11. Kirche und Dorfstrukturen
- 01. Einführung
- 02. Forschungsstand
- 03. Geschichte der Anlage vor dem 18. Jahrhundert
- 04. Überblick zur Gesamtanlage
- 05. Wirtschaftlicher Kontext
- 06. Besitzverhältnisse im 18. Jahrhundert
- 07. Herrenhaus: Baugeschichte und Architektur
- 08. Innenräume im 18. Jahrhundert
- 09. Garten und Park im 18. Jahrhundert
- 10. Wirtschaftsanlage
- 11. Kirche und Dorfstrukturen
- 12. Geschichte der Anlage nach dem 18. Jahrhundert
- 13. Quellen- und Literaturverzeichnis
AndrarumDie Allee, die nach Christinehof führt, bildet nicht nur eine repräsentative Zufahrtsstraße zum Herrenhaus, sondern verbindet es auch auf direktem Weg mit dem etwa zwei Kilometer entfernten Dorf Andrarum.[1] Die dortige Pfarrei wird erstmals im Jahr 1350 unter dem Namen Androetharum erwähnt.[2] Erhöht auf einem Hügel steht die Kirche, deren Ursprünge in das 12. Jahrhundert zurückgehen. Das Dorf selbst ist entlang der zentralen Dorfstraße angelegt und war im 18. Jahrhundert eng mit der nahen Alaunhütte verbunden. Die früheste Übersichtskarte der Region, die Skånska rekognosceringskartan[3] (Abb. 161), zeigt die Siedlung und ihre Nähe zur Alaunhütte und zu Christinehof. Insbesondere die baulichen Erweiterungen und die Innenausstattung der Kirche zeugen von dem Einfluss der Pipers. Der angrenzende Friedhof gibt Aufschluss über Sozialstruktur und Bevölkerungsentwicklung im Kontext der Alaunindustrie. Heute sind in Andrarum nur wenige Gebäude aus der Zeit vor 1900 erhalten. Im Jahr 1767 gab es im Dorf ein Pfarrhaus (prästgård), mehrere Christinehof unterstehende Gutshöfe (frälsehemman) und acht sogenannte gatehus, womit entlang einer Dorfstraße gebaute Häuser benannt wurden. Im Zuge der landwirtschaftlichen Bodenreform in Schweden (enskiftet) kam es im 19. Jahrhundert zu grundlegenden Neuaufteilungen des Grundbesitzes. Zu dieser Zeit existierten in Andrarum insgesamt 23 Höfe, die sich hauptsächlich westlich der Kirche situierten und den Pipers unterstanden. Die meisten Gebäude waren aus Holz und vermutlich mit der bei der Alaunproduktion abfallenden roten Farbe bemalt.[4] Flurkarten aus den Jahren 1807 und 1808[5] zeigen den Charakter der umliegenden Landschaft, die überwiegend von Acker- und Weideflächen geprägt war.[6] KircheDie Religion spielte im Leben von Christina Piper eine wesentliche Rolle. Ihre Korrespondenzen zeugen von einer tiefen Frömmigkeit, die sich sowohl in ihrem karitativen Engagement als auch in ihren Investitionen in diverse Kirchengebäude widerspiegelte. Letztere standen auch im Zeichen eines Machtbewusstseins: Christina Piper bemühte sich in Schonen um Kontrolle und Einfluss in den Gemeinden und erlangte die Patronatsrechte in Andrarum, Högestad, Krageholm und Sövestad.[7] Die Baugeschichte der Kirche in Andrarum[8] (Abb. 26, 162, 163) geht vermutlich – ähnlich anderer romanischer Kirchen der Region – auf das 12. Jahrhundert zurück. Einige mittelalterliche Elemente haben sich erhalten.[9] Wahrscheinlich im 15. Jahrhundert wurden Gewölbe eingezogen, die um 1475–1525 von einer heute unbekannten Werkstatt, dem sogenannten „Meister von Everlöv“ (Everlövsmästaren), mit Fresken bemalt wurden (Abb. 164). Mit der Gründung der Alaunhütte durch Jochum Beck im 17. Jahrhundert verzeichnete Andrarum einen sprunghaften Bevölkerungsanstieg – bereits Beck plante eine Erweiterung der Kirche, die jedoch nicht verwirklicht wurde.[10] Erst 1709 wurde ein kleiner Erweiterungsbau nach Norden vollendet und entstanden zwei Gruftgewölbe, in die der 1682 verstorbene Jochum Beck und seine Frau Elsa Friis umgebettet wurden.[11] Als Christina Piper die Alaunhütte um 1725 übernahm, rückte auch die Kirche zunehmend in ihren Fokus. Sie initiierte zahlreiche Erneuerungen und stiftete mehrere Ausstattungsobjekte für den Innenraum, die nahezu alle von dem von ihr geförderten schonischen Bildhauer Johan Jerling ausgeführt wurden.[12] Andrarums Kirche war kein Einzelfall: Christina Piper beschäftigte Jerling auch in den Kirchen in Sövestad, Baldringe, Högestad, Ängsö und Vist bei Sturefors[13], zudem in der Kapelle ihres Hauptwohnsitzes in Krageholm, die nach Plänen von Nicodemus Tessin d. J. errichtet worden war. Der hohe Stellenwert der Kirchenausstattungen spiegelt die hohe Bedeutung, die Christina Piper dem Glauben zeitlebens einräumte. Wie ihr Mann, Carl Piper, war auch sie eine überzeugte Anhängerin des Pietismus und bewahrte fast ausschließlich religiöse Literatur in ihrer Bibliothek in Krageholm auf.[14] Zugleich boten die Kirchen einen öffentlichen Raum, in dem sie ihren Einfluss in der Region sowie ihren materiellen Erfolg eindrucksvoll vor Augen führen konnte. Noch 1750 stiftete sie für die Kirche in Andrarum eine neue Glocke, die indes vermutlich zum Einsturz des Turms im selben Jahr führte. Unter ihrem Sohn, Carl Fredrik Piper, erfolgte 1768 schließlich ein großer Anbau im Norden, die sogenannte Verkakyrkan, mit darunter liegender Gruft.[15] Am Nordgiebel sind noch heute die großen Initialen von Carl Fredrik Piper und seiner Frau Ulrike Christina Mörner sowie die Jahreszahl 1768 zu sehen (Abb. 165, 166). Die Kosten wurden jedoch nur als Darlehen gewährt und mussten zurückgezahlt werden. Zur gleichen Zeit wurde auch der Friedhof vergrößert um hauptsächlich Beschäftigte der Alaunhütte aufzunehmen, deren soziale Struktur sich anhand der Gräber bis heute ablesen lässt.[16] Im 19. Jahrhundert erfolgten zahlreiche Eingriffe, von denen der Neubau eines Turms im Westen im Jahr 1817 nach Entwürfen von P. W. Palmroth den Charakter der Kirche am nachhaltigsten veränderte. Weitere Umbauten – darunter ein neuer Eingang, die Umstellung des Altars sowie der Umbau der Waffenkammer in einen Chor mit Sakristei – führten zu weitern Veränderungen, jedoch blieben die grundlegenden Züge des 18. Jahrhunderts erhalten. Im 20. Jahrhundert fanden mehrere Renovierungsmaßnahmen statt, die unter anderem den Fußboden, die Kirchenbänke und die Wände betrafen.[17] InnenraumausstattungDer Einfluss von Christina Piper manifestierte sich insbesondere in der Ausstattung der Kirche. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhundert entstand ein repräsentativer, dem Status der Stifterin angemessener Innenraum (Abb. 167)., Die kostspieligen Ausstattungsobjekte gab Christina Piper erst ab 1742 in Auftrag und somit etwa ein Jahr nach der Fertigstellung von Christinehof. Johann Jerling schuf eine Kanzel mit Baldachin und Dekorelementen aus vergoldetem Holz (Abb. 168, 169): Tiersymbole der Evangelisten, Arabesken, Akanthusblätter und Engelsfiguren sowie ein bekröntes Monogramm auf dem Baldachin zieren das Ensemble. Jerling realisierte zudem 1750 einen Altaraufsatz mit einem Gemälde, das eine Abendmahlsszene zeigt. Der prächtige, geschnitzte Holzrahmen wird von zwei Säulen eingefasst; darüber erhebt sich ein Aufbau, auf dem zentral eine Christusfigur und beidseitig zwei Engelsfiguren platziert sind (Abb. 170).[18] Im selben Jahr stiftete Christina Piper eine große Uhr, die von Andreas Wetterholtz ausgeführt wurde.[19] Die Kirche in Andrarum vereinte folglich mehrere Funktionen: Sie war ein Ort für die Gemeinde und insbesondere die Beschäftigten der Alaunhütte, aber sollte gleichermaßen den repräsentativen Ansprüchen einer Schlosskirche in unmittelbarer Nähe zu Christinehof gerecht werden.[20]
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