12. Geschichte der Anlage nach dem 18. Jahrhundert

From Herrenhäuser
Jump to: navigation, search

Die Ehe von Ulrich George v. Behr (1745-1813) und Benigna Amalie Luise v. Behr (1758-1813) geb. v. Nolde blieb kinderlos. Schleck wird an den Neffen Ulrich v. Behr (1772-1831) a.d.H. Popen vererbt. Dieser heiratet 1799 Johanna v. Mirbach (1782-1842) a.d.H. Pusseneeken. Beider Sohn Karl Baron v. Behr (1810-1872) ist seit 1835 verheiratet mit Karoline Gräfin v. der Wenige gen. Lambsdorff (1811-1885). Deren Erbe wird Friedrich Baron v. Behr (1845-1909), verheiratet (1886) mit Wilhelmine (Minna) Baronesse v. Behr a.d.H. Virginalen (1863-1936). Auch diese Ehe bleibt kinderlos.[1]

Karl Baron v. Behr besitzt wie sein Großonkel eine Liebe zum Theater. Er lässt vermutlich[2] anstelle der Familienkapelle nahe des Herrenhauses ein zweistöckiges Gebäude für Aufführungen sowie Konzerte erbauen.[3] Dieses zeigt das historische Foto der Hauptfassade des Herrenhauses Schleck vom Anfang des 20. Jahrhunderts (Abb. 1). Auf dem Foto steht links neben dem Herrenhaus, und mit diesem durch einen überdachten Gang verbunden, ein wohl rechteckiger (oder sogar quadratischer) Theaterbau mit nahezu flachem Dach und hoher, figuren- oder vasenbekrönter Balustrade. Drei eng stehend rundbogige Fenster weisen zum Hof und lassen viel Licht ins Innere des Gebäudes fallen.[4]

Während der Revolution im zaristischen Russland von 1905[5] entlud sich sozialer und nationaler Hass gegen die privilegierten Deutschbalten (auch) in den ländlichen Regionen. Im August 1905 wurde in Kurland der Kriegszustand verhängt. Ausgehend von Riga sind unter Beteiligung von Landarbeitern und landlosen Bauern Güter geplündert und Herrenhäuser in Brand gesteckt worden. Etwa 40 Prozent der Herrenhäuser in den Ostseeprovinzen wurden zerstört oder beschädigt. Ende 1905 fanden erstmals estnische, lettische und litauische politische Versammlungen statt, um den Forderungen nationaler Bewegungen (Abb. 79) offiziellen Ausdruck zu verleihen.[6] 1905 wird das Herrenhaus Edwahlen, Besitz der Familie v. Behr, in Brand gesteckt und verwüstet, sodass der Großteil seiner wertvollen Einrichtung vernichtet wurde.[7]

Friedrich Baron v. Behr (1845-1909), der Sohn Karls, lebt viele Jahre in Dresden und umgibt sich dort mit Einrichtungsgegenständen aus Schleck. Diese werden nach seinem Tod in einer Auktion versteigert.[8] Er hat das Gut Schleck „einem Anverwandten in Generalvollmacht anvertraut“[9]. Auf Beschluss des Familienrats erbt zunächst Friedrich (Fred) Baron v. Behr a.d.H. Bojen (1891-1913) den Besitz, bis schließlich ab 1913 der zweijährige Johann-Günther Baron v. Behr a.d.H. Edwahlen (1911-2005, Abb. 80) als Erbe eingesetzt wird[10]. Die Verwaltung des Erbes übernimmt dessen Vater Alexander Baron v. Behr auf Edwahlen (1880-1953). Der Flächenbesitz des Gutes beträgt 22 000 ha[11]. 1920 umfasst der gesamte Besitz der Familie v. Behr nach Schätzungen Alexander Baron v. Behrs auf Edwahlen insgesamt 125 179 ha (sechs Hauptgüter mit mehreren Beigütern und Wirtschaftshöfen). In dem ab 1918 unabhängigen Lettland ist die Familie damit der größte Landeigentümer[12]. 1921 werden laut Lancmanis der Verwalter und der Eigentümer von Schleck durch die sich bildende lettische Republik enteignet und das Land des Gutes Schleck in Neubauernstellen aufgeteilt. [13]Die Familie v. Behr verliert alle Besitzungen in Lettland. Alexander Baron v. Behr (1880-1953) geht nach der Enteignung nach Deutschland.[14]

Wie das Herrenhaus und die Gutsgebäude unmittelbar nach der Enteignung und während der Unabhängigkeit Lettlands in den 1920er und 1930er Jahren genutzt wurden, wer es vielleicht bewohnte oder gar verwaltete, ist bislang unbekannt. In Lettland finden die Wahlen zur Verfassungsgebenden Versammlung im April 1920 statt. Es setzten sich die nationalen Sozialdemokraten mit etwa 39 Prozent der Stimmen durch. Eine Verfassung wird im Juni 1922 verabschiedet.[15] Mitte der 1930er Jahre lebten in Lettland 65,4 Prozent der Bevölkerung auf dem Land. In den Ideologien der jeweiligen nationalen Bewegungen aller drei baltischen Staaten vor der Unabhängigkeit war die Vorstellung angelegt gewesen, dass die Landwirtschaft das Rückgrat der Nation bilde.[16] In Lettland wurde eine Entschädigungszahlung an die deutschbaltischen Besitzer 1920 und nochmals 1924 abgelehnt[17]. Ein deutscher Protest beim Völkerbund blieb erfolglos. Ehemalige Besitzer konnten sich jedoch sofort ein Restgut zuteilen lassen. Knapp 1900 Besitzer übernahmen so 1,7 Prozent des ehemaligen Gutslandes. Von 275 000 Höfen in Lettland im Jahr 1935 waren mehr als 140 000 im Zuge der Reform neu geschaffen bzw. erweitert worden. 85 Prozent von diesen umfassten weniger als 30 ha. Die Zahl der Landlosen wurde von circa 600 000 vor dem Ersten Weltkrieg auf etwa 135 000 gesenkt. Es werden genossenschaftliche Strukturen notwendig, um z.B. landwirtschaftliche Maschinen anschaffen zu können.[18] Für alle drei baltischen Staaten wurde entscheidend, dass ihr traditioneller Markt im Osten weggefallen war. Die Sowjetunion bot sich nicht gut als Handelspartner an. Eine Umstrukturierung der Märkte gelang am erfolgreichsten im Bereich der Landwirtschaft. Man orientierte sich nach dänischem Vorbild an einer effizienten Produktion und entwickelte die Viehzucht zur wichtigsten Einnahmequelle Lettlands. So konnten nach Großbritannien und Deutschland Butter und Speck exportiert werden. Aus allen drei baltischen Staaten kamen Eier, Holz, Holzprodukte und Flachs. In der Getreideproduktion erreichten Litauen, Lettland und Estland im Laufe der Zwischenkriegszeit Autarkie.[19]

Unter der Auswirkung des Hitler-Stalin-Pakts wurde Lettland im Oktober 1939 sowjetisch besetzt. Wie in Estland ist auch in Lettland die deutschbaltische Bevölkerung umgesiedelt worden.[20] Im Gegensatz zu Finnland fehlte es den baltischen Staaten am gemeinsamen Verteidigungswillen gegen die Sowjetunion.[21] Im Juli 1941 erreichte die deutsche Wehrmacht Riga. Das gesamte Baltikum geriet unter nationalsozialistische Herrschaft. Nach stalinistischem folgte nationalsozialistischer Terror und auch das Baltikum wurde Schauplatz des Holocaust an einheimischen und an deportierten Juden. Die Nazis ermordeten weiterhin baltische Roma und bis zu 30 000 Zivilisten; in Lettland an die 18 000.[22] Im Sommer 1944 brach die deutsche Front zusammen. Der Rest der deutschen Heeresgruppe Nord wurde im Kurland-Kessel eingeschlossen.[23] Im Winter 1944/1945 werden sechs Kurland-Schlachten gekämpft, in denen es der Roten Armee nicht gelingt, die Kurland-Armeen zu schlagen.[24]

Abb. 1 „Schleck (Kurl.) Hauptansicht“, in: Pirang 1926, Taf. 26 oben.
Abb. 79 Archiv Rundale, junge Letten in Tracht zur Zeit der ersten Unabhängigkeit, RPM 5369, in: Archiv Rundale.
Abb. 80 Johann Günther Baron v. Behr, geb. 1911, letzter Majorathsherr auf Schleck, in: Behr/Senning, 1979, S.117.

Im Herbst 1944 wird im ehemaligen Herrenhaus Schleck ein aus Riga evakuiertes deutsches Militärlazarett eingerichtet. Im Vorgängerbau, dem alten Herrenhaus, befindet sich der Klub der deutschen Offiziere sowie der Speisesaal. [25]Im Dezember 1944 werden 160 Zivilisten in Zlēkas vom SD (Sicherheitsdienst des Reichsführers SS), der SS und lettischen SS-Verbänden ermordet.[26] Nach der Kapitulation der deutschen Heeresgruppe Nord am 9. Mai 1945 verlässt das Lazarett das Gut. Kurz darauf brennen das barocke Herrenhaus[27] und vielleicht auch dessen Vorgängerbau (heute nicht mehr vorhanden) ab. In den Quellen lettischer Denkmalpflege findet sich ein Aquarell von 1949, dass das ausgebrannte Herrenhaus wiedergibt (Abb. 11).[28]Während der sowjetischen Zeit der Kolchosebewirtschaftung werden die Gutsgebäude Zlēkas weiter genutzt.[29]

Ein gut erhaltener, handgezeichneter, farbiger Lageplan (Abb. 21) in den Quellen lettischer Denkmalpflege aus dem Jahr 1949 zeigt das noch nachvollziehbare Aussehen des Gutes während der Zwischenkriegszeit und ersten Unabhängigkeit Lettlands (1920er und 1930er Jahre) bzw. während der letzten Jahrzehnte im Besitz der Familie v. Behr. Eingezeichneten Böschungen zur Folge liegt der Haupthof auf einer Art Halbinsel, teilweise umgeben von einem Teich mit Zufluss im nordöstlich gelegenen Parkgelände. Der Teich mit wohl künstlichen Böschungskanten befindet sich am Rande einer auf Satellitenbildern erkennbaren Niederung, die von Meliorationsgräben durchzogen ist (Abb. 31). Ob dieser Teich das Fragment eines historischen Hausgrabens ist, der die gesamte Anlage umgab, kann derzeit nicht ermittelt werden. Die Gebäude des Haupthofes sowie verstreut liegende Wirtschaftsgebäude sind 1949 in unterschiedlichen Farben angelegt. Dabei ist die Ruine des Herrenhauses sowie alle Gebäude auf der linken, der südlichen Seite des Hofes (einschließlich des alten Herrenhauses) in Rot gehalten, die Gebäude auf der rechten, der nördlichen Hofseite (einschließlich des Kavalierbaus) in Grau. Es fällt auf, dass das als Küchenhaus bezeichnete Gebäude rechts vom Herrenhaus und in Verbindung zum Kavalierbau 1949 noch erhalten scheint, jedoch der zweiteilige Theaterbau links dem Herrenhaus und in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem im Plan als „Klete“/Getreidespeicher bezeichneten Gebäudes niedergerissen zu sein scheint. Gleiches gilt für einen Bau, der sich in der Flucht der Gartenfassade stehend rechts vom Herrenhaus befand. Auch ein Gebäude in zweiter Reihe auf der linken/südlichen Hofseite ist abgerissen. Inmitten des Hofes ist ein Rondell zu erkennen, das ebenfalls auf Fotos aus den 1920er Jahren zu sehen ist (Abb. 1, 27) und wohl die Vorfahrt per Kutsche vor das Hofportal des Herrenhauses inszenierte. Ein Fahr-und/oder Reitweg führte von diesem Rondell aus durch den Park in die Feldflur und wird vielleicht der historische Weg zur Kirche gewesen sein. Während der Park landschaftlichen Gestaltungsprinzipien folgt und mit leichten Erhöhungen, kleineren Tälern und einem Teich spielt – die einzig geometrische Form in diesem Bereich ist ein Tennisplatz, zeigt der süd- südwestlich des Herrenhauses gelegene ältere Gartenteil noch Rudimente einer geometrischen Gestaltung. Dies sind Fragmente einer wohl gemauerten Umhegung mit Tor in die Feldflur, ein gerader Weg, ausgehend von der Treppenanlage an der Gartenfassade des Herrenhauses auf dieses zu, sowie drei parallel und rechtwinklig zur Gartenfassade verlaufende Baum- oder Heckenstrukturen. Ein kleiner Teich schneidet nördlich in diese nahezu quadratische Gartenfläche ein.[30] Ein aufgeklebter Zeitungsausschnitt in Quellen lettischer Denkmalpflege versucht eine isometrische Darstellung dieser beschriebenen Raumsituation zu verdeutlichen (Abb. 74, 74a).[31]

  1. Vgl. Lancmanis 2009, Stammbaum der „Besitzer von Schleck beginnend mit dem Erbauer des neuen Herrenhauses bis zur Enteignung 1921“, s.p., im Anhang des genannten Aufsatzes.
  2. Ulrich Baron von Behr-Edwahlen sagt 1979, bezugnehmend auf den in seinem Buch veröffentlichten Lageplan von 1928 aus, dass die bis 1860 bestehende Kapelle anstelle eines Wirtschaftsgebäudes/der Bibliothek ihren Platz hatte. Vgl. Behr/Senning 1979, S. 96 und Lageplan S. 97.
  3. Vgl. Lancmanis 2009, S. 30. Auf den Bau des Theaters verweisen ebenso Behr/Senning 1979, S. 96. Von ihm stammen zudem die Informationen, dass das Theater während der Sommermonate regelmäßig bespielt wurde und Ensembles der größeren Städte dort gastierten. Auch gab es eine Schauspielergruppe aus Angestellten des Gutes. Vgl. Behr/Senning 1979, ebd.
  4. Vgl. Abb. 1 in diesem Aufsatz und Lancmanis‘ zweite Abbildung auf Seite 23.
  5. “Blutiger Sonntag” im Januar 1905: eine friedliche Demonstration vor dem Winterpalais in St. Petersburg wird vom Militär zusammengeschossen. Die Streikbewegung schlägt in revolutionäre Unruhe um. Streiks, Kundgebungen und Attentate breiten sich über das gesamte Land aus. Vgl. Der Grosse Ploetz 1992, S. 810.
  6. Vgl. Angermann/Brüggemann 2018, S. 222, 224.
  7. Vgl. Spārītis 2015a, S. 30.
  8. Vgl. Lancmanis 2009, S. 30.
  9. Baltischer Historisch-Geographischer Kalender 1913.
  10. Pirang beschreibt Schleck seit 1912 als im Besitz von Baron Johann Günther v. Behrs. Vgl. ebd. S. 82.
  11. Vgl. Lancmanis 2009, S. 31.
  12. Vgl. Spārītis 2015a, S. 29.
  13. Vgl. Lancmanis 2009, „Stammbaum der Besitzer von Schleck beginnend mit dem Erbauer des neuen Herrenhauses bis zur Enteignung 1921“, s.p., im Anhang des Textes sowie ebd., S. 31.
  14. Vgl. Lancmanis 2009, S. 31.
  15. Vgl. Angermann/Brüggemann 2018, S. 250. Im November 1918 wurde die Demokratische Republik Lettland ausgerufen und eine provisorische Lettische Regierung unter dem Vorsitz von Kārlis Ulmanis eingesetzt. Es folgen die baltischen Unabhängigkeitskriege. Seinen offiziellen Abschluss fand der Krieg für Lettland im August 1920 im Frieden von Riga. Nach einer demokratischen Anfangszeit etablierte sich in Lettland unter Ulmanis 1934 ein autoritär nationalistisches Regime. Vgl. Angermann/Brüggemann 2018, S. 235, 238, 242-250, 248, 262.
  16. Vgl. Angermann/Brüggemann 2018, S. 252.
  17. Im August 1920 entschied die lettische Nationalversammlung positiv über das Gesetz zur entschädigungslosen Enteignung der Großgrundbesitzer. Das Gutsland umfasste in Lettland etwas weniger als die Hälfte des Bodens, während hunderttausende Bauern landlos waren. Der Landbesitz eines durchschnittlichen Gutes umfasste 2000 ha; ein Bauernhof nur 30 ha. Vgl. Angermann/Brüggemann 2018, S. 264-266.
  18. Vgl. Angermann/Brüggemann 2018, S. 266.
  19. Vgl. Angermann/Brüggemann 2018, S. 267-268.
  20. Vgl. Angermann/Brüggemann 2018, S. 275-277.
  21. Vgl. Angermann/Brüggemann 2018, S. 278.
  22. Vgl. Angermann/Brüggemann 2018, S. 284, 286-288.
  23. Vgl. Angermann/Brüggemann 2018, S. 291.
  24. Vgl. Der Grosse Ploetz 1992, S. 911.
  25. Vgl. Lancmanis 2009, S. 31-32.
  26. Vgl. Zlēkas: https://de.wikipedia.org/wiki/Zl%C4%93kas (20.05.2025).
  27. Vgl. Lancmanis 2009, S. 32.
  28. Siehe: „Aquarell des ausgebrannten Herrenhauses Schleck/Zlēkas 1949“, in: Quellen lettischer Denkmalpflege 1949_Zlēku muiža_Aquarell der Ruine_ KM_w-07, in: Archiv Rundale.
  29. Vgl. Lancmanis 2009, S. 31-32.
  30. Vgl. „Situationsplan von Gut-, Garten- und Parkbereich 1949“, in: Quellen lettischer Denkmalpflege 1949_Zlēku muiža_Situationsplan des Gutes_ KM_w-04, in: Archiv Rundale.
  31. Siehe: Isometrische Zeichnung des Gutes Schleck/ Zlēkas, in: Quellen lettischer Denkmalpflege_Vogelschau_Zlēku muiža PDC_w-22, in: Archiv Rundale. Quellen lettischer Denkmalpflege_Vogelschau_Detail_Zlēku muiža PDC_w-22, in: Archiv Rundale.
Abb. 11 Quellen lettischer Denkmalpflege 1949, Aquarell der Ruine, Zlēku muiža_KM_w-07, in: Archiv Rundale.
Abb. 21 Quellen lettischer Denkmalpflege 1949, Situationsplan des Gutes, Zlēku muiža_KM_w-04, in: Archiv Rundale.
Abb. 31 Zlēkas, Ruine Gut­, 2023-04-23, google earth.
Abb. 27 Schleck (Kurl.), Durchfahrt, in: Pirang 1926, Taf. 27 unten.