09. Garten und Park im 18. Jahrhundert
- 01. Einführung
- 02. Forschungsstand
- 03. Geschichte der Anlage vor dem 18. Jahrhundert
- 04. Überblick zur Gesamtanlage
- 05. Wirtschaftlicher Kontext
- 06. Besitzverhältnisse im 18. Jahrhundert
- 07. Herrenhaus: Baugeschichte und Architektur
- 08. Innenräume im 18. Jahrhundert
- 09. Garten und Park im 18. Jahrhundert
- 10. Wirtschaftsanlagen
- 11. Kirche und Dorfstrukturen
- 12. Geschichte der Anlage nach dem 18. Jahrhundert
- 13. Quellen- und Literaturverzeichnis
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Das Gut Schleck lag nach der Beschreibung „Malerische[r] Wanderungen durch Kurland“ Ulrich von Schlippenbachs im Jahr 1809 inmitten dichter Wälder: „Der Hof Schleck ist im neuen Geschmack gebaut, groß, geräumig und von mehreren Wohngebäuden für die Ökonomiebeamten dieser schönen Güter umgeben. Die Aussicht aus dem Hofe ist nicht besonders; sie wird von einem tiefen Walde [rundherum?] geschlossen. Desto angenehmer erscheint sie von dem schönen Kirchenturme der weit über den vorliegenden Wald hervorragt (Abb. 58). Man übersieht da einen Horizont von 8 bis 9 Meilen im Durchmesser.“[1] „Hat es je einen Märchenwald gegeben, so war es dieser.“ schreibt L. Harmsen/Lizete Harmsena 1913. „Der Bär, der Wolf, der Luchs hausten hier ehemals, der Adler, der Uhu nisteten in den verlassenen Bienenstöcken (…), Eichen und tausendjährigen Kiefern (Kiefer = lettisch Preede), deren abenteuerlich gestaltete Zweige gegen die dunkelgrünen Kronen malerisch abstachen, und in der Abendsonne feurig erglühend, die andern Bäume ums doppelte überragten. Hohe Farne, Wald-, Wiesen- und Feldblumen, sowie Beeren und Pilze jeder Art bedeckten den Boden, und das Elen[?], Kurlands und seiner Hauptstadt Wappentier, war hier ebenso zu Hause, wie Fuchs, Reh und Hase. Besonders schön ist die „Esermeschkante“, wenn Birke, Erle, Esche, mächtige Eichen (Abb. 59) und Haseln im lichtgrünen Frühlingskleide aus dunklem Hintergrunde hervortreten; dennoch waren diese Schönheiten verschwindend gegen die einstigen der Peese-Dange (Ecke), wo das Ende des Seewaldes an die Windau und das daneben liegende Peese-Gesinde stößt. Hier bildet die Windau durch eine scharfe Biegung nach Norden eine Halbinsel, die auch auf der Karte sichtbar hervortritt, etwa 4-500 Schritt im Quadrat mißt und an Schönheit fraglos mit manchem viel besuchten und berühmten Ort des Auslandes sich messen dürfte.“[2] Die Sagen Schlecks, die Pastor Johann Georg Büttner (1779-1862) sammelte und die seine Tochter L. Harmsen/Lizete Harmsena 1913 veröffentlichte, thematisieren Waldthemen, Zauberei und Teufels Machenschaften: „Die Teufelstreppe des Hofes Schleck“, „Der Galgenberg“, „Die Schatzeiche“, Der schwarze Teich“, „Die Slastes-Walk (Schlucht)“ und „Der Schwarzspecht“.[3] Noch heute führt eine 300 m lange Allee aus Birken[4] (eventuell Schwarz- oder Flussbirken, Betula nigra) auf die ehemalige Gutsanlage Schlecks zu. Sie ist nicht mehr ganz vollständig.[5] Ein Satellitenbild[6] (Abb. 31) zeigt darüber hinaus vor der nach Westen exponierten ehemaligen Gartenfassade des Herrenhauses Schleck eine annähernd quadratische Gartenruine, die in etwa so groß ist, wie die Fläche des ehemaligen Gutshofes aus dem 18. Jahrhundert. Das ehemalige Herrenhaus lag also zwischen Hof und Garten. Die noch heute nachvollziehbaren ‚glatten Kanten‘ der Gartenfläche werden mindestens auf zwei Seiten (südlich und westlich) von Baumreihen nachgezogen. Nördlich liegt eine undefiniertere Baumgruppe. In der Mitte der Gartenruine befindet sich ein wohl verschilfter Teich, der von Süden her nahezu eingewachsen ist. Nördlich davon gibt es noch wenige freiere Flächen, in denen vielleicht ein Fußweg zu erkennen ist. Der Gartenteich lag der Freitreppe der Gartenfassade des Herrenhauses gegenüber und somit in etwa auf einer Linie mit der östlichsten Ausdehnung des hofseitigen Teiches. In der Gartenruine stehen vorrangig Laubbäume. Eine doppelläufige Freitreppe führte mit 13 Stufen von der Ebene des wahrscheinlich vorhandenen Gartensaals des Herrenhauses und eines diesem vorgelagerten, balkonartigen Freitritts hinab in den Garten. Heute stehen unmittelbar neben der Ruine dieser Freitreppe zwei ausgewachsene Linden (Abb. 3), die vor mehr als 100 Jahren gepflanzt, kleinere, die Treppe rahmende Bäume gewesen sein könnten.[7] Eine Idee von diesem Bild zeigt die historische Fotografie „Schleck – Westfront mit Gartenparterre“, die Behr 1979 in seiner Beschreibung zu Schleck veröffentlicht.[8] (Abb. 61a, 61b) Auf diesem Foto (eine Aufnahme im Sommer) führt ein Fußweg durch eine Traillage auf den von zwei mittelhohen Laubbäumen flankierten Mittelrisalit der Gartenfassade des Herrenhauses zu. Auf dem balkonartigen Freitritt vor dem Gartensaal stand man unmittelbar unter dem Kronenansatz der beiden Bäume. Stieg man die Freitreppe hinab, gelangte man zu deren Stammansatz. Weitere historische Fotos der Behrschen Publikation von 1979 zeigen Winteraspekte des Gartens. So lief wohl ein Laubengang aus geschnittenen, mittelhohen Bäumen um die ansonsten nahezu freie Fläche des Gartens herum (auf zwei Seiten). Dahinter grenzte eine weiß getünchte Mauer den Garten von der flachen Feldflur ab. Ein von Großbäumen (eventuell Kastanien) flankiertes Gartentor entließ den Spaziergänger in diese hinein.[9] (Abb. 62, 63, 64) Es könnte vermutet werden, dass das im Satellitenbild erkennbare Teichfragment mindestens zur Zeit der Aufnahme der historischen Fotos während der 1910er Jahre innerhalb einer runden Gartenfläche lag (Abb. 62).[10] Dies würde als Form korrespondieren zu einer ebenfalls runden Rasenfläche oder einem ebensolchen Beet in der Mitte der Vorfahrt vor der Ost- bzw. Hoffassade des Herrenhauses, abgegrenzt durch Poller und akzentuiert durch ein Postament mit Vase (Abb. 1).[11] Während des frühen 20. Jahrhunderts gab es noch mehrere solcher Grünflächen in der Fläche des Gutshofes. Diese war demnach von Reit- und Kutschwegen durchzogen und wurde nicht gänzlich als Wirtschaftsfläche genutzt. Sie war gestaltet und diente vielleicht auch als Reitbahn. Eventuell war eine acht (achtförmige Hufschlagfigur) zum Dressurreiten vor dem Tor der Reithalle vorhanden. [12] Pirang zeigt 1926 das Foto „Schleck (Kurl.) Parkseite“, auf dem der Blick über den Hofteich auf die Hoffront des Herrenhauses sowie den Kavaliersbau fällt (Abb. 30).[13] Die Benennung eines Parks könnte bedeuten, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein (regelmäßig) gestalteter Garten und ein zusätzlicher Park jenseits von diesem bestanden haben muss. Und tatsächlich ist die Ruine dieses Parks bis heute als Waldstück erhalten geblieben. Die Größe des Parks, dessen Betitelung als solcher wohl im 18. oder 19. Jahrhundert erfolgte, wird heute mit 8,5 ha angegeben. Unter den Gehölzen finden sich 15 nicht heimische Arten. Im Park könnten sich mehrere Teiche befunden haben.[14] Dem grünen Außenbereich des Gutes sind – mindestens 1913 – ebenso der historische „Galgenberg“[15] und der historische „Pawenta-Burgberg“[16] hinzuzurechnen, ebenso „das Pastorat mit seinem großen Garten, darin noch mancherlei seltene Bäume und Sträucher wachsen, die einst der Naturforscher Pastor [Johann Georg] Büttner [1779-1862][17] pflanzte (…)“[18]. L. Harmsen/Lizete Harmsena beschreibt in ihrer 1913 veröffentlichten Darstellung des Pastorats ihres Vaters diesen Garten: „Hart an unserem alten Hause, terrassenförmig nach Süden abfallend, vom Bache nur durch eine von Schlüsselblumen, Schwalbenaugen und Trollblumen prangende Wiese getrennt, erstreckte sich der erste unserer Gärten. Der andere, an der Nordseite des Hauses, enthielt nur Obstbäume und etwas Gemüse. Den Mittelpunkt des ersten Gartens bildete die Tannenlaube. Sie und ihre Umgebung besteht aus 21 Gattungen verschiedenen Nadelholzes (…). Erinnerlich ist mir, daß zwischen den dunklen Edeltannen ein blühender Goldregen sich wunderbar schön machte. In der Nähe der Tannenlaube erhebt sich der künstlich geschaffene „Berg“, zu dem ein mit Ziersträuchern eingehegter Gang führte. Vom Berge aus kann man das ganze Bachtal übersehen. Doch fällt unser Blick zunächst auf die in allen Farben strahlende, blühende Wand, die uns vor dem Nordwind schützt. Viele Arten Syringen [Flieder], roter und Weißer Crataegus [Rot- und Weißdorn], Akazien, Mandelbäume, wilde Rosen schützen die kleinen edlen Pflanzen wie Rosen, gelb oder rot blühende Johannisbeere, ein rot blühendes Apfelbäumchen, die silberblättrige Ölweide mit duftiger gelber Blüte, Spiraea callosa [Japanischer Spierstrauch] usw. – die, an diese Wand geschmiegt, nur die Südsonne empfangen. Weiter finden wir Lärchenbäume, Edeltannen verschiedener Art, wilden Apfel, Faulbaum und aus dem Walde geholten Taxus, Walnuß, Thuja, eine Allee von Haselnüssen, eine Hecke von verschiedenen Loniceren [Heckenkirchen], darunter eine herrlich duftende, die eine Laube bildet, eine Insel, eingefaßt mit allen Weidenarten Kurlands, gefüllte Kirsche, eine haushohe Alpenrose, überschüttet mit rosa Blüten und viele andere Pflanzen, deren Namen ich nicht kenne. Uns Kinder lockt besonders ein dunkler Laubengang, der in die Straße nach Abaushof durch eine Pforte mündet und immer in hellgrüne Dämmerung gehüllt war, durch die die Sonnenstrahlen zauberhaft brachen.“[19] Es bleibt zu erforschen, ob Pastor Johann Georg Büttner (1779-1862), der 1801-1802 in Halle Theologie studiert hatte,[20] ein Pietist war. Der große Garten, in dem wohl zum Großteil in Kurland heimische Arten wuchsen, könnte den Kindern, die im „Schulzimmer“[21] des Pastorats unterrichtet wurden, als Lehrmaterial/Schulgarten gedient haben. Ob er diesen Garten völlig neu angelegt hat oder auf Strukturen des Pfarrgartens seines Vaters (aus dem 18. Jahrhundert) zurückgriff, kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht geklärt werden. Um sich eine Vorstellung vom Aussehen eines solchen Pfarrgartens machen zu können, hilft die Darstellung des Gartens des Pastorats Ulsnis an der Schlei in Schleswig-Holstein (Abb. 73).[22] Auf einer lettischen Internetseite zu Lizete Harmsena, der Tochter Johann Georg Büttners (1779-1862), wird in einer Karte der Standort des Pfarrhauses/Pastorats von Schleck eingezeichnet (Abb. 33a).[23] Vergleicht man diesen mit einem Satellitenbild, so ist das Grundstück mit Gartenflächen und einzelnen Teichen wiederzuerkennen (Abb. 33).[24] Auch das Pfarrhaus existiert noch und wird ebenfalls auf benannter Internetseite als eingeschossiges, siebenachsiges Steinhaus (vermutl. verputzter Ziegel) mit Krüppelwalmdach wiedergegeben.[25] Auf gleicher lettischer Internetseite zu Johann Georg Büttner ist eine Fotografie seines Grabkreuzes auf dem Friedhof zu Schleck/Zlēkas zu erkennen.[26] Es darf vermutet werden, dass unter dem Einfluss Johann Georg Büttners während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Parkbereich des Herrenhauses um besondere Gehölze (auch nicht in Kurland heimische) bereichert wurde.
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