06. Besitzverhältnisse im 18. Jahrhundert
- 01. Einführung
- 02. Forschungsstand
- 03. Geschichte der Anlage vor dem 18. Jahrhundert
- 04. Überblick zur Gesamtanlage
- 05. Wirtschaftlicher Kontext
- 06. Besitzverhältnisse im 18. Jahrhundert
- 07. Herrenhaus: Baugeschichte und Architektur
- 08. Innenräume im 18. Jahrhundert
- 09. Garten und Park im 18. Jahrhundert
- 10. Wirtschaftsanlage
- 11. Kirche und Dorfstrukturen
- 12. Geschichte der Anlage nach dem 18. Jahrhundert
- 13. Quellen- und Literaturverzeichnis
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Die Baugeschichte von Christinehof wurde im 18. Jahrhundert maßgeblich durch Christina Piper geprägt und unter ihrem Sohn Carl Fredrik Piper fortgeführt. Während Christina Piper ständig in Krageholm lebte und Christinehof für temporäre, mehrheitlich geschäftlich begründete Aufenthalte nutzte, bewohnte ihr Sohn das Haus nach seinem Ausscheiden aus staatlichen Ämtern mehrere Monate im Jahr. Christina PiperHerkunftChristina Piper (Abb. 2) wurde 1673 in eine vermögende Kaufmannsfamilie in Stockholm geboren und wuchs in einem Milieu des aufstrebenden Bürgertums auf, das in zunehmender Opposition zum alten Adel seine Macht- und Einflusswege ausbaute.[1] 1690 heiratete sie den 26 Jahre älteren Carl Piper[2], einen Stiefbruder ihres Vaters, der eine schnelle Karriere im Staatsdienst vollzog und zum einflussreichsten Berater von Karl XI. und anschließend von Karl XII. aufstieg.[3] Carl Piper wurde 1678 geadelt[4] und bekleidete mehrere wichtige politische Ämter, darunter jene des Kanzleirats und Staatssekretärs. Mit ihrem Mann bildete Christina Piper ein effektiv agierendes politisches Paar im elitären und höfischen Milieu Stockholms, wobei man sich über sie offenbar vor allem eine Einflussnahme auf ihren Mann oder sogar das Königshaus erhoffte.[5] Zwei ähnlich komponierte Porträts, entstanden Ende des 17. Jahrhunderts vermutlich im Atelier von David Klöcker Ehrenstrahl[6] (Abb. 46–47), vermitteln den Status des Paares: In herrschaftlichem Habitus sitzen Carl und Christina Piper in einem repräsentativen Innenraum mit Ausblick am rechten Bildrand, hinterfangen von schweren Draperien. Der Hermelinmantel, den beide tragen, verweist auf Carl Pipers hohe Stellung im Machtgefüge. Christinas Porträt orientiert sich an jenem ihres Mannes: Ihre Rolle und Identität wird im Verhältnis zu ihm formuliert.[7] Zugleich ist ihrem Porträt eine wirkmächtige Referenz eingeschrieben, denn es lehnt sich in augenfälliger Deutlichkeit an ein Porträt von Prinzessin Hedvig Sofia, Schwester von Karl XII., von David von Krafft an (Abb. 48).[8] Fast könnte man angesichts der kompositorischen Nähe eine gesuchte Konkurrenz vermuten; in jedem Fall unterstreicht die selbstbewusste Übernahme einer königlichen Porträtsprache die mächtige Stellung der Pipers bei Hof.[9] Carl Piper begleitete den König auf zahlreichen Reisen, so dass Christina Piper früh eigenverantwortlich handelte.[10] Zwischen 1693 und 1707 bekam sie vier Töchter und einen Sohn, deren Lebenswege und standesgemäßes Fortkommen sie zeitlebens intensiv mitbestimmte. Frühe Wohnsitze in StockholmNach ihrer Hochzeit blieb Stockholm zunächst Hauptwohnsitz der Pipers, wo sie im ausgehenden 17. Jahrhundert eine Reihe von Bauprojekten initiierten und dafür die in der Zeit renommiertesten schwedischen Künstler beschäftigten. So realisierte Nicodemus Tessin d. J. den Anbau zweier Flügel am Petersén-Haus[11] (Abb. 54–55) und ließ für die Innenausstattung Möbel und Kunstgegenstände aus Paris und Italien kommen.[12] Parallel entstand, eventuell ebenfalls unter Tessins Beteiligung, ein dreigeschossiges Gebäude in der Munkbrogatan, bekannt als Piperska palatset (Abb. 56), das jedoch bald vermietet wurde.[13] Ein drittes, 1694 erworbenes Anwesen befand sich auf Kungsholmen, wo 1695 die Arbeiten an einem äußerst aufwendigen Barockgarten begannen, für den der wegweisende Gartenarchitekt Johan Hårleman verpflichtet wurde.[14] Landbesitz und HerrenhäuserDer soziale Aufstieg der Pipers zog eine gesuchte Annäherung an aristokratische Lebensformen und den Besitz von Land nach sich: Mit Sturefors (Abb. 57) wurde 1699 der erste größere Grundbesitz außerhalb von Stockholm erworben. Nicodemus Tessin d. J. realisierte gemeinsam mit seinem Schüler Göran Josua Adelcrantz ein aufwendiges Anwesen mit Garten, der insbesondere französische Einflüsse offenbart. Christina Piper begleitete während der zahlreichen Abwesenheiten ihres Mannes die Arbeiten mit großem Interesse und brachte eigene Vorstellungen in den Entwurfsprozess mit ein – offenbar nicht immer in Tessins Sinne.[15] Auch in den folgenden Jahren unternahm Christina Piper umfangreiche Investitionen in Landsitze, mit Vorliebe in Schonen, wo aufgrund der klimatischen Bedingungen die Landwirtschaft besonders ertragreich war. Zudem nahmen die Grundbesitzenden in den ehemals dänischen Gebieten in Bezug auf die zu leistende Fronarbeit (dänisch hoveri) eine starke Position ein. Schonen blieb zugleich aufgrund des anhaltenden Konflikts mit Dänemark, das 1709 erneut angriff und 1710 geschlagen wurde, eine instabile Region. Die Folgen des Krieges in Form von Belagerungen, Plünderungen und Verwüstungen waren verheerend. [16] Christina Piper investierte unbeirrt: In Schonen gelangten 1704 Krageholm (ihr späterer Hauptwohnsitz) (Abb. 58), 1707 das nahe gelegene Högestad (Abb. 59) und 1708 Baldringe in ihren Besitz. Zeitgleich vergrößerte sie den Landbesitz um Sturefors. Im Jahr 1710 erwarb sie das Gut Ängsö (Abb. 60–61) im Bezirk Yttertjurbo in Västmanland, wo Carl Pipers Vater einst Bezirksvorsteher (häradshövding) gewesen war. Obwohl nur zeitweiliger Wohnsitz, wurde Ängsö zu einem wichtigen familiären Ort, dessen Kirche der Familie als Begräbnisstätte dienen sollte.[17] In Schonen gelangten neben dem 1725 weitgehend abgeschlossenen Erwerb von Andrarum weiterhin Toppeladugård (Abb. 62) und Assatorp (1720), Björnstorp (1725), Glimmingehus (1736), Östra Torup (1736) und eine Reihe weiterer kleinerer Höfe in Christina Pipers Besitz. Noch 1738 übernahm sie nach dem Tod ihres kinderlosen Bruders Mikael Törnflycht dessen Gut Hässelbyholm (Abb. 63), wo sie sich ab 1745 für vier Jahre niederließ.[18] In ihren Investitionen zeigte sich früh ein wiederkehrendes Muster: Christina Piper erwarb vorzugsweise Objekte und Ländereien von finanziell angeschlagenen oder ruinierten Besitzern. Sie profitierte dabei auch von der zunehmenden Verarmung des alten Adels, bedingt durch die hohen Abgaben, die der Krieg forderte.[19] Finanziell hatte sie selbst einen soliden Ausgangspunkt, insbesondere durch ein großes Erbe nach dem Tod ihres Vaters 1713 sowie das Vermögen, das ihr nach Carl Pipers Tod zufiel.[20] Ihr Land- und Immobilienerwerb ging auffallend oft mit Konflikten und rechtlichen Streitigkeiten mit den ehemaligen Besitzenden einher, die sie indes hartnäckig und meist zu ihrem Vorteil durchstand.[21] Bei allem geschäftlich-finanziellem Hintergrund spielten auch die bauliche Repräsentation und damit verbundenes Prestige stets eine große Rolle. Dies zeigen die diversen Bau- und Gartenprojekte, die sie an den erworbenen Standorten mit teils hohem Aufwand initiierte. Christina Piper verband in der Gestaltung ihrer Anwesen eine praktikable Zweckmäßigkeit mit einem hohen repräsentativen Anspruch, wofür gerade Christinehof ein anschauliches Beispiel bietet.[22] Christina Piper als Witwe und FamilienoberhauptMit dem Tod von Carl Piper 1716 in russischer Gefangenschaft nahm Christina Pipers (Abb. 64) Leben eine grundlegende Wendung. Bald nach Ende des Großen Nordischen Krieges verlegte sie ihren Hauptwohnsitz nach Krageholm (Abb. 58), wo sie den Neubau des dortigen Anwesens vorantrieb. Der endgültige Schritt nach Schonen bedeutete auch eine Abkehr von der politischen Bühne Stockholms, wo sie ohne Carl Piper kaum noch Einfluss- und Handlungsräume besaß. Ihre einstige wichtige Stellung in Kreisen der Staatseliten an der Seite ihres Mannes ersetzte sie durch ein zielstrebiges Engagement in Industrie, Handel und Landwirtschaft.[23] Maßgeblicher Antrieb ihrer Entscheidungen waren Status und Fortkommen ihrer Familie, wobei in erster Linie der einzige Sohn Carl Fredrik im Fokus stand, ebenso die standesgemäße Verheiratung ihrer Töchter und die Werdegänge der Schwiegersöhne.[24] Nach dem frühen Tod zweier Töchter nahm sie zudem mehrere Enkelkinder bei sich auf, deren Lebenswege sie nachhaltig bestimmte.[25] Ihre umfangreiche Korrespondenz offenbart ihre dominierende Stellung innerhalb der Familie – bis hin zu einer kontrollierenden und vielfach kritisierenden Haltung.[26] Ihre Vorstellungen waren geleitet von pietistischen Überzeugungen und einem disziplinierten Arbeitsethos, verbunden mit Ausdauer und unermüdlichen Bemühungen um die Stärkung des familiären Einflusses. Wiederholt zeigen ihre Briefe Skepsis und Besorgnis ob der Fähigkeit ihrer Nachkommen, den aufgebauten Besitz und das umfangreiche Vermögen zu bewahren.[27] Angesichts ihrer sich verschlechternden Gesundheit unterteilte Christina Piper im Jahr 1747 ihr Vermögen schließlich in vier Fideikommisse, um den Besitz langfristig in der Familie zu halten – was ihr mit diesem Schritt nachhaltig (bis heute) gelang.[28] Die vier Fideikommisse teilten sich wie folgt auf: Andrarum mit den Höfen Torup, Högestad und Baldringe (Carl Fredrik und Nachkommen) Ängsö (Carl Fredrik und Nachkommen) Sturefors und Viggbyholm (Enkel Nils Adam Bielke) Hässelbyholm (Enkelin Eva Bielke) Die Verteilung ihres Nachlasses war bezogen auf die Güter denkbar ungleich. Ihr Sohn Carl Fredrik erhielt bei Weitem das größte Erbe, während manche ihrer Kinder und Enkelkinder nicht berücksichtigt wurden. Trotz der daraus folgenden Unstimmigkeiten blieb die Verteilung weitgehend so bestehen.[29] Aus heutiger Perspektive erscheint Christina Piper als eine für ihre Zeit außergewöhnlich unabhängige und selbstbestimmte Frau, die sich als Witwe erfolgreich in einer männlich dominierten, frühindustriellen Geschäftswelt behauptete. Dennoch blieb sie zeitlebens einem traditionellen Gesellschaftsmodell verhaftet: Keine ihrer Töchter folgte ihr in ihrer Laufbahn. Auf Betreiben ihrer Mutter nahmen sie ausnahmslos den zeittypischen Weg in arrangierte und teils unglückliche, aber vorteilshafte Ehen. In dem von Christina Piper favorisierten System des Fideikommiss galt, dass stets der älteste Sohn erbte, wodurch Frauen in ihrer Stellung und ihren Handlungsräumen nachhaltig geschwächt wurden.[30] Nach Christina Pipers Tod wurden im zeitgenössischen Diskurs in erster Linie ihre karitativen Verdienste, ihr Pietismus sowie ihre Rolle als Mutter und trauernde Witwe hervorgehoben. Das Bild der erfolgreichen Geschäftsfrau ließ sich zunächst nicht unterbringen. In der späteren Rezeption bis ins 20. Jahrhundert hinein war ihr Ruf gerade in diesem Bereich lange negativ geprägt. Sie galt als geschickt, aber von persönlicher Gier getrieben – auch ihr Mann wurde als wenig erfolgreicher Emporkömmling dargestellt.[31] Christina Piper trat weder als Intellektuelle mit literarisch-künstlerischen Interessen noch als Sammlerin oder Förderin der bildenden Künstlern hervor. Dies bestätigt auch der Blick auf ihre Bibliothek in Krageholm, die nahezu ausschließlich religiöse Werke umfasste. Allerdings erkannte sie die hohe Bedeutung von Bildung insbesondere für das Fortkommen ihres Sohnes im Staatsdienst, rief darüber hinaus, teils gemeinsam mit Carl Frederik, mehrere Stipendien ins Leben, so in Lund und Uppsala.[32] Das Potential einer baulich-künstlerischen Repräsentation war Christina Piper stets bewusst. Ihr sozialer Aufstieg sowie die Konsolidierung ihres errungenen Status wurden kontinuierlich von prestigereichen Bau- und Gartenprojekten begleitet – jedoch stets unter Wahrung eines ausgeprägt rationalen und geschäftsorientierten Denkens. |
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Carl Fredrik PiperCarl Fredrik Piper (Abb. 53, 65) war, neben vier Töchtern, der einzige Sohn von Christina und Carl Piper und nahm als solcher eine herausgehobene Position ein. Als Haupterbe und designierter Nachfolger zeigte sich Christina Piper zeitlebens besorgt ob seines Werdegangs, den sie eng begleitete. Carl Fredrik erhielt eine siebenjährige Ausbildung an der Universität in Uppsala, womit ihm der Weg in den Staatsdienst – und keine militärische Laufbahn – vorgegeben wurde. Nach Abschluss seines Studiums wurde er 1719 zunächst Kammerherr am Hof von Königin Ulrika Eleonora.[33] Bereits ein Jahr später (1720) schickte ihn Christina Piper auf eine vierjährige Grand Tour nach Deutschland, Frankreich, Italien und England.[34] Die Reise kann als strategische Investition in die Zukunft ihres Sohnes gelten und diente der Vorbereitung auf den Eintritt in höchste gesellschaftliche Kreise.[35] Letzteres gelang ihm ohne größere Hindernisse: Unter dem schwedischen Botschafter Josias Cederhielm war er als kavaljer am russischen Hof, wurde 1727 außerordentlicher und 1733 ordentlicher Kammerrat, 1742 Hofkanzler und 1747 Präsident des Kammarkollegiums.[36] Bis in die 1750er Jahre lebte Carl Fredrik hauptsächlich in Stockholm und auf Ängsö, wo er sich nach seiner Hochzeit mit Ulrika Christina Mörner von Morlanda niederließ. Das Anwesen musste er zunächst von seiner Mutter pachten.[37] Er zeigte reges Interesse am zeitgenössischen politischen Geschehen, empfing regelmäßig die intellektuelle Elite Stockholms und war Großmeister des Awazu och Wallassis-Ordens. Im Jahr 1748 wurde er in die Kungliga Vetenskapsakademien gewählt. Im Gegensatz zu seiner Mutter pflegte Carl Fredrik intellektuell-bildungsbürgerliche Interessen, machte sich als Sammler von Büchern und Handschriften einen Namen und war mit zahlreichen Künstlern befreundet, darunter Carl Hårleman, Erik Tessin und der Schriftsteller Olof von Dalin.[38] Er war Mitglied des königlichen Numismatischen Comités, das ab 1744 eine Geschichte der schwedischen Numismatik erstellen sollte.[39] Eine umfangreiche Korrespondenz gibt Aufschluss zu dem engen Verhältnis zwischen Carl Fredrik und seiner Mutter, die insbesondere in seiner Jugend eine dominante Rolle einnahm (Abb. 66). Ihre Beziehung verschob sich zunehmend hin zu einem Verhältnis auf Augenhöhe. Mit ihrem Rückzug aus dem politisch-gesellschaftlichen Leben in Stockholm und den teils schwierigen Verhältnissen zu ihren Schwiegersöhnen stand Christina Piper zunehmend in einer Abhängigkeit zu ihrem Sohn, der ihr Kontakte und Zugang zu ihr sonst verschlossenen Räumen verschaffen konnte.[40] Nach ihrem Tod übernahm Carl Fredrik 1752 die Alaunhütte mit Christinehof, lebte dort jedoch zunächst nicht dauerhaft. Im Anschluss an den Reichstag von 1756 – vier Jahre nach Christina Pipers Tod – legte Carl Fredrik seine Ämter in Stockholm nieder und zog sich auf die familiären Anwesen in Schonen zurück. Einem Inventar aus dem Jahr 1758 nach zu urteilen, verbrachte er mit seiner Familie mehrere Monate im Sommer und Herbst in Christinehof: Der Verbrauch von Brennholz ist dort für die Monate Juli bis Oktober angegeben.[41] Das Paar hatte fünf Kinder, von denen vermutlich die zu diesem Zeitpunkt noch unverheiratete Tochter Ulrika Fredrika (geb. 1732) sowie die Söhne Fredrik Thure (geb. 1741) und Adolf Ludvig (geb. 1750) mit ihren Eltern in Christinehof lebten. Die früh verwitwete Tochter Christina Charlotta (Abb. 49) hielt sich wahrscheinlich nicht ständig in Christinehof auf, ebenso wenig Carl Gustaf, der bereits 1754 sein Studium in Uppsala abschloss und in das Berufsleben eintrat.
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