 zunächst in die reiche und architektonisch prächtige Hansestadt Danzig sowie an mehrere deutsche Höfe, anschließend in die spanischen Niederlande. Er tritt in holländische Kriegsdienste und kämpft in mehreren Schlachten erfolgreich. 1693 wird er dem englischen König Wilhelm III. von Oranien (1650-1702) vorgestellt. Nach dem Tod seines Vaters 1693 kehrt er 1694 aus Westeuropa nach Kurland zurück und übernimmt die Verwaltung des großen Besitzes. 1699 ist er einer von zwei polnischen Kammerherren, die dem Polnischen König (Regierungszeit 1697-1733) und Kurfürst von Sachsen August I. die Glückwünsche der Piltenschen Ritterschaft zur Thronbesteigung überbringen.[1]

1700 und 1703 ist der weltgewandte aber auch der Familie verpflichtete Ulrich v. Behr Piltenscher Obereinnehmer (ranghöchster Beamter einer übergeordneten Finanzbehörde)[2] und 1718 bis 1735 Präsident des Piltenschen Landratskollegiums. Pilten, als Kleinstaat innerhalb des Herzogtums Kurland-Semgallen, wird 1717 durch Beschluss des polnischen Sejms unmittelbar Polen zugeordnet. Die adligen Eigentümer der Güter in Pilten wählen sieben Landräte.[3] Der Kreis Piltene war bis 1795 als Teil der Woiwodschaft Livland unter direkter Herrschaft Polen-Litauens.[4]

Pläne zum Neubau des Herrenhauses und zur weiteren Ausgestaltung des Zentrums der Gutsanlage werden nach der Vermählung Ulrich v. Behrs mit Christine Elisabeth v. Sacken a.d.H. Abaushof (ein Nachbargut und späteres Beigut von Schleck)[5] konkreter. Nach Aussagen seiner Nachkommen könnte ein ostpreußischer Baumeister Gestalt gebend gewesen sein.[6] Da er viele Ämter inne hat, ist Ulrich v. Behrs Reisetätigkeit auch in späteren Lebensjahren hoch und so sind ihm sowohl der königliche Hof in Warschau als auch der Sitz Herzog Ferdinands von Kurland in Danzig bekannt. Mit den Grafen von Dönhoff in Ostpreußen ist er eng verwandt.[7] Ulrich v. Behr legt zusätzlich zum Neubau seines Hauses in Schleck einen ersten Garten an und vergrößert den Bestand der Bibliothek durch Zukäufe in Warschau.[8]

Nach dem Tode Ulrich v. Behrs 1749 und seiner Beisetzung in der Präsidentengruft der Kirche zu Schleck[9] erbt der vierjährige Enkel Ulrich Georg(e) v. Behr (1745-1813) Gut und Besitz.[10] Ulrich Georg(e) ist ab 1774 mit Benigna Amalie Luise v. Behr (1758-1813) geb. v. Nolde verheiratet. Das Ehepaar hat drei Ziehtöchter. Ulrich George ist als kunstsinnig beschrieben worden.[11] In der Zeit seines Besitzes von Schleck wird dieses mehrfach umgebaut und das Interieur modernisiert. „Es entstanden die Elemente des leichten Rokokostils, ähnlich denen, die heute noch in der Stuckatur der Decken des Herrenhauses in Kabillen/Kabiles erhalten geblieben sind.“[12] - kann Lancmanis als ausgewiesener Kenner der Baudenkmäler Lettlands vergleichend feststellen (Abb. 36-38). Erneuert werden damals auch die Türfüllungen und die Türschlösser.[13] Ulrich Georg(e) wird als kränkelnder Mann beschrieben, dem es Mühe bereitet, seinen Besitz zu bewirtschaften. Er überlässt diese Arbeit in großen Teilen Administratoren bzw. Verwaltern und verpachtet Land.[14]

Ulrich Georg(e) v. Behr war musisch begabt und so gab es auf Schleck eine Theatergruppe.[15] Auch liebte er die Musik und bestellte 1784 bei Johann Sebastian Bachs Sohn Friedemann Bach (1710-1784) zwei Klavierphantasien.[16] Ulrich von Schlippenbach beschreibt Ulrich Georg(e) v. Behr und seine Frau Benigna Amalie Luise v. Behr als herausragende Persönlichkeiten ihrer Zeit: „Daßs ich, indem ich von Naturschönheiten meines Vaterlandes spreche, zwey Herzen hier nicht unbemerkt lasse, die gewißs in jedem Lande eine hohe seltene Naturschönheit wären, wird dem Leser hoffentlich nicht mißsfallen. Ich meine den edlen Erbbesitzer dieser Güter und seine Gemahlin, wie jeder Kurländer (wer kennt sie nicht?) schon errathen wird. Aber auch dem Fremden möge, statt alles so sehr verdienten Lobes, mit dem ich die Bescheidenheit, die sich ebenfalls in den Kranz der Tugenden dieser Redlichen windet, zu verletzen fürchten müßste, die Versicherung gnügen, die jeder meiner Landsleute bestätigen wird, daßs, ohne Ausnahme, dießs edle Paar von allen, die es kennen, geliebt wird, und gewißs nicht einen Feind zählt. Der Leser wird mit mir übereinstimmen, daßs die Bewirkung eines solchen Wunders nur der wahren und bescheidenen Tugend möglich werden kann.“[17]

  1. Vgl. Behr/Senning 1979, S. 109-111.
  2. Vgl. Obereinnehmer: https://drw.hadw-bw.de/drw-cgi/zeige?index=lemmata&term=obereinnehmer (06.05. 2025).
  3. Vgl. Behr/Senning 1979, S. 111-112. Lancmanis 2009, S. 24.
  4. Vgl. Piltene https://de.wikipedia.org/wiki/Piltene (30.04.2025).
  5. Vgl. Behr/Senning 1979, S. 111. Anekdotisches über die Liebesbeziehung zwischen Ulrich und Christine gibt Sēle 2015, S. 61-62 wieder.
  6. Vgl. Behr/Senning 1979, S. 93. Ulrich Baron von Behr-Edwahlen nennt 1979 die Namen Jean de Bodt und John von Collas. Siehe auch: ebd. S. 112.
  7. Vgl. Behr/Senning 1979, S. 93.
  8. Vgl. Behr/Senning 1979, S. 113.
  9. Vgl. Behr/Senning 1979, S. 113.
  10. Vgl. Lancmanis 2009, S. 28.
  11. Vgl. Lancmanis 2009, S. 29. Behr/Senning 1979, S. 113-114.
  12. Lancmanis 2009, S. 29.
  13. Vgl. Lancmanis 2009, S. 29.
  14. Vgl. Behr/Senning 1979, S. 114.
  15. Vgl. Lancmanis 2009, S. 30.
  16. Vgl. Lancmanis 2009, S. 30.
  17. Schlippenbach 1809, S. 158-159.
Abb. 36 Kabiles/Kabillen, Stuckbeispiel 1, Foto: Thomas Wilke 2022.
Abb. 37 Kabiles/Kabillen, Stuckbeispiel 2, Foto: Thomas Wilke 2022.
Abb. 38 Kabiles/Kabillen, Stuckbeispiel 3, Foto: Thomas Wilke 2022.