10. Wirtschaftsanlage

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Christinehof entstand als Teil einer Alaunhütte, die fast zwei Kilometer westlich lag und ein weiträumiges Ensemble aus Arbeiterhäusern, Produktionsstätten und Verwaltungsgebäuden bildete. Neben diesem hauptsächlichen Wirtschaftsfaktor existierte eine beachtliche landwirtschaftliche Produktion, die darauf ausgerichtet war, die Beschäftigten der Alaunhütte – zeitweise mehrere Hundert Menschen – zu versorgen. Ein Teil des Lohns wurde seit dem späten 17. Jahrhundert in Naturalien ausgezahlt und es entwickelte sich ein weitgehend autarkes Versorgungssystem innerhalb der Alaunhütte. Zwei Fischteiche und ein großes Scheunen- und Stallgebäude lagen unmittelbar neben dem Herrenhaus.

Die beiden Fischteiche, auf Adolf Fredrik Barnekows Zeichnung (Abb. 24) abgebildet und in Johan Lorentz Gillbergs Beschreibung genannt[1], wurden seitlich der zentralen Zufahrtsachse angelegt (Abb. 32, 131). Ihre exponierte Lage verweist auf die Tradition und Bedeutung, die der Fischzucht gerade in Schonen beigemessen wurde. Die beiden Teiche in Christinehof waren unter ökonomischen Aspekten von geringer Bedeutung, zumal andere Anwesen in Schonen um ein Vielfaches größere Teichwirtschaften mit Teichen in zweistelliger Zahl betrieben.[2] Auch Christina Piper ließ in Krageholm einen Stausee sowie weit entwickelte Karpfenteiche anlegen, die durch Pumpen und Kanäle verbunden waren und zudem die Scheune, die Küche sowie den Brunnen im Garten mit Wasser versorgten.[3] Mit dem Thema hatte sie bereits früh Erfahrungen gesammelt: Um die Jahrhundertwende bewirtschafteten Carl und Christina Piper einige Jahre Ekebygård auf Ekerö nahe Stockholm, wo Christina sich unter anderem mit den dortigen Fischteiche befasste.[4] In Schonen wurden im 17. und 18. Jahrhundert hauptsächlich Karauschen gezüchtet – eine Fischart, die gut an das schwedische Klima angepasst war und als Delikatesse galt. Fischteiche und die damit verbundene Fischzucht entwickelten sich zu einem distinktiven Element der Gärten.[5]

Unterhalb des Herrenhauses entstand bis 1751 ein dreiflügeliges Wirtschaftsgebäude, das Mitte des 19. Jahrhunderts am selben Standort neu errichtet wurde (Abb. 147–149).

Das Ensemble wurde als Scheune und Stall genutzt; letzterer beherbergte Ochsen für die Feldarbeit, Schweine, Schafe und Ziegen sowie im Winter die Arbeitspferde der Alaunhütte. [6] Die beachtliche Größe weist auf die umfangreiche landwirtschaftliche Produktion in Christinehof. Gillberg benennt 1767 einen Verbrauch von über 2000 Tonnen Getreide im Jahr, teils auch von den umliegenden Gehöften bezogen.[7] Die landwirtschaftlichen Erzeugnisse, darunter Gerste, Buchweizen, Roggen, gesalzenes Schweinefleisch und Aal, wurden in das große Lagerhaus neben der Alaunproduktion transportiert und von dort an die Arbeiterschaft ausgegeben. Ein Großteil des Getreides fand zudem Verwendung für die Herstellung von Branntwein.[8] Oberhalb des größeren Fischteichs befinden sich zudem ein Eiskeller und ein achteckiges Hühnerhaus (Abb. 34), das vermutlich nach Christina Pipers Tod errichtet wurde.[9]

Die Alaunhütte stellte den hauptsächlichen Wirtschaftszweig in Christinehof dar. Mehrere Karten veranschaulichen die bauliche Organisation des Areals. Die früheste Darstellung stammt aus dem Jahr 1650[10] (Abb. 7) und zeigt die entlang des kleinen Flusses Verkeån angeordneten Produktions- und Lagerstätten sowie das etwas abseits gelegene erste Herrenhaus, Andrarums gård (Abb. 8).

Derselbe Ausschnitt sollte für die meisten Karten gewählt werden. Das weiter entfernt gelegene Herrnhaus von Christina Piper wird folglich meist nicht auf ein und derselben Karte wie die Alaunhütte abgebildet. Zu den wichtigsten Darstellungen zählt jene von 1711 mit ausführlicher Legende, auf der auch das alte Herrenhaus noch zu sehen ist (Abb. 13), sowie jene von 1730 mit Darstellung der Verkalinjen (Abb. 39a–b)[11], welche die Grenze für den erlaubten Holzbezug anzeigte. Zwei Karten aus dem Jahr 1740 geben die Produktionsstätten um das Flüsschen wieder (Abb. 40, 41). Darauf lassen sich die Laugenbecken und die umgebenden Gebäude nachvollziehen, darunter beispielsweise Lager-, Pfannen- und Kesselhäuser, das große Lagerhaus, der Glockenturm sowie die Unterkunft des Inspektors. Die Bauten der Alaunhütte werden von Gillberg 1767 als „wackert, stort och anseenligit, liknandes en Stad“[12] beschrieben. Die in der Landschaft erhaltenen Spuren lassen den Produktionsvorgang bis heute anschaulich werden (Abb. 20, 21, 45, 151).

Im Jahr 2023 wurde im Alaungebiet eine Bodenradaruntersuchung durchgeführt[13], welche die Karte von 1711 als äußerst präzise bestätigte (Abb. 152–157, s.u.). Neun Alaunbecken sind bis heute erhalten. Die Trennwände der inneren Abteilungen bestanden vermutlich aus Ziegelmauern oder Holz. In manchen Becken sind mit großer Wahrscheinlichkeit noch Böden vorhanden. Die vier Becken im Nordwesten (22,5 x 12 m) waren offenbar in acht kleinere Bereiche (je 5 x 5 m) unterteilt, mit einem etwa 1,2 m breiten Kanal in der Mitte. Die fünf Becken im Südosten (ebenfalls 22,5 x 12 m) wiesen dagegen offensichtlich eine Unterteilung in vier Becken (je 8,5 x 4,5 m) auf.

Die Arbeiterhäuser sind in weiterer Entfernung meist als einzelne Punkte in der Landschaft dargestellt, scheinbar ohne systematische, bewusst angelegte Struktur. Im Gegensatz zu den „ganzheitlich“ geplanten Idealsiedlungen der schwedischen Eisenhütten – insbesondere Lövsta und in der Nachfolge beispielsweise Erstavik, Gimo, Österbybruk oder Forsmark – scheint in Andrarum der Fokus nicht auf einer konzeptuell gestalteten Anlage gelegen zu haben. Vielmehr ist das Areal mit steigender Bevölkerungszahl und sich zunehmend verdichtender Infrastruktur weitgehend organisch gewachsen. Die Unterkünfte der Arbeiterschaft bestanden aus einfachen Fachwerkhäusern (Abb. 11, 42, 158, 159), meist auf rechteckigem Grundriss, mit Strohdächern und teils einem vorspringenden Teil für den Ofen.[14] Im Jahr 1770 etwa gab es 124 Arbeiterhäuser, in denen 173 Familien lebten. [15]

Aus den Jahren 1758–1759 sind im Archiv von Christinehof beispielsweise einige Zeichnungen erhalten, die verschiedene Gebäude auf dem Alaungelände dokumentieren, darunter das Schulgebäude, das Direktorenhaus und mehrere Wohnhäuser.[16] Ein Glockenturm war mindestens seit 1675 fester Bestandteil der Alaunhütte, wobei Norrevång der früheste überlieferte Standort ist. Der Glockenturm diente vor allem dazu, die Arbeiterschaft zum Gebet zu rufen. Im Jahr 1730 fiel er – zusammen mit weiteren Gebäuden – einem großen Brand zum Opfer und wurde in Bergsbo nahe des Inspektoren-Hauses wieder aufgebaut, wo er bis 1758 stand. Als die Kirche in Andrarum im Jahr 1750 eine neue, größere Glocke erhielt, wurde die alte Glocke von 1572 im Glockenturm angebracht, wo sie bis 1767 verblieb. Die heutige Glocke wurde 1769 von Andreas Wetterholt in Malmö gegossen.

Im Jahr 1791 baute der Zimmermann Hans Nilsson Winberg einen neuen Glockenturm, etwa 30 Meter östlich des heutigen Standorts. Vermutlich um 1800 wurde der Glockenturm im Zusammenhang mit dem Bau eines neuen Inspektorenhauses (heute als Förvaltarstallet bekannt) an das östliche Ende der Alaunhütte versetzt. Diese Verlegung stand auch in Zusammenhang mit dem Abbau des südlichen Werks und des Pfannenhauses 1792. Laut einer Inschrift wurde der Glockenturm 1912 wieder aufgebaut, eventuell nach einem Einsturz, und 1957 renoviert und umgestaltet. Seine Konstruktion ist seit 1730 vermutlich ähnlich geblieben. Im Jahr 2011 wurde eine umfassende Restaurierung vorgeschlagen; 2020 schließlich wurde der Glockenturm auf demselben Fundament neu errichtet.[17] Erwähnenswert ist zudem die bereits in das 18. Jahrhundert zurückreichende Tanzfläche, die für die Arbeiterschaft der Alaunhütte zu einer zentralen Freizeiteinrichtung wurde und langfristig eine wichtige Tradition für die Region mit regelmäßigen Veranstaltungen darstellte. Erst 2009 erfolgte ihre Schließung.[18]

  1. Bei Gillberg heißt es: „Emellan Borg och Ladugården ligga 2:ne fiskedammar belägne.“ Gillberg 1767, https://www.osterlenanor.se/andrarum/ (16.04.2024).
  2. Vgl. die Beispiele bei Svanberg/Bonow/Olsén 2012.
  3. Dieses System wird von Linné beschrieben. Vgl. Linné 1751, S. 266, https://linnean-online.org/119992/#?s=0&cv=295&z=-0.0398%2C0.0652%2C1.0682%2C1.3064 (13.11.2023).
  4. Vgl. Norrhem 2010, S. 53.
  5. Vgl. Svanberg/Bonow/Olsén 2012, S. 86.
  6. Vgl. https://www.christinehofslott.se/christinehofs-gard/ (29.09.2023).
  7. Vgl. Gillberg 1767, https://www.osterlenanor.se/andrarum/ (16.04.2024).
  8. Vgl. https://www.christinehofslott.se/christinehofs-gard/ (29.09.2023).
  9. Das Hühnerhaus ist bei Barnekow nicht eingezeichnet, aber Teil der Karte von 1864. Im 20. Jahrhundert wurde es auch als Wohnhaus genutzt. Vgl. https://www.christinehofslott.se/attakanten-och-iskallaren/ (29.09.2023).
  10. Aus dem 17. Jh. existiert eine weitere Karte von 1685, abgebildet bei Stoltz 1932, Fig. 3, S. 72–73 (siehe dort auch für die Archivsituation).
  11. Die Karte findet sich auch in zwei Versionen im Archiv von Christinehof, J/X 117 a–b.
  12. Vgl. Gillberg 1767, https://www.osterlenanor.se/andrarum/ (16.04.2024).
  13. Vgl. für die Ergebnisse der Bodenradaruntersuchung den Endbericht von GeoSphere Austria (2025), S. 31, [link].
  14. Anlässlich der Neueindeckung des Daches der heutigen Kaffestugan wurde in einer kleinen Studie die Frage aufgeworfen, ob die Häuser einst mit Reet oder Stroh gedeckt waren. Läge ersteres zwar aufgrund des nahen Sees Verkasjön nahe, sind zumindest im 19. Jahrhundert große Strohlieferungen belegt, die für die Arbeiterhäuser gewesen sein müssen, da der Brandschutz eine Verwendung auf den Produktionsgebäuden bereits verbot. Vgl. Rosenberg 2013.
  15. Vgl. Björkander 2008, S. 24.
  16. Vgl. Archiv Christinehof, F/I 5, 36–44.
  17. Vgl. Juhlin Alftberg/Stalin Åkesson 2011, S. 16–17; https://www.christinehofsekopark.se/om-ekoparken/klockstapeln/ (12.04.2024).
  18. Vgl. Juhlin Alftberg/Stalin Åkesson 2011, S. 5–6. Die Tanzfläche mit den dazugehörigen kleinen Gebäuden wurde 1951 an ihren heutigen Standort neben dem Schieferbruch verlegt.
Abb. 24 Adolf Fredrik Barnekow, Plan und Ansicht von Christinehof, aus: Dagbok öfwer en resa igenom åtskillige av rikets landskaper gjord, 1768, Tab. 24, Uppsala University Library, Kart- och bildsamlingarna
Abb. 32 Christinehof, Fischteich
Abb. 131 Christinehof, Fischteich
Abb. 148 Christinehof, Landwirtschaftsgebäude
Abb. 34 Christinehof, Hühnerhaus
Abb. 13 Geometrisk Charta Uppå Andrarums Alunewärk (...), 1711, Lantmäteristyrelsens arkiv K1-3:1
Abb. 39a Anton Cöpinger, Geographisk Charta öfwer Alunbruketz Skogar (…), 1730, Lantmäteristyrelsens arkiv K3
Abb. 39b Anton Cöpinger, Geographisk Charta öfwer Alunbruketz Skogar (…), 1730, Lantmäteristyrelsens arkiv K3
Abb. 40 Geometrisk Delineation öfwer Andrarums Alunbruk, 1740, Lantmäteristyrelsens arkiv, K1-3:2
Abb. 41 Geometrisk Delineation öfwer Andrarums Alunbruk, 1740, Lantmäterimyndigheternas arkiv, 11-and-3
Abb. 45 Christinehof, Gebiet der ehemaligen Alaunproduktion im Jahr 2023
Abb. 151 Christinehof, Gebiet der ehemaligen Alaunproduktion im Jahr 2022
Abb. 158 Wohnhäuser, Alaunhütte in Andrarum
Abb. 159 Wohnhaus, Alaunhütte in Andrarum