08. Innenräume im 18. Jahrhundert

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In einer Rekonstruktion des Grundrisses des ersten Geschosses von Schleck zeichnet Ulrich Baron v. Behr-Edwahlen 1979 die Nutzung der Räume ein (Abb. 53). Demnach betrat man hofseitig die Halle des Herrenhauses, in der auch, wie zum Haupteingang hinauf, eine zweiläufige, vierteilige Treppe ins Obergeschoss führte. Wohl unter der ‚Brücke‘ der Treppe hindurch (vergleiche Plüschow in Mecklenburg) trat man anschließend in den rechteckigen Gartensaal mit drei bodentiefen Fenstern bzw. Türen und von dort hinab in den Garten. Während links der Halle eine dreiteilige Raumfolge an Kabinetten lag, schlossen sich rechts das Herren- und das Speisezimmer an. Zur Gartenseite lagen ein Kabinett, ein Salon, der Gartensaal, ein weiterer Salon und die Anrichte en fillade. Das erste Geschoss Schlecks hatte nach diesem Plan keine Flure.[1]

Interessanterweise findet sich in Quellen lettischer Denkmalpflege eine Zeichnung (Abb. 54) vermutlich von 1949[2], mit Wahrscheinlichkeit bereits von 1928[3], die einen anderen Grundriss des Erdgeschosses des Herrenhauses im Maßstab 1:20 wiedergibt. Laut diesem trat man nach Betreten des Gebäudes zunächst in eine Treppenhalle/“Garderobe“, von der aus eine Treppe ins Obergeschoss führte. War das Portal des Herrenhauses dreigliedrig, war es der Auftritt zur Treppe ebenfalls (spiegelbildlich zum Portal). Unter der Treppe hindurch erreichte man den großen rückwärtigen, nahezu quadratischen Saal, der sich mittels dreier Fenster- bzw. Türöffnungen zum Garten hinwendete. Bemerkenswerterweise ist dieser Zugang zum Saal die einzige Türöffnung in der Treppenhalle! Die links und rechts sich laut Grundriss anschließenden jeweils drei Räume erhalten ihren Zugang über Flure, deren Eingänge an den Schmalseiten des Herrenhauses liegen. Befand man sich im Saal, zeigte sich links und rechts eine insgesamt über sieben Zimmer reichende Enfilade. Rechts des Saals nehmen zwei Räume die gesamte Tiefe des Herrenhauses ein und sind wie jener und die Treppenhalle nicht von einem Flur beschnitten. Als weiterhin interessant zeigt sich die Stärke aller Wände der Treppenhalle und des Saals. Sie gleicht derjenigen der Außenwände des Gebäudes. Demnach müsste es sich um tragende Wände innerhalb des Hauses handeln. Diese vier zuletzt benannten, wohl repräsentativsten Räume des Hauses (Treppenhalle, Saal, zwei Räume rechts des Saals über die gesamte Tiefe des Herrenhauses), besaßen laut Grundriss (der Bauaufnahme) keine Öfen! In den anschließenden, von Fluren erschlossenen Räumen standen hingegen sieben Öfen bzw. evtl. Kamine. Neben der „Garderobe“ enthalten nur zwei Räume eine Nutzungsbezeichnung. Der rechte äußere Raum zum Garten ist mit „SULAIHA ISTABA“ beschriftet, was als Butlerzimmer (eigentlich: SULAIKHA ISTABA) übersetzt werden kann. Der linke äußere Raum zum Garten wird als „BARONETES GUL. TELPA“ bezeichnet, das Schlafzimmer der Baronin. Als Überschrift ist der gesamten Zeichnung die Aussage „ZLEKAS MZ BIJ PILS. EKA PILNIGI IZDEQUSE“ gegeben, was übersetzt heißt: „Zlēkas MZ war ein Schloss. Das Gebäude ist völlig baufällig.“ Im rechten äußeren Raum zum Hof ist eine Stiege als weiterer Zugang zum Obergeschoss eingezeichnet.

Betrachtet man die vielen händisch bei der Messkampagne 2023 aufgenommenen Fotos der Ruine des Herrenhauses Schleck fällt eine Baufuge in der ehemaligen Gartenfassade ins Auge (Abb. 15). Hier folgt auf einen wohl älteren Mischverband aus Feld- und Ziegelsteinen im Zentrum des Hauses reines Ziegelmauerwerk nach Süden, sodass sich vermuten lässt, es handele sich um einen Anbau (Abb. 66). Bei Betrachtung der ehemaligen Hoffassade bzw. der inneren Gebäudestruktur des Herrenhauses (Abb. 16, 17) ist auszumachen, dass der ältere Mauerwerksverband womöglich in Teilen zwei Stockwerke hoch war und vermutlich im Gebäude des Herrenhauses aus dem 18. Jahrhundert ein älteres Gebäude aufgegangen sein könnte (Abb. 18). Der ältere Mauerwerksverband wurde auch bereits auf einem Foto, aufbewahrt im Archiv Rundale, 1982 dokumentiert (Abb. 55). Wie sich diese Beobachtung zur Zeichnung des Grundrisses verhält – ob die vier im Zentrum liegenden Räume ohne Flure eventuell das ältere Gebäude ausmachen – muss noch abschließend untersucht werden.

Abb. 53 „Schloss Schleck – Grundriss untere Etage (Rekonstruktion)“, in: Behr/Senning 1979, S. 99.
Abb. 54 Quellen lettischer Denkmalpflege 1949, Grundriss/Bauaufnahme des Herrenhauses Schleck/Zlēkas (Erdgeschoss), Zlēku muiža_KM_w-11, in: Archiv Rundale.
Abb. 15 Ruine Zlēkas, Herrenhaus, Gartenfassade, Baufunge, Foto: Vienna Institute for Archaeological Science 2023.
Abb. 66 Archiv Rundale, Ruine Zlēkas, Ziegelmauerwerk des Südflügels, Zleku_m_RPM_neg_22233_eka_nr1_1982, in: Archiv Rundale.
Abb. 16 Ruine Zlēkas, Herrenhaus, Hoffront, Materialität, Foto: Vienna Institute for Archaeological Science 2023.
Abb. 17 Ruine Zlēkas, Herrenhaus, Hoffront, Treppenbereich, Materialität, Foto: Vienna Institute for Archaeological Science 2023.
Abb. 18 Zlēkas, Bauabfolge, These Gawlik 2025.
Abb. 55 Älterer Mauerwerksverband im Zentrum der Ruine des Herrenhauses Schleck/Zlēkas, Zlēku muiža_m_RPM_neg_22148_eka_nr1_1982, in: Archiv Rundale.

Im „Inventarium der Schleck und Abaushoefschen Güter aufgenommen von dem mittelst Regierungsbefehls vom 19ten Martz 1820 No: 1136 zur Abnahme und Uebergabe der Schleck und Abaushoefschen Güter an den Assessor Carl Philipp von Behr demandirten Executionsgericht.“ sind die Immobilien Schlecks und u.a. des Wohngebäudes aufgelistet[4] (z.B. Abb. 56). Darin heißt es: „I Gebäude. 1) Das Wohngebäude massiv und im guten Zustande, mit zwey Flügeln, einer Vordertreppe, welche mit einem durchbrechenden eisernen Geländer versehen ist, und einer hölzernen zum Garten führenden Hintertreppe. Unter einem Ziegeldach mit einer Schornsteinen. Das Wohngebäude besteht aus zwey Etagen, und der innere Raum desselben aus folgenden Theilen: a) Keller (Abb. 67, 68). Sechs Keller und zwey bey den Kellern befindliche Nebenzimmer. b) die erste Etage. Vor dem Vorhause ein freyer Raum auf der Treppe mit drey Schwibogen. Das Vorhaus mit der hölzernen starck mit Eisen versehenen Hausthüre, mit Fliesen ausgelegt. Eilf Zimmer, sechs Oefen, eine Küchen Kammer und Abtritt, ein Küchen-Zimmer neben der Küche. c) die zweite Etage zu der vorn eine Treppe von der rechten und linken Seite, und eine Hintertreppe hinauf führt. Der Raum der zweiten Etage ist die Küchenzimmer ausgenommen ebenso wie der der ersten Etage eingerichtet. d) Der Raum unter dem Dache besteht aus dem Boden und einem Rauch Zimmer.“[5] Es scheint, als würde hier noch ein dritter Grundriss beschrieben werden.

Die wohl bis in die 1730er Jahre andauernden Putz- und Stuckarbeiten in den Innenräumen werden „nach der Technologie des Maurermeisters Tieritz ausgeführt“[6]. So hebt es der lettische Kunst- und Bauhistoriker Imants Lancmanis hervor. Der Verputz der Decken wird auf Holzleisten aufgetragen.[7]

In den Quellen lettischer Denkmalpflege, aufbewahrt im Archiv des Schlosses Rundale, befindet sich die Fotografie der Bauaufnahmezeichnung einer Stuckgirlande[8] (Abb. 57, 57a). Ausgehend von einer Palmette (links) ranken sich Akanthusblätter.

In der Zeit des Besitzes Schlecks durch Ulrich Georg(e) v. Behr (1745-1813) wird das Herrenhaus mehrfach umgebaut und das Interieur modernisiert.[9] „Es entstanden die Elemente des leichten Rokokostils, ähnlich denen, die heute noch in der Stuckatur der Decken des Herrenhauses in Kabillen erhalten geblieben sind.“[10] (Abb. 36) Erneuert werden damals auch die Türfüllungen (Abb. 69) (vielleicht durch einen Holzschnitzer namens Joseph Slawitzek) und die Türschlösser (Abb. 29, 40, 41).[11] Erhalten sind zudem zwei historische Fotos von hölzernen Treppengeländern (Abb. 71, 72).

Aus einem Inventar zum v. Behrschen Besitz Edwahlen geht hervor, dass jenes Herrenhaus bis zu einem Brand während der Revolution im zaristischen Russland von 1905[12] mit wertvollem alten Mobiliar, Gobbelins, Tafelsilber, Porzellan, zahlreichen Gemälden, einer Kupferstichsammlung und einer Münzsammlung, Waffen und exotischen Trophäen ausgeschmückt war. Als besonders wertvoll galt die Silbersammlung, bestehend aus Humpen, Pokalen, Schüsseln, Tafelaufsatz und Besteck aus dem 16. bis 18. Jahrhundert.[13] Das Herrenhaus Schleck mag ähnlich ausgestattet gewesen sein. Im „Baltischen Historisch-Geographischen Kalender“ von 1913 heißt es dazu, das Herrenhaus war mit „altem solidem Mobiliar“[14] bestückt.

Abb. 56 Quellen lettischer Denkmalpflege, Schleck, Inventar 1820, LNA_LVVA_412-2-836(3), in: Archiv Rundale.
Abb. 67 Archiv Rundale, Ruine Zlēkas, Keller 1, Zleku_m_RPM_neg_22135_eka_nr1_ pagrabs_1982, in: Archiv Rundale.
Abb. 68 Archiv Rundale, Ruine Zlēkas, Keller 2, Zleku_m_RPM_neg_22137_eka_nr1_pagrabs_1982, in: Archiv Rundale.
Abb. 57 Quellen lettischer Denkmalpflege, Bauaufnahme Stuck, Zlēku muiža_PDC_w-16, in: Archiv Rundale.
Abb. 57 a Quellen lettischer Denkmalpflege, Bauaufnahme Stuck, Detail, Zlēku muiža_PDC_w-16, in: Archiv Rundale.
Abb. 69 Quellen lettischer Denkmalpflege, Tür innen, Zlēku muiža_ārskati_w-08, in: Archiv Rundale.
Abb. 29 Quellen lettischer Denkmalpflege 1949_Zlēku muiža_Bauaufnahme Kavaliershaus_KM_w-18, in: Archiv Rundale.
Abb. 41 Quellen lettischer Denkmalpflege, Zeichnung Tür 3, 1954_vkpai_uzm_0000_379-1, in: Archiv Rundale.
Abb. 71. Quellen lettischer Denkmalpflege, Treppendetail, 1, Zlēku muiža_ārskati_w-10, in: Archiv Rundale.
Abb. 36 Kabiles/Kabillen, Stuckbeispiel 1, Foto: Thomas Wilke 2022.
Abb. 40 Quellen lettischer Denkmalpflege, Zeichnung Tür 2, 1954_vkpai_uzm_0000_374-2, in: Archiv Rundale.
Abb. 72 Quellen lettischer Denkmalpflege, Treppendetail, 2, Zlēku muiža_ārskati_w-11, in: Archiv Rundale.
  1. Vgl. „Schloß Schleck – Grundriss untere Etage (Rekonstruktion) in: Behr/Senning 1979, S. 99.
  2. „Grundriss des Herrenhauses Schleck/Zlēkas (Erdgeschoss)“, in: Quellen lettischer Denkmalpflege 1949_Zlēku muiža_Bauaufnahme Grundriss Erdgeschoss_ KM_w-11, in: Archiv Rundale.
  3. Siehe Unterschrift unter der Zeichnung.
  4. In: Archiv Rundale Zlēkas LNALVVA 412-2-836 (2)-(8).
  5. „Inventarium der Schleck und Abaushoefschen Güter aufgenommen von dem mittelst Regierungsbefehls vom 19ten Martz 1820 No: 1136 zur Abnahme und Uebergabe der Schleck und Abaushoefschen Güter an den Assessor Carl Philipp von Behr demandirten Executionsgericht.“, in: Archiv Rundale Zlēkas LNALVVA 412-2-836 (2)-(3).
  6. Lancmanis 2009, S. 25.
  7. Vgl. Lancmanis 2009, S. 25.
  8. Vgl. Quellen lettischer Denkmalpflege_Bauaufnahme_Stuck_Zlēku muiža PDC_w-16, in: Archiv Rundale.
  9. Vgl. Lancmanis 2009, S. 29.
  10. Lancmanis 2009, S. 29. Auf die Vergleichbarkeit des Stucks in Schleck und Kabillen verweist bereits Ulrich Baron von Behr-Edwahlen in seinem 1979 erschienenen Buch. Er vermutet jedoch, dass die Stuckarbeiten erst von Ulrich Georg v. Behr in Auftrag gegeben werden. Vgl. Behr/Senning 1979, S. 96.
  11. Vgl. Lancmanis 2009, S. 29.
  12. “Blutiger Sonntag” im Januar 1905: eine friedliche Demonstration vor dem Winterpalais in St. Petersburg wird vom Militär zusammengeschossen. Die Streikbewegung schlägt in revolutionäre Unruhe um. Streiks, Kundgebungen und Attentate breiten sich über das gesamte Land aus. Am 6. November 1905 gibt es in den baltischen Provinzen Ausschreitungen gegen die deutsche Herrenschicht. Sozialistisch organisierte Arbeiter rufen den Generalstreik aus. Vgl. Der Grosse Ploetz 1992, S. 810.
  13. Vgl. Spārītis 2015a, S. 30.
  14. Ebd., Kopie in Quellen lettischer Denkmalpflege, Ventpils rajons, Zlēku muiža, p-5727 III, in: Archiv Rundale.