08. Innenräume im 18. Jahrhundert
- 01. Einführung
- 02. Forschungsstand
- 03. Geschichte der Anlage vor dem 18. Jahrhundert
- 04. Überblick zur Gesamtanlage
- 05. Wirtschaftlicher Kontext
- 06. Besitzverhältnisse im 18. Jahrhundert
- 07. Herrenhaus: Baugeschichte und Architektur
- 08. Innenräume im 18. Jahrhundert
- 09. Garten und Park im 18. Jahrhundert
- 10. Wirtschaftsgebäude
- 11. Kirche
- 12. Geschichte der Anlage nach dem 18. Jahrhundert
- 13. Quellen- und Literaturverzeichnis
Corps-de-LogisDer Grundriss des Corps-de-Logis, von dem eine Zeichnung mit eingetragenen Raumbezeichnungen aus der Entstehungszeit vorliegt (Abb. 84), entspricht einem um die Mitte des 18. Jahrhunderts insbesondere von Carl Hårleman geprägten Typus, der sich direkt von einer französischen maison de plaisance ableitete.[1] Die Änderungen von Erik Palmstedt an Elias Kesslers Entwürfen betrafen in geringem Maße auch den Grundriss des Erdgeschosses, wo das Vestibül zu einem offenen Raum ohne Trennwände vergrößert wurde (Abb. 1).[2] Von der Hofseite betrat man das Vestibül mit seitlich angrenzender Treppe zum Obergeschoss. Eine Tür führte weiter in einen großen Saal mit Zugang zum Garten. Beide Räume beschreiben eine zentrale Achse in der Mitte des Gebäudes (Abb. 253), die im Außenraum fortgeführt wird. Beidseitig des großen Saals gehen auf der Gartenseite jeweils zwei Räume ab, die eine durchgehende Enfilade formen und dem Hausherrn und der Hausherrin zu Wohn- und Repräsentationszwecken dienten. Benannt sind sie jeweils mit förmak und sängkammare. Auf dem genannten Plan wird die Enfilade auf der Gartenseite nicht in die Seitenflügel weitergeführt, wie heute der Fall – diese Öffnungen datieren aus den 1820er Jahren. Auf der Hofseite wurden die Appartements durch kleinere, funktionale Räumlichkeiten ergänzt, darunter Kabinette und Garderoben sowie ein Korridor in die noch erhaltene Küche im westlichen Flügel.[3] Auf halbem Weg ins Obergeschoss führt die Treppe in ein Zwischengeschoss mit einer kleinen, zweiräumigen Bedienstetenwohnung (s.u.). Im Obergeschoss (Abb. 85) lag zentral eine breite und helle Diele mit Zugang zum Balkon. Die Räume ordneten sich um einen schmalen Korridor an, der das Geschoss auf seiner ganzen Länge teilte und eine bequemere Zirkulation zwischen den Räumen ermöglichte. Verwiesen ist damit auf deren vermutlich weniger repräsentativ konnotierte Funktion. Zum Garten situierten sich größere Räume in einer Enfilade, deren Türen indes nur einflügelig sind und deren Repräsentationsgrad im Verhältnis zum Erdgeschoss zurückgenommen ist. Zentral lag ein Billardsaal, dessen Funktion bereits 1781 in einem Reisebericht von Filip Bernhard Hebbe sowie auf dem genannten Grundriss vermerkt ist.[4] Somit ist auch hier auf eine durchaus gesellige Nutzung der Räume im Obergeschoss verwiesen, verrät zudem die einzige erhaltene Wandausstattung in einem kleinen Raum am Endpunkt des Korridors (Abb. 92) eine offenbar einst auch vorhandene aufwendigere Gestaltung. Die meisten Räume dienten vermutlich als Gästeräume oder hatten variable Funktionen, die indes nicht mit einer ausschließlich privaten Zurückgezogenheit gefasst werden können.[5] In den beliebten Musterbüchern für Gutsanlagen und Herrenhäuser des Architekturschriftstellers und Militärs Carl Wijnbladh, die einen hohen Einfluss auf die Privatbauten in der zweiten Hälfte des schwedischen 18. Jahrhundert ausübten, findet sich ein Österbybruk nicht unähnlicher Entwurf (Abb. 93). Parallelen zeigen sich in der Anlage von Vestibül und Saal, seitlich gelegener Treppe mit dahinter platziertem Korridor und gartenseitiger Enfilade. In den 1760er Jahren hatte sich vielerorts bereits eine von Österbybruk abweichende Raumaufteilung durchgesetzt, welche die Verlegung der Wohn- und Repräsentationsräume in das Obergeschoss vorsah, so insbesondere in den Bauten von Hårlemans Nachfolger Jean-Eric Rehn. Eine wesentliche Rolle spielten dabei vermutlich die schwedischen klimatischen Verhältnisse, die – im Vergleich zu Frankreich – die gesuchte Nähe zum Garten und der umgebenden Natur erschwerten. Mit den Wohnräumen im besser zu heizenden Obergeschoss veränderten sich auch die Fassaden hinsichtlich Raumhöhen und Fenstergrößen, was zu einem wesentlichen Charakteristikum der gustavianischen Architektur wurde.[6] |
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SeitenflügelIn den heute modernisierten Seitenflügeln orientierte sich der Grundriss an den jeweiligen Funktionen: In den beiden exakt gleich dimensionierten Eingangsbereichen lagen Treppen in das Kellergeschoss und führten Türen in die umliegenden Räume, die im Osten die Orangerie und im Westen ein Gewächshaus, eine große Küche und Wohnräume des Gärtners aufnahmen. Ostflügel: siehe Orangerie WestflügelIm Westflügel (Abb. 81, 94) führte eine Tür aus einem kleinen Eingangsbereich in ein Gewächshaus zur Gartenseite sowie eine weitere in eine hofseitig gelegene große Küche, der rückseitig eine Speisekammer zugeordnet war. Die Küche konnte auch aus dem Haupthaus über einen Korridor betreten werden, so dass sich die repräsentativen Räumlichkeiten schnell erreichen ließen. Erhalten hat sich ein großer aufgemauerter Feuerherd, der von einem ebenso massiven Rauchfang mit Gesims überspannt wird. Im Jahr 2023 wurde die Küche als Ausstellungsraum geöffnet (Abb. 95, 96). Von der kleinen Diele ließ sich ebenso das Gewächshaus betreten, von dem ein heute nicht mehr vorhandener Ausgang in den Garten führte. Am äußeren Ende des Gebäudes lag schließlich die Wohnung des Gärtners – als solche im Grundriss ausgewiesen – mit zwei Räumen zum Garten und einer Küche zum Hof. Die Wohnung wurde von der Stirnseite des Gebäudes über eine kleine Diele betreten. Erstaunlicherweise sind auf dem Grundriss keine Durchgänge zu Gewächshaus oder Küche vorgesehen. Inwieweit dies tatsächlich so umgesetzt wurde, ist aufgrund späterer Eingriffe nicht zu klären. Innenausstattung des Corps-de-LogisWährend sich der Grundriss in Österbybruk heute in seiner weitgehend ursprünglichen Form erhalten hat, ist die ab etwa 1780 ausgeführte Innenausstattung nur teilweise vorhanden und wurde vermutlich ab den 1820er Jahren umfassenden Veränderungen unterzogen.[7] Aus der Entstehungszeit ist der Kauf von 1378 Ellen Tapete[8] überliefert, von der sich jedoch keine Spuren erhalten haben. Auch die unter Per Adolf Tamm in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vermutlich erneuerten Tapeten sind heute mehrheitlich nicht mehr vorhanden – nur in einem hofseitigen Raum im Erdgeschoss finden sich Reste einer Iristapete (Abb. 97), die ab den 1820er Jahren auf dem Markt war. Diese Art Tapete erreichte durch eine subtile Farbnuancierung mit grünem stilisiertem Blattwerk auf grauem Grund ein effektvolles Farbspiel. Vermutlich wurde Schweinfurter oder Scheeles Grün verwendet, das jedoch aufgrund des Zusatzes von Arsen giftig war.[9] Ihre Anbringung in einem untergeordneten Raum zur Hofseite verweist auf den hohen Anspruch der Innenausstattung unter Per Adolf Tamm. Aus dem 18. Jahrhundert haben sich einige Elemente der wandfesten Ausstattung erhalten. Dazu zählt vermutlich auch die zweiflügelige und kassettierte Eingangstür mit aufwendiger Ornamentgestaltung (Abb. 254, 255): Im oberen Teil alternieren Schild- mit Perlenmotiven; darunter rahmt eine große Schleife eine Rosette, an der ein stilisiertes Eichenlaubbündel hängt. Die hier aufgenommene Formensprache ist für die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts durchaus typisch und findet sich in zahlreichen Variationen in graphischen Vorlagen (Abb. 266). Im Vestibül (Abb. 98–101) konnten an der Decke Teile einer einstigen Bemalung freigelegt werden, die mit stilisierten Greifen, Füllhörnern, Medaillon und Maske einem typischen klassizierenden Schema folgt und verbreitete antikisierende Formen aufgreift. Auch diese Ornamentik war in zeitgenössischer Vorlagegraphik vielfach variiert worden. Die Wand besaß einst eine dekorative Malerei, die vollständig in Form von gelb-rot-blauen Rahmungen um blau-grüne Felder rekonstruiert worden ist.[10] Im großen Saal zum Garten gliedern kannelierte Pilaster die Wände und schmücken große, halbrunde Supraporten mit geschnitztem Stuck die vier Türen (Abb. 102–105). Restauratorisch freigelegte Motive an der Wand lassen auch hier auf eine einst existierende Wandausstattung schließen (Abb. 106). Alle Supraporten zeigen dasselbe Motiv einer Rosette, die von Akanthusranken umfangen wird, sowie weitere Blumen- und Girlanden-Motive. Eventuell waren diese Flachreliefs einst vergoldet. Das Rosettenmotiv wird auch in den ebenfalls als Flachrelief ausgeführten, im Aufwand jedoch etwas zurückgenommenen Supraporten in den jeweiligen sängkammare der Enfilade verwendet (Abb. 107–110). Beide Felder über dem Türstock zeigen hier florale Motive, die von einer zentralen Rosette auslaufen – in jenem der Hausherrin Eichenranken, in jenem des Hausherrn Akanthusranken. Das Rosettenmotiv erscheint erneut in einem Fries unter dem Türstock. In den Vorzimmern der beiden Appartements zeigen die Supraporten jeweils eine sich ähnelnde gemalte Komposition mit einer Urne vor einem Ausblick in den Himmel, dessen Illusionismus durch die Darstellung fingierter, kassettierter Innenseiten verstärkt wird. Im Vorzimmer der Hausherrin wurde der Hintergrund weiß übermalt, war jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit nach demselben Prinzip gestaltet. Beide Supraporten sind mit demselben skulptierten Fries unterfangen (Abb. 4, 112–115). Jene gemalten Supraporten tragen die Handschrift Jean-Eric Rehns, der in Form und Motiv ähnliche Kompositionen in den 1760er Jahren für einige Supraporten im Herrenhaus von Erstavik umsetzte, wofür sich ein Entwurf erhalten hat (Abb. 116).[11] Lundgren wies darüber hinaus auf stilistische Parallelen zu den rundbogigen Supraporten im Saal von Övedskloster hin, die ebenfalls von Jean-Eric Rehn entworfen wurden.[12] Seine Anwesenheit in Österbybruk erscheint folglich überaus wahrscheinlich. Dass auch im Obergeschoss eine aufwendige Ausstattung vorhanden war, lässt die einzige originale Gestaltung eines kleinen Raumes zur Hofseite vermuten (Abb. 117–120): Trotz seiner wenig exponierten Lage am Ende des Korridors findet sich dort eine bemalte Wandtapete, die einen fingierten Goldrahmen und Blumengirlanden mit feinen Details zeigt. Vermutlich hingen in den großen, heute leeren Flächen einst Gemälde oder Tapisserien. Die gemalten Rosen sind offenkundig von derselben Hand wie jene in den Supraporten im Erdgeschoss, so dass für die Ausführung von demselben Maler ausgegangen werden kann. Vermutet wurde Fredrik Wilhelm Gottman, der im ausgehenden 18. Jahrhundert vornehmlich dekorative Arbeiten in Adelspalästen und auch im Stockholmer Schloss ausführte. Sein Vater hatte das Altarbild für die brukskyrka im Vorbau des Herrenhauses geschaffen.[13] In den Innenräumen sind zudem die im Corps-de-logis in beiden Geschossen aufgestellten 17 Kachelöfen hervorzuheben, die teilweise durch Petter Jung aus Uppsala geliefert wurden und mehrheitlich noch vor Ort sind[14] (Abb. 121, 122). Zwei weitere Öfen stammen aus der Porzellanmanufaktur Marieberg und entstanden im Auftrag von Henrik Wilhelm Peill (Abb. 128–130). Ihre Aufstellung in den Räumen beidseitig des Saals ist in Hebbes Bericht 1781 belegt, der die Öfen explizit hervorhebt.[15] Marieberg war eine prestigeträchtige Manufaktur auf Kungsholmen in Stockholm, die 1767 mit der Herstellung von Kachelöfen begann und bereits wenige Jahre später nach ganz Schweden und darüber hinaus lieferte.[16] In der Herstellung und Bemalung der Kacheln, meist Fayencen, kamen verschiedene, ausgefeilte Techniken zur Anwendung, für die vor allem eine dicke und glänzende Zinnglasur sowie präzise Malereien charakteristisch waren. Neben den verbreiteten Weiß- und Blautönen wurden insbesondere gelbe, grüne und violette Farben verwendet. [17] Das motivische Repertoire war vielfältig und reichte von einfach bis aufwendig, wobei die Urheber nicht bekannt sind. Äußerst beliebt waren Blumenmotive, aber auch Stichsammlungen oder Werke zeitgenössischer Künstler dienten als Vorbilder für beispielsweise chinesisch inspirierte Serien, Embleme oder Ruinen.[18] Die beiden in Österbybruk erhaltenen Öfen haben Kacheln mit einer cremeweißen Glasur und einem grünen Rosenzweig mit drei rosafarbenen Blüten erhalten, von Marieberg „törnrosknoppar“ genannt.[19] Kachelöfen mit demselben Motiv haben sich heute in den Herrenhäusern Björksund[20] und Sturehov (Abb. 131) erhalten. Letzteres war im Besitz des wichtigsten Teilhabers und Repräsentanten der Manufaktur, Johan Liljencrantz, der in Sturehov eine große Anzahl an Kachelöfen aufstellen ließ.[21] Während in Österbybruk in den anderen Räumen der Enfilade heute große weiße Öfen aus dem 19. Jahrhundert stehen (Abb. 250), finden sich in den Nebenräumen von Erd- und Obergeschoss noch zahlreiche der originalen, meist blau-weiß gemusterten Kachelöfen. Mobile AusstattungDie mobile Ausstattung unmittelbar nach der Errichtung des neuen Herrenhauses ist nicht dokumentiert; das erste aussagekräftige Dokument ist das Nachlassinventar von Anna Johanna Grill (III) von 1809/1810.[22] Demnach hatte ein Großteil der Räume – mit Ausnahme des großen Saals – Rollos (rullgardiner) und Gardinen aus Nesselstoff (nättelduksgardiner) vor den Fenstern. Das Mobiliar war mehrheitlich modern und aus Mahagoni, aber auch älteren Datums: So standen beispielsweise im großen Saal 30 „gammalmodiga“ Stühle, sechs Tische und ein „forte piana“, was die Empfangs-Funktion des Raumes unterstreicht.[23] Noch 1908 befanden sich zahlreiche Familienporträts aus dem 18. Jahrhundert in den Räumen (Abb. 248).[24] In dem ebenfalls bewohnten Vorbau hingen im Obergeschoss seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert vier Ölgemälde (Abb. 133–134) mit Motiven von Österbybruk von Lorens Gottman, der auch das Altarbild für die Kirche gemalt hat.[25] Die Familie Grill hatte zahlreiche Verbindungen in die zeitgenössische Kunst- und Wissenschaftswelt. Claes Grill besaß eine der wichtigsten Kunstsammlungen seiner Zeit mit vornehmlich holländischen und zeitgenössischen schwedischen Werken[26], die indes in seinem Nachlassinventar (30.04.1768) mit dem Hinweis auf ein (heute verlorenes) Inventar von 1765 nicht berücksichtigt werden. Auch im Nachlass seines Halbbruders Johan Abraham Grill ist keine größere Kunstsammlung verzeichnet. Im Nachlassinventar von Anna Johanna Grill, Claes‘ Ehefrau, erscheinen 1778 insgesamt 56 Kunstwerke ohne genaue Angabe zu ihrem Aufbewahrungsort.[27] Das neue Herrenhaus in Österbybruk wurde erst zu Beginn der 1780er Jahre bezogen, als Claes und Anna Johanna Grill bereits verstorben waren – über ihre Tochter gelangten indes eventuell Werke hierher.[28] Eine entscheidende Rolle für den Aufbau einer Kunstsammlung spielte ohne Zweifel Henrik Wilhelm Peill, der enge Kontakte in künstlerische Kreise pflegte und zudem ein Neffe des Wiener Hofmalers Martin Meytens dem Jüngeren war. Letzterer vererbte ihm 1770 einige seiner Gemälde.[29] Insbesondere die Porträtmaler Gustav Lundberg und Alexander Roslin bewegten sich im Umkreis der Grill-Familie und waren mit zahlreichen Aufträgen für sie tätig. Gustaf Lundberg hatte nach einer Ausbildung bei David von Krafft über 25 Jahre erfolgreich in Paris gearbeitet, kehrte jedoch 1745 nach Stockholm zurück und zählte dort bald zu den wichtigsten Hofmalern. In der Österby-Sammlung befanden sich sieben Pastelle von seiner Hand, die zwischen 1755 und 1775 entstanden waren. Lundberg unterhielt offenbar enge Kontakte zu den Grills, die er in Söderfors und Österby besuchte. Desgleichen hielt er sich bei den Tessins auf Åkerö auf, wo die Familien Grill und Peill ebenfalls regelmäßig anwesend waren. Porträts existieren – teils in mehreren Versionen – von Claes und Anna Johanna Grill[30] (Abb. 55, 136), von Johan Abraham und Kristina Elisabeth Grill[31], außerdem von Adolph Ulric Grill[32] sowie Anna Johanna Grill und Henrik Wilhelm Peill[33]. Manche waren vermutlich anlässlich von Eheschließungen entstanden. Die Pastellporträts des Ehepaars Grill befanden sich in Godegård, das ab 1775 im Besitz von Jean Abraham Grill war, einem Neffen von Claes Grill.[34] Bei Lundbergs Tod 1786 trat Henrik Wilhelm Peill als Testamentsvollstrecker auf, was auf die enge Verbindung der Familien verweist.[35] Alexander Roslin lebte ab den 1750er Jahren hauptsächlich in Paris, wo er sich als Porträtmaler etablierte, Mitglied der Akademie wurde, eine Wohnung im Louvre und Zugang zum französischen Hof erhielt. Zur Familie Grill pflegte er weiterhin eine enge Verbindung. Henrik Wilhelm Peill wohnte während eines Paris-Aufenthalts 1766–1767 sogar zeitweise bei Roslin. Während seiner Aufenthalte in Schweden führte Roslin Aufträge nahezu ausschließlich für das Königshaus aus, machte für die Familie Grill jedoch einige Ausnahmen. Im Jahr 1767 entstand ein Selbstporträt des Malers mit seiner Frau, der Künstlerin Marie-Suzanne Giroust, die in der Arbeit an einem prominent im Bild platzierten Porträt von Peill gezeigt ist. Links im Bild sind auf einer Schatulle zwei kaum erkennbare Porträts erkennbar, vermutlich die künftige Frau Peills Anna Johanna Grill sowie ihre Mutter (Abb. 137).[36] Ein Porträt von Anna Johanna Grill (III) entstand 1775[37] und etwa zur selben Zeit schuf Roslin ein Familienporträt der verwitweten Anna Johanna Grill (I) mit ihren Kindern Anna Johanna (II) und Adolf Ulrik (Abb. 138).[38] Der verstorbene Claes Grill ist in Form eines Porträts von Gustav Lundberg als Bild im Bild im Hintergrund präsent. Das Gemälde entstand als Pendant zu einem Porträt von Carlos Grill, seiner Frau Hendrijna Meytens und deren Tochter Anna Johanna, gemalt von dem erwähnten Martin Meytens dem Jüngeren.[39] In Grillschem Besitz befand sich von Alexander Roslin außerdem das Gemälde der Dame mit dem Schleier (1768) (Abb. 139), ein Porträt seiner Frau Marie Suzanne Giroust, das 1769 in Paris ausgestellt worden war und in Österbybruk aufbewahrt wurde.[40] Anna Johanna Grill (II) und Henrik Wilhelm Peill waren auch im Besitz der Verschwörung des Claudius Civilis von Rembrandt,[41] das einst der in Amsterdam ansässigen Verwandten Sophia Grill gehört hatte und vermutlich 1666 in ihren Besitz gelangte.[42] Das Gemälde, bereits aufgeführt im Nachlassinventar von Anna Johanna Grill (I)[43], befand sich jedoch vermutlich in Stockholm. In Österbybruk scheinen Ende des 18. Jahrhunderts kaum bedeutungsvolle Gemälde aufbewahrt worden zu sein – dies zumindest legt das Nachlassinventar von Henrik Wilhelm Peill aus dem Jahr 1797 nahe.[44] Erst im 19. Jahrhundert nahm das Herrenhaus unter Per Adolf Tamm eine umfangreiche Kunstsammlung auf, die unter dem Namen „Österbysamlingen“ einige Bekanntheit erlangte. Die engen Verbindungen der Familie Grill zur Ostindien-Kompagnie hatten zweifelsohne direkten Einfluss auf die Ausstattung ihrer Anwesen, ermöglichten sie schließlich einen direkten Zugang zu ostasiatischer Importware. Über mehrere Generationen hinweg waren diverse Familienmitglieder eng mit der Kompagnie verbunden, darunter insbesondere Claes, Johan Abraham und ihr Neffe Jean Abraham Grill – letzterer war für verschiedene europäische Handelshäuser tätig und verbrachte mehrere Jahre im chinesischen Kanton. In Godegård, 1775 von Jean Abraham erworben, hingen die beiden erwähnten Pastellporträts des Ehepaars Claes und Anna Johanna Grill von Lundberg – umgeben von acht chinesischen Landschafts- und Architekturdarstellungen auf Reispapier sowie weiteren kleinformatigen Gemälden mit chinesischen Motiven.[45] In Svindersvik, in den 1740er Jahren als Sommerresidenz für Claes Grill entstanden, befanden sich in einem Raum chinesische Reispapiertapeten mit Blumen- und Vogelmotiven (Abb. 66). Hervorzuheben ist zudem ein im Auftrag der Grills entstandenes chinesisches Porzellanservice mit Wappen und Monogrammen, dessen ornamentales Muster Jean-Eric Rehn zugeschrieben wird (Abb. 140).[46] Für Österbybruk sind indes keine direkten chinesischen Einflüsse auf die Ausstattung überliefert. BedienstetenwohnungIn einem Zwischengeschoss, das über einen Treppenabsatz auf halbem Weg in das Obergeschoss erreichbar ist, liegt eine zweiräumige Bedienstetenwohnung (Abb. 141, 142). Die kleinen Räume haben niedrige Decken und verfügen über kleine Fenster auf Bodenhöhe zur Hofseite sowie im vorderen Raum zu dem dahinter liegenden Korridor im Erdgeschoss. Beide Räume sind zudem mit vermutlich aus der Entstehungszeit datierenden, schlichten Kachelöfen ausgestattet, die der niedrigen Raumhöhe angepasst wurden und darin eine echte Rarität darstellen. Vermutlich handelte es sich um die Wohnräume eines leitenden Bediensteten, der sich von diesem Standort aus schnell in alle wichtigen Bereiche des Hauses bewegen konnte. Zugleich bedeutete eine beheizbare Zweiraumwohnung innerhalb des Herrenhauses in jener Zeit zweifellos eine äußerst luxuriöse und komfortable Wohnsituation für einen Bediensteten. Aus heutiger Perspektive eröffnet sich hier ein wertvoller Einblick in die Lebensbedingungen des im Herrenhaus tätigen und wohnenden Dienstpersonals. KellergeschossDas Hauptgebäude des Herrenhauses mit Seitenflügeln ist auf ganzer Länge unterkellert. Unter der heute seitlich an die Orangerie angrenzenden Terrasse hat sich ein Kellerbereich des Vorgängerbaus erhalten, der ursprünglich näher am Herrgårdsdammen stand. In der stützenden Steinmauer der Terrasse befindet sich ein Zugang zu diesem älteren, schmaleren Teil (Abb. 16, 143), der sich durch seine grob behauenen Steine sichtbar von dem Keller des Neubaus aus den 1760er Jahren absetzt. Auch in den bereits unter der Orangerie liegenden Räumen scheinen Teile der alten Mauern wiederverwendet worden zu sein, wie an den großen, unregelmäßig bearbeiteten Steinen abzulesen ist (Abb. 144, 145). Das gesamte Kellergeschoss ist in einem vermutlich aus der Bauzeit stammenden Plan festgehalten (Abb. 83). Es besaß eine Reihe von kleinen, rechteckigen Öffnungen, die im Steinsockel unter den großen Fenstern des Gebäudes sichtbar und größtenteils bis heute erhalten sind (Abb. 80). Auch im Grundriss des Kellers sind die Öffnungen eigenzeichnet. Sie dienten der Belüftung und dem Einfall von etwas Tageslicht und konnten durch oben abgerundete Eisenklappen verschlossen werden. Das Material bot nicht nur Schutz vor längeren Schneelagen, sondern erklärt sich vermutlich auch über die lokal verfügbaren Eisenressourcen. In der Fassade unterstrichen die Klappen die Rhythmisierung über die Fenster. Die räumliche Unterteilung des Kellers orientiert sich mit den tragenden Wänden in etwa an jener des Erdgeschosses. Neben dem erwähnten Zugang unter der Terrasse gibt es einen weiteren direkten Zugang an der westlichen Stirnseite des Gebäudes – hier in Form einer kleinen Treppe – sowie insgesamt drei Treppen, die Verbindungen innerhalb des Hauses schufen. Die größte Treppe befindet sich zentral unter jener in das Obergeschoss und wird durch einen kleinen Korridor erschlossen, der vom Vestibül bis in die Küche des Seitenflügels führt (Abb. 146). Zwei weitere kleine, heute nicht mehr genutzte Treppen liegen in den jeweiligen Seitenflügeln, wo sie in die Eingangsräume führen. Während der direkte Zugang in der Orangerie in erster Linie das Befeuern des im Keller installierten Heizsystems vereinfachte, diente der Bereich unter dem westlichen Seitenflügel vermutlich auch der Lagerung von Nahrungsmitteln für die Küche. Die dortige kleine Treppe führte in den Eingangsbereich, der wiederum einen direkten Zugang zur Küche besaß. Die beiden äußeren Zugänge an den Stirnseiten des Gebäudes dienten zweifelsohne auch der praktikablen Belieferung des Kellers und der einfachen Zirkulation, etwa von Brennmaterial. DachstuhlDie Haupttreppe in Österbybruk führt weiter bis in den Dachstuhl, der auf ganzer Länge des Hauses nahezu ohne Unterteilungen erhalten ist (Abb. 147, 148). Es erscheint folglich unwahrscheinlich, dass sich hier einst Kammern, etwa für die Dienerschaft, befanden. Der Dachstuhl erstreckt sich bis zum kuppelähnlichen Aufsatz des Daches, der beidseitig mit einem Rundfenster (Abb. 149, 150) versehen ist. Dieses Fenster bildet an der Gartenfassade einen Teil des Giebels und ist an der Hoffassade in das Dach eingelassen. Weitere Gaubenfenster – je eines an den Stirnseiten und zwei weitere an der Längsseite zum Garten – lassen begrenztes Tageslicht ein. Es ist anzunehmen, dass der Dachstuhl in weiten Teilen aus dem 18. Jahrhundert stammt, da zahlreiche Balken keine maschinelle Bearbeitung aufweisen. Unter den heute auf dem Dachboden gelagerten Objekten finden sich eventuell noch einige Stücke aus dem 18. und 19. Jahrhundert: So ist beispielsweise ein Billardtisch erhalten, der vermutlich einst in dem entsprechend bezeichneten Raum im ersten Obergeschoss stand.
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