11. Kirche
- 01. Einführung
- 02. Forschungsstand
- 03. Geschichte der Anlage vor dem 18. Jahrhundert
- 04. Überblick zur Gesamtanlage
- 05. Wirtschaftlicher Kontext
- 06. Besitzverhältnisse im 18. Jahrhundert
- 07. Herrenhaus: Baugeschichte und Architektur
- 08. Innenräume im 18. Jahrhundert
- 09. Garten und Park im 18. Jahrhundert
- 10. Wirtschaftsgebäude
- 11. Kirche
- 12. Geschichte der Anlage nach dem 18. Jahrhundert
- 13. Quellen- und Literaturverzeichnis
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Zu Beginn der 1630er Jahre begannen die Umgestaltungen des Herrenhaus-Areals unter Jean Jacques De Geer mit der Errichtung zweier sich gegenüberliegenden Gebäude, die später zu den Vorbauten des Corps-de-Logis wurden. Eines der Gebäude wurde am 30. November 1735 zur Kirche geweiht (Abb. 22).[1] Ihr Standort machte die brukskyrka zu einem integralen Bestandteil der repräsentativen Herrenhausanlage, doch diente sie in erster Linie der mehrheitlich calvinistisch geprägten wallonischen Bevölkerung, die seit dem 17. Jahrhundert in der Eisenhütte beschäftigt war.[2] Österby hatte eigene Prediger: Der erste – Jacques Potheuck – kam 1636 aus Amsterdam und auch seine Nachfolger sind namentlich überliefert.[3] Architektonisch folgt die Kirche dem gleichen Schema wie das ihr gegenüberliegende Wohnhaus. Leitgebend war dabei die Errichtung eines Ensembles aus Herrenhaus und passenden Vorbauten, so dass die Kirche eine entsprechend weltliche Gestaltung erhalten hat. Der schlichte Bau auf rechteckigem Grundriss[4] hat ein Säteridach mit schwarz geteerten Schindeln und ovalen Dachgauben. Die Fenster auf der Westseite gab es ursprünglich nicht. Während der Haupteingang nach Norden weist, existierte im Chor auf der Südseite einst eine weitere kleine, heute zugemauerte Tür, die von den Bewohner:innen des Herrenhauses genutzt wurde.[5] Der Innenraum der Kirche umfasst (Abb. 231–236) einen Vorraum mit Aufgang zur Empore, einige kleine, funktionale Räume sowie einen großen rechteckigen Kirchenraum. Dessen Ausstattung ist schlicht: Die Wände sind hell getüncht und zur Decke mit einer profilierten, marmorierten Leiste abgegrenzt. Der Gewölbespiegel ist durch umlaufende Leisten nochmals abgesetzt. Die Decke ist in Grau gehalten und mit wolkenähnlichen Strukturen sowie Sternen gestaltet.[6] Einzelne Gemälde und Ausstattungsobjekte setzen Akzente[7]: Aus der Entstehungszeit der Kirche stammt die Kanzel (1736), die mit vergoldeten Stuckelementen, Engelsköpfen und Girlanden geschmückt und mit dem von Löwen flankierten Wappen der De Geers bekrönt ist. Verwiesen ist auf Jean Jacques De Geer, der die Kosten für den Kirchenbau getragen hatte.[8] Das Altarbild zeigt eine Kreuzabnahme, die von Lorens Gottman um 1750 nach einem Gemälde von Jean Jouvenet von 1697[9] entstanden ist. Jouvenets Gemälde hat Gottman vermutlich nicht im Original gekannt, sondern seine Version nach einem Stich[10] geschaffen, worauf die seitenverkehrte Darstellung und die vom Original gänzlich abweichende Farbwahl verweisen.[11] Das Gemälde wurde wahrscheinlich im Zuge der Neuerrichtung des Herrenhauses in der Kirche aufgehängt.[12] Hervorzuheben ist außerdem die Empore mit der Orgel, die von vier Säulen getragen wird. Auf ihr ist zentral das vergoldete Wappen der Grills angebracht: Ein Kranich, der eine Grille im Schnabel hält und von einer Blumengirlande umrahmt wird (Abb. 57). Auch eine der Liedertafeln stammt noch aus dem Jahr 1750; eine zweite ist in Form einer Gipskopie von 1904 erhalten.[13] Schließlich zählen vermutlich zwei weitere Gemälde zur Ausstattung des 18. Jahrhunderts: So eine seitenverkehrte Kopie eines unbekannten Künstlers nach Peter Paul Rubens Der Zinsgroschen[14], die wahrscheinlich ebenfalls auf einen Stich zurückgeht, wobei die Farbgebung durchaus nah am Original bleibt.[15] Ein weiteres Gemälde zeigt Isaak, der Jakob segnet, geschaffen 1551 von dem flämischen Maler Jan Sanders van Hemessen. Das Werk war einst im Besitz von Kaiser Rudolf II. in Prag und gelangte im 30jährigen Krieg als Beute nach Schweden – sein Weg in den Besitz der Familie De Geer und in die Kirche von Österbybruk ist unklar.[16] Weitere Objekte sind späteren Datums. Vieles wurde anlässlich einer umfassenden Restaurierung 1953–1954 eingerichtet.[17] Zur Kirche von Österbybruk gehört ein freistehender, hölzerner Glockenturm (klockstapel), der vermutlich im Zuge des Baus der Kirche um 1735 errichtet wurde (Abb. 237, 238). Sein ursprünglicher Standort an der Ecke der Långgatan und Gimogatan, wo sich die Wohnhäuser der Arbeiterschaft befanden, war bewusst gewählt und zeigt, dass seine Funktion nicht nur darin bestand, zum Gottesdienst zu rufen, sondern auch die täglichen Arbeitszeiten der Menschen zu regeln oder besondere Ereignisse anzukündigen.[18] Anlässlich einer grundlegenden Restaurierung 2010 wurde der Glockenturm aus konservatorischen Gründen um wenige Meter versetzt.[19] Der Zeiger des Ziffernblatts zeigt nur die Stunden an. Auf einem Gemälde von Lorens Gottmann, vermutlich in den 1760er Jahren entstanden, erscheint der Glockenturm prominent in der rechten Bildmitte[20] (Abb. 134). Wenige Jahre nach der Wiederaufnahme der Bauarbeiten am Corps-de-Logis wurde 1767 auch die nahe Österby gelegene Kirche von Film (Abb. 239) erweitert. Der ursprüngliche Bau, der wahrscheinlich in die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts zurückreicht, erhielt einen großen Anbau für die Arbeiterschaft der Eisenhütte. Dies war in erster Linie eine Reaktion auf die deutlich gestiegene Bevölkerungszahl in Österbybruk und der umliegenden Region. Carl Johan Cronstedt fertigte 1765 eine Fassadenzeichnung an.[21] In der Kirche befindet sich das Grab des 1756 verstorbenen Antoine De Geer sowie ein ihm gewidmetes Epitaph von 1770. Auch die Familie Tamm, in deren Besitz Österbybruk im 19. Jahrhundert war, wählte die Kirche in Film als ihren Begräbnisort und ließ dort ein Kolumbarium errichten, das 1832 fertiggestellt wurde.[22] Generell stand den zahlreichen profanen Neubauten in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in der Region eine äußerst geringe Bautätigkeit im sakralen Bereich gegenüber. Manche Kirchen aus Holz wurden nach und nach durch repräsentativere Steinbauten ersetzt. In den uppländischen Eisenhütten setzte nach dem Großen Nordischen Krieg auch im Kirchenbau eine Erneuerungsphase ein, die sich bis in das 19. Jahrhundert zog. Dabei zeigte sich eine große Vielfalt an Bautypen. Zuerst erhielt Lövstabruk 1727 einen neuen Kirchenbau (Abb. 240), gefolgt von Österbybruk, wo man sich auch architektonisch zweifelsohne an Lövsta orientierte. Während es in Gimo überraschenderweise keine Kirche gab, wurden in Forsmark und Söderfors erst in den 1790er Jahren eigene Kirchenbauten errichtet und dies von überregional bekannten Architekten: Während in Forsmark Olof Tempelman beschäftigt wurde, verpflichte Adolf Ulrik Grill in Söderfors Erik Palmstedt, der etwa 20 Jahre zuvor in Österbybruk tätig gewesen war. Die familiären Netzwerke spielten für die Wahl des Architekten zweifelsohne eine Rolle.[23] In Forsmark und Söderfors besaßen die Besitzer der Eisenhütten auch die Patronatsreche und verbanden so ihren wirtschaftlichen Aufstieg mit den traditionellen Symbolen einer Aristokratisierung.[24]
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