07. Herrenhaus: Baugeschichte und Architektur

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Das Herrenhaus Schleck in der historischen Landschaft Kurland (Abb. 1) des heutigen Lettlands wird durch Ulrich v. Behr (1669-1749) zwischen 1710 und 1717 erbaut – sein Innenausbau könnte sich noch bis in die 1730er Jahre erstreckt haben.[1] Heute sind Herrenhaus und Gut eine Ruine (Abb. 11, 2). Nach Aussagen des lettischen Kunst- und Bauhistorikers Imants Lancmanis „lebt [Schleck jedoch] immer noch weiter als ein Begriff, als ein großer und gewichtiger Meilenstein in der Geschichte der kurländischen Architektur.“[2]

Abb. 1 „Schleck (Kurl.) Hauptansicht“, in: Pirang 1926, Taf. 26 oben.
Abb. 11 Quellen lettischer Denkmalpflege 1949, Aquarell der Ruine, Zlēku muiža_KM_w-07, in: Archiv Rundale.
Abb. 2 Ruine Zlēkas, Blick auf die nicht mehr vorhandene Hoffront, Foto: Vienna Institute for Archaeological Science 2023.

Der im frühen 18. Jahrhundert in Teilen neu gebaute rechteckige zentrale Gutshof besaß zwei Hofportale, die in nahezu nord-südlicher Achse (Abb. 14, 14a) lagen.[3] Im rechten Winkel dazu erstreckte sich die ost-westliche Achse vom Hofteich (Abb. 30) über das barocke Herrenhaus zum Repräsentationsgarten. Während das Herrenhaus circa 70 m lang war, betrug die Gesamtlänge der Flügelbauten auf der Nordseite des Gutshofes 120 m und auf der Südseite 85 m.[4]

Abb. 14 a Schleck, Hoflage 1928, Benennungen Gebäude, Behr/Senning 1979, S. 97.
Abb. 30 Schleck (Kurl.), Parkseite, in:  Pirang 1926, Taf. 25 oben.
Abb. 14 Schleck, Hoflage 1928, Behr/Senning 1979, S. 97.

Das barocke Herrenhaus Schleck war außen puristisch gestaltet, zweigeschossig, 13 achsig und mit einem hohen Walmdach (und vier Schornsteinen) versehen. Ein nur leicht vorspringender dreiachsiger Risalit mit Dreiecksgiebel und Rundfenster betonte die in hellen Farben (zur Zeit des Barock rosa und weiß)[5] getünchte, nüchterne Fassade. Durch das Vorhandensein eines Sockelgeschosses mit den Kellerräumen konnte der Haupteingang zum Herrenhaus durch drei rundbogenförmige Portale mittels einer zweiläufigen, zweigeteilten Freitreppe mit kunstvoll gestaltetem schmiedeeisernen Geländer betont werden (Abb. 42, 43).[6] Nach Lancmanisʼ Einschätzung gilt ein heute erhaltenes Fragment des Treppengeländers als das „prächtigste des Barockzeitalters“[7] in Lettland.[8] Einem Weinstock ähnliche Ranken fassten das Wappen der Familie v. Behr ein und betonten die Treppenplattform des Haupteingangs des Herrenhauses (Abb. 44).[9] Die beiden Treppenläufe wurden von einem Geländer mit stilisierten Akanthusblättern begrenzt.[10]

Abb. 42 Quellen lettischer Denkmalpflege, Hofportal, Geländer, gesamt, Zlēku muiža_arskati_w-19, in: Archiv Rundale.
Abb. 43 Quellen lettischer Denkmalpflege, Blick über den Hof, Zlēku muiža_ārskati_w-20, in: Archiv Rundale.
Abb. 44 Quellen lettischer Denmalpflege, Hofportal, Treppendetail, Zlēku muiža _ārskati_w-03, Archiv Rundale.

Dem ebenfalls leicht vorspringenden Risalit der Gartenfassade des Herrenhauses waren zwei geschwungene Treppen vorgelagert, die von einem Austritt mit Balustrade auf die Ebene des Gartens hinab führten. Der Austritt war dem Gartensaal vorangestellt (Abb. 3, 45, 46). [11]

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Abb. 3 Ruine Zlēkas, Gartenfassade Abgang zum Garten 2, Foto: Vienna Institute for Archaeological Science 2023.
Abb. 45 Ruine Zlekas, Gartenfassade, Abgang zum Garten, Foto: Vienna Institute for Archaeological Science 2023.
Abb. 46 Ruine Zlekas, Abgang zum Gartenparterre, Foto: Vienna Institute for Archaeological Science 2023.

Der Verbindungstrakt (Abb. 47, 48, 49) zwischen dem Herrenhaus und dem Kavalierhaus enthielt einen Gang, um Gästen bei schlechtem Wetter unbeschadet Zugang zum Haupthaus zu gewähren. Eine gleichfalls dort befindliche Küche und eine Anrichte versorgten beide Häuser.[12]

Abb. 47 „Schleck – Gesamtansicht“, in: Behr/Senning 1979, S. 100.
Abb. 48 „Schleck – Schloß mit Küchenflügel“, in: Behr/Senning 1979, S. 104 unten.
Abb. 49 Quellen lettischer Denkmalpflege 1949, Foto der Ruine, Zlēku muiža_KM_w-08, in: Archiv Rundale.

Der Argumentation Lancmanisʼ, nach der das Herrenhaus Schleck mit seinen Maßen und in seinen Proportionen dem Stadtschloss in Mitau/Jelgava ähnlich sei, kann an dieser Stelle nicht gefolgt werden. Jenes, so Lancmanis, war in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts für Herzog Friedrich Kasimir (Kettler, 1650-1698) erbaut und um 1720 für die Herzoginwitwe Anna Iwannowna (1693-1740) umgebaut worden.[13]

Die heutige Ruine des Herrenhauses Schleck/Zlēkas zeigt mehr von der ehemaligen Gartenfront, als von der nahezu nicht mehr vorhandenen Hoffront. Die Seitenwände ragen zum Teil noch zweigeschossig in die Höhe, das Innere der Ruine ist von Ziegelschutt bedeckt. Da der Putz größtenteils verschwunden ist, kann die Mauerstruktur der Ruine studiert werden (Abb. 2, 3, 45, 51, 52).

Abb. 51 Ruine Zlēkas, Gartenfassade von Norden, Foto: Vienna Institute for Archaeological Science 2023.
Abb. 52 Ruine Zlēkas, Nordfassade, Foto: Vienna Institute for Archaeological Science 2023.

Das zu Schleck benachbart liegende und mit diesem vergleichbare Herrenhaus Popen/Pope, welches heute noch existiert und dessen Hofanlage ebenfalls nachvollziehbar bleibt, wurde laut Pirang um 1620 erbaut und später um zwei Verlängerungsflügel erweitert. An den jeweils angrenzenden Seiten des rechteckigen Hofes lagen Wohngebäude für Gutsangestellte; in der Mittelrisalitachse die Einfahrt. Der von Pirang als nüchtern beschriebene Bau muss noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine reiche und sehenswerte Ausstattungaus älterer Zeit[14] besessen haben. Elchgeweihe hingen in der großen Eingangshalle.[15]

Popen/Pope ist ebenfalls zweigeschossig und 13 achsig, wobei jeweils einmal zwei und einmal drei Fenster zu Gruppen zusammengezogen sind. Ein gleichfalls nur leicht vorspringender dreiachsiger und dreigeschossiger Risalit mit Dreiecksgiebel und Lunettefenster durchbricht das hohe Walmdach (mit wohl gleichfalls vier Schornsteinen). Die Fassade bleibt bis auf einzelne mittels Stuck betonte Fensterstürze ohne plastischen Schmuck. Ein vielleicht nicht bauzeitlicher Portikus mit Balkon zeigt drei Arkaden, die den Zutritt zum Haus gewähren. Dieses Motiv des Rundbogens war mit dem Haupteingang des Herrenhauses Schleck durchaus vergleichbar. Ein Podest unterstreicht den Zugang in Popen/Pope zusätzlich.

  1. Vgl. Lancmanis 2009, S. 21, 25. Spārītis 2015a beschreibt die Bauzeit als zwischen 1709 und 1715 liegend. Vgl. ebd., S. 29.
  2. Lancmanis 2009, S. 22.
  3. Vgl. Behr/Senning 1979, S. 95.
  4. Vgl. Behr/Senning 1979, S. 95. Spārītis 2015a, S. 31.
  5. Vgl. Behr/Senning 1979, S. 96. Später war die Farbgebung weiß mit grauer Rahmengliederung. Vgl. ebd.
  6. Lancmanis übernimmt in seinem Aufsatz die Einschätzungen des Bauhistorikers und Spezialisten für ehemals ostpreußische Herrenhäuser Carl v. Lorck (1892-1975), nachdem das Herrenhaus Schleck mindestens mit dem Herrenhaus Carwinden im ehemaligen Ostpreußen Ähnlichkeiten aufweise. Vgl. Lancmanis 2009, S. 25-26, 28. Auch Spārītis gibt 2015 die Einschätzungen Carl v. Lorcks wieder. Vgl. Spārītis 2015a, S. 31. Zur Baubeschreibung des Herrenhauses vergleiche ebenfalls Behr/Senning 1979, S. 95, Pirang 1926, S. 39 und Spārītis 2015a, S. 31-32.
  7. Lancmanis 2009, S. 28.
  8. Fragmente des Schmiedewerks der Treppe werden im Museum in Windau (muzejs Ventspilī) und im Schlossmuseum Ruhenthal (Rundāles Pils Muzejs) aufbewahrt. Vgl. Lancmanis 2009, S. 28. Die lettische Autorin Laimdota Sēle führt in ihrem 2015 erschienenen, anekdotisch geschriebenen Buch Zlēkas. Laiki un likteņi (Schleck. Zeiten und Schicksale) mehrere Überlieferungen der Entstehungssage des Treppengeländers auf. Ebd. S. 60-61.
  9. Vgl. Lancmanis 2009, S. 28 und Abb. 5.
  10. Vgl. Lancmanis 2009, S. 28.
  11. Vgl. Behr/Senning 1979, S. 95.
  12. Vgl. Behr/Senning 1979, S. 96.
  13. Vgl. Lancmanis 2009, S. 26.
  14. Pirang 1926, S. 39.
  15. Vgl. Pirang 1926, S. 39.
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